Nach G-7-Eklat

Börsen reagieren gelassen auf Trump

Von Markus Frühauf und Philipp Krohn, Frankfurt
 - 22:15

Der Paukenschlag auf dem G-7-Gipfel vom Wochenende, dessen Abschlusserklärung der amerikanische Präsident kurzerhand per Twitter-Nachricht revidierte, geht auch die Märkte etwas an. Starke Börsenreaktionen aber hat er in Europa und Amerika nicht ausgelöst. Die großen Indizes starteten mit Zugewinnen in die Woche, der Eurostoxx 50 der wichtigsten europäischen Werte legte 0,95 Prozent zu, der deutsche Leitindex Dax kam um 0,6 Prozent voran, und der italienische Leitindex verbesserte sich sogar um 3,4 Prozent.

Wer Fachleute in Frankfurt und anderswo fragte, bekam sinngemäß diese Antwort: Die politischen Auseinandersetzungen um den Welthandel seien besorgniserregend, aber weitgehend in den Kursen enthalten. Eine weitere Eskalation, wie sie Trumps Tirade gegen den kanadischen Ministerpräsidenten Trudeau bedeutet, ist da nur ein weiteres Zeichen für die Unzuverlässigkeit des Mannes im Weißen Haus, aber noch keine spürbare Einschränkung für die europäischen Exportunternehmen aus der Auto- und Stahlindustrie. „Handelsseitig und auch wirtschaftspolitisch gab es für die westlichen Industriestaaten keine echten Neuigkeiten“, sagte Andreas Lipkow von der Comdirect Bank. „Die Unwägbarkeiten sind zwar geblieben, waren aber bereits im Vorhinein an den Börsen eingepreist.“

Mit der nach wie vor stützend wirkenden expansiven Geldpolitik begründet Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS, des Vermögensverwalters der Deutschen Bank, die gelassene Reaktion der Börsen auf den G-7-Krach. „Die Anleger haben sich in den letzten Jahren angewöhnt, bei Kursrückschlägen nachzukaufen“, sagte er der F.A.Z. Damit seien sie oft gut gefahren.

Stimmung wechselt mittlerweile im Tagestakt

Auf die alte Anlegerweisheit, wonach politische Börsen kurze Beine haben, verweist Bernd Meyer, Chefanlagestratege der Berenberg Bank. Dies trifft seiner Ansicht nach zu, wenn die Politik die Wirtschafts- und Gewinnentwicklung nicht wesentlich und nachhaltig beeinträchtige. „Und das ist noch nicht geschehen“, betont er. Bislang sei es nur zu indirekten Effekten einer etwas eingetrübten Wirtschafts- und Marktstimmung gekommen. Der direkte Effekt der in Kraft getretenen Zölle sei verschwindend gering, fügt der Berenberg-Stratege hinzu.

In jüngster Zeit seien Stimmungswechsel an der Börse immer häufiger geworden, sagt Kreuzkamp. Ein gutes Beispiel seien die Marktreaktionen auf die politischen Entwicklungen in Italien gewesen. Die politische Situation in Rom bleibe verworren und war das auch schon vor den Wahlen im März. Aber der Markt schwanke – inzwischen fast im Tagestakt – zwischen Gleichgültigkeit, Panik und Euphorie. Solche Muster könne man durchaus mit Sorge beobachten. „Wir erwarten auch für die kommenden Monate durchaus einige Verwerfungen, zum Beispiel durch den bevorstehenden Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus den Anleihekaufprogrammen“, sagt Kreuzkamp.

Berenberg-Stratege Meyer schließt deutlichere Bremsspuren nicht aus, falls sich der Handelskonflikt zu einem Handelskrieg verschärfen sollte oder ein Euro-Austritt Italiens wieder verstärkt befürchtet werde. „Wir erwarten diese Entwicklungen nicht, halten sie aber auch nicht für unmöglich“, sagt er. Wenn sich die politischen Risiken nicht verschärfen, rechnet er im weiteren Jahresverlauf mit einer Stabilisierung im Euroraum und in Japan. Der Wachstumszyklus sollte dann weit in das kommende Jahr tragen. Ein solides Wachstum der Unternehmensgewinne und keinesfalls übertriebene Bewertungen sprächen dann weiterhin für Aktien, sagt Meyer.

An diesen Einschätzungen ändert sich auch nichts dadurch, dass von mittags an die Kurse fielen und die Anfangsgewinne wieder einbüßten. Andere Themen rückten stärker in den Vordergrund: das Treffen von Trump mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un etwa oder die zwei in dieser Woche stattfindenden Notenbanksitzungen. Die amerikanische Zentralbank Fed entscheidet über eine weitere Zinserhöhung, die EZB über ein mögliches Auslaufen der Anleihekäufe.

Telekom hält trotz Unsicherheitsfaktor Trump an Expansion fest

Auch die amerikanischen Börsen reagierten nicht auf den G-7-Eklat, sie notierten bei Handelsstart nahezu unverändert. So darf man es zwar martialisch, nicht aber marktbestimmend nennen, wenn sich Trumps Handelsberater Peter Navarro so zu Wort meldet: „Es gibt in der Hölle einen besonderen Platz für jeden ausländischen Regierungschef, der in böser Absicht Diplomatie mit Präsident Donald J. Trump betreibt und dann versucht, ihm ein Messer in den Rücken zu stemmen, wenn er zur Tür hinausgeht.“

Auch für deutsche Unternehmen mag das eine erschreckende Rhetorik sein, von ihren Plänen lassen sie sich nicht abbringen. Die Deutsche Telekom teilte am Montag mit, mögliche amerikanische Zölle würden sie nicht davon abhalten, den Wettbewerber Sprint zu übernehmen. „Diese Planungen sind von der Erhebung von Zöllen im Warenverkehr zwischen Europa und den Vereinigten Staaten nicht tangiert“, hieß es in der Mitteilung.

Italien will im Euro bleiben

Italien erlebte am Montag wieder einmal einen Aufwärtstrend. Verarbeitet wurde damit ein Interview, das der neue italienische Wirtschaftsminister Giovanni Tria gegeben hat. Er versicherte, dass ein Ausstieg aus dem Euro für seine Regierung keine Option sei. Den italienischen Leitindex trieb das zunächst um 2,5 Prozent in die Höhe. Die Erholung der Banken fiel noch deutlicher aus, und die Rendite zehnjähriger Anleihen ging auf 2,88 Prozent zurück.

Quelle: F.A.Z.
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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