Notenbank Fed

Anleger, schaut auf diesen Mann!

Von Dennis Kremer
 - 09:08

Als Donald Trump am vergangenen Donnerstag im Rosengarten des Weißen Hauses zur Pressekonferenz empfing, konnte sich die Welt ein weiteres Mal die Frage stellen, ob Amerikas Präsident noch ganz bei Trost sei. Bei oberflächlicher Betrachtung ließ sich der Eindruck nicht ganz von der Hand weisen. Gerade hatte Trump verkündet, dass von Februar 2018 an Jerome Powell, ein 64-jähriger Jurist und Multimillionär, die wichtigste Notenbank der Welt leiten würde – die amerikanische Notenbank Fed. Das wirkt auf den ersten Blick in etwa so, als würde man ausgerechnet einem Ökonomen und eben keinem Juristen die Führung des Obersten Gerichtshofs des Landes anvertrauen.

Wer die Geschichte der Fed studiert, stößt auf einen vergleichbaren Fall aus dem Jahr 1978, der wenig Mut macht: Damals ernannte Präsident Jimmy Carter den Rechtsanwalt G. William Miller zum Chef der Notenbank. Er hielt sich gerade einmal ein Jahr an der Spitze, weil es ihm nicht gelang, die hohe Inflation im Zaum zu halten. Seine kurze Amtszeit war ein Desaster. Hätten die stets hypersensiblen Finanzmärkte die Befürchtung, Trumps Kandidat Powell könnte auf ähnlich spektakuläre Weise versagen, wären am Donnerstag wohl die Börsenkurse in aller Welt abgestürzt. Doch nichts dergleichen geschah, die Aktienkurse stiegen sogar leicht. Ist die Entscheidung Donald Trumps also womöglich sogar eine gute Wahl?

Viel spricht dafür, auch wenn leichte Zweifel bleiben – was nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Amt neu besetzt wird, das mit großer Verantwortung einhergeht. Doch angesehene Wirtschaftswissenschaftler wie Clemens Fuest, Leiter des Münchner ifo-Instituts, bescheinigen dem amerikanischen Präsidenten, eine kluge Wahl getroffen zu haben. „Das war eine sehr überlegte Entscheidung von Trump, ganz anders, als es sein sonstiger Politikstil oft suggeriert.“ Die Einschätzung mag überraschen, wird aber plausibel, wenn man sich ein wenig mit dem Wesen der Börse auseinandersetzt.

Steht Powell für Berechenbarkeit?

Finanzmärkte werden üblicherweise nicht gerne in ihren routinierten Abläufen gestört, sie bevorzugen es, wenn alles so bleibt, wie es ist – ist ein Lieblingswort vieler Investoren. Powell ist zumindest kundigen Investoren nicht unbekannt. Er ist nämlich bereits seit dem Jahr 2012 Mitglied im Direktorium der Fed und hat in dieser Zeit so gut wie alle Entscheidungen der jeweils amtierenden Notenbankchefs mitgetragen. Zunächst war dies bis 2014 Ben Bernanke, dann folgte Janet Yellen. „Es ist darum nicht vorstellbar, dass Powell sich im neuen Amt gegen die Geldpolitik stellen wird, die er bislang unterstützt hat“, sagt Andrew Bosomworth von der einflussreichen Fondsgesellschaft Pimco.

Bei aller Kritik, die die Politik außerordentlich niedriger Zinsen bis heute hervorruft: In der Amtszeit Janet Yellens sind Aktienanleger bislang hervorragend damit gefahren. Amerikas Börsen erreichen in diesen Wochen ständig neue Rekordhochs, gleichzeitig ist die Konjunktur in bester Verfassung, und die Arbeitslosenquote liegt mit 4,1 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit 17 Jahren. Was können Anleger mehr wollen, als dass sich dies auch unter dem neuen Notenbankchef so fortsetzt?

Man muss sich klarmachen, was es bedeutet hätte, wenn nicht der Jurist Powell, sondern Starökonom John Taylor an die Spitze der Fed berufen worden wäre, wonach es einige Zeit aussah. Taylor ist genau wie Bernanke und Yellen ein hochdekorierter Forscher. Er hat sogar eine berühmte, nach ihm benannte Regel aufgestellt, womit sich unter gegebenen Bedingungen der jeweils optimale Leitzins für eine Zentralbank berechnen lässt. Taylor hat zwar nie gefordert, dass man sich sklavisch daran halten müsse, aber zurzeit ergäbe seine Regel einen Leitzins von vier Prozent. Tatsächlich liegt der Leitzins in Amerika derzeit in der Bandbreite zwischen 1 und 1,25 Prozent. Angesichts dieser Diskrepanz wäre mit einem Notenbankchef Taylor ein deutlich stärkerer Anstieg der Leitzinsen zu erwarten gewesen, als es unter Powell wahrscheinlich ist. Man darf annehmen: Taylors Ernennung hätte die Anleger verunsichert und die Börsen erschüttert.

Fehlende ökonomische Ausbildung

Die fehlende ökonomische Ausbildung Jerome Powells, der noch vom Senat bestätigt werden muss, sieht dagegen kaum ein Experte als ein großes Problem an. „Es kommt in Powells Fall weniger auf das Studienfach an, sondern mehr auf Erfahrung. Und die kann er vorweisen“, sagt ifo-Leiter Fuest. Juristen sind in der Lage, große Institutionen der Weltwirtschaft überzeugend zu leiten, wie das Beispiel von Christine Lagarde zeigt. Die einstige Rechtsanwältin steht seit 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds IWF.

Dass Jerome Powell wie einst der legendäre Fed-Chef Alan Greenspan zu einer Art Magier der Märkte werden könnte, steht allerdings nicht zu erwarten. Powells Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses war von Demut und Respekt vor der Aufgabe geprägt: „Geldpolitische Entscheidungen haben Auswirkungen auf das Leben amerikanischer Familien. Ich will dem amerikanischen Volk dienen.“ Eine mitreißende Rede hielt Powell nicht. Vielleicht sollte man das aber auch gar nicht von ihm erwarten. Ein guter Notenbanker, das gehört quasi zur Stellenbeschreibung, sollte im besten Sinne langweilig sein und nicht zu viel Aufhebens um sich machen. Genügt doch ein unbedachtes Wort, um die gesamte Finanzwelt zu verunsichern.

Ob Jerome Powell für alle Unwägbarkeiten seiner neuen Tätigkeit gewappnet ist, lässt sich trotzdem bezweifeln. Eine waschechte Finanzkrise hat er in seiner bisherigen Zeit als einfaches Direktoriumsmitglied nicht erleben müssen. Es ist eine Erfahrung, die ihm fehlt. Selbst ohne ein solches Extremerlebnis steht der Neue vor einer delikaten Aufgabe: Er muss einerseits den Leitzins weiter behutsam anheben, um der Fed Spielraum nach unten zu verschaffen, wenn es der Wirtschaft tatsächlich einmal wieder schlechter gehen sollte. Und er muss andererseits aufpassen, den Leitzins nicht zu schnell zu erhöhen, weil dies das Wirtschaftswachstum abwürgen kann. Jerome Powell ist sich des Zwiespalts bewusst. In seinen eher raren öffentlichen Äußerungen findet sich ein Wort immer wieder: Es gehe in der Geldpolitik stets um die richtige Balance.

Bislang hat dies die Fed unter Führung Janet Yellens einigermaßen hinbekommen. Doch mit der richtigen Balance kann es schneller vorbei sein, als Anlegern lieb sein dürfte. „Die größte Gefahr in Amerika besteht derzeit in einem deutlichen Anstieg der Inflation, zum Beispiel wegen steigender Löhne“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. „Darauf müsste die Zentralbank mit deutlichen Zinserhöhungen reagieren.“ Mit der so mühsam austarierten Balance wäre es vorbei, die Aktienkurse würden fallen. Manch einer erwartet gar, dass in einer solchen Situation ein Großteil des Börsenaufschwungs der vergangenen Jahre wie künstlich in sich zusammenfallen könnte.

So weit muss es nicht kommen, zumal die Löhne in Amerika trotz guter Arbeitsmarktlage bislang kaum steigen. Allerdings könnte es sein, dass eine bestimmte Überzeugung des designierten Notenbankchefs sich gerade in Krisenzeiten negativ auswirkt: Powell hat sich in der Vergangenheit für Erleichterungen bei der Regulierung von Banken ausgesprochen. Auch das muss zunächst einmal gar nicht so schlimm sein. So dürfen Banken in Amerika in der Regel keine Wertpapiergeschäfte auf eigene Rechnung betreiben. Dies zu überprüfen ist jedoch sehr umständlich, da einige Geschäfte (wie das Sicherstellen eines funktionierenden Handels in einem bestimmten Marktsegment) eben doch erlaubt sind. Die Banken müssen die Rechtmäßigkeit eigenhändig nachweisen. Die Frage ist, ob sich dieser erhebliche Aufwand lohnt. Würde Powell für eine Änderung werben, wäre dies also sinnvoll.

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Anders sähe dies aus, wenn er die Eigenkapitalregeln für Banken laxer gestalten wollte, was ihm manche nachsagen. Eigenkapital ist jenes Geld, was Banken von ihren Eigentümern – also von ihren Aktionären – erhalten. Es wäre gefährlich, wenn Powell den Instituten erlauben würde, weniger davon vorzuhalten, warnt ifo-Chef Fuest. Dies mache Banken unsicherer, weil sie dann in Krisenzeiten auf weniger Eigenkapital als Puffer zurückgreifen könnten.

Andererseits weiß Powell genau, was es heißt, wenn Banken nicht ausreichend gefestigt sind. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete Powell in den 1990er Jahren im amerikanischen Finanzministerium. In diese Zeit fiel auch die Schieflage hunderter amerikanischer Regionalbanken. In einer Rede im Jahr 2013 sagte Powell, er habe damals verstanden, wie wichtig es sei, Banken widerstandsfähig zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass er sich auch heute noch daran erinnert. Dann könnte es sein, dass die Amerikaner und die Anleger in aller Welt mit dem Juristen an der Spitze der Notenbank einige gute Jahre erleben werden.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBen BernankeClemens FuestDonald TrumpJanet YellenJerome PowellJimmy CarterAmerikaRosengartenFederal Reserve BankIWFPacific Investment ManagementNotenbank