Staatsanleihen

Venezuela nähert sich weiter dem Zahlungsausfall

Von Markus Frühauf
 - 17:28

Der Ölstaat Venezuela steht nicht nur politisch unter Druck. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass ein Staatsbankrott immer näher rückt. Gläubiger des südamerikanischen Landes beantragten nun bei der in New York ansässigen Derivateorganisation International Swaps and Derivatives Association (Isda), formell einen Zahlungsausfall des staatlichen Ölkonzerns PDVSA festzustellen. Dann könnten Inhaber von Kreditausfallversicherungen, sogenannten Credit Default Swaps (CDS), Geld erhalten. Gemessen an der CDS-Prämie, geht der Markt schon von einem Zahlungsausfall aus.

Diese beträgt für den Staat nun mehr als 15.200 Basispunkte oder 152 Prozent. Theoretisch bedeutet dies, dass der Anleger, der eine Forderung auf Venezuela absichern will, eine Jahresprämie zahlen muss, die höher ist als der Betrag, den er versichern will. Eine zehnjährige Anleihe Venezuelas wird nur noch mit 24 Prozent des Nennwerts gehandelt. Die Forderung von einem Dollar ist am Markt nur noch 0,24 Dollar wert. Im Januar hatte der Kurs noch bei 54 Prozent gelegen. Auch dieses Niveau deutet schon auf Zweifel an der Zahlungsfähigkeit. Der Kursverfall in den vergangenen Tagen zeigt, dass die Investoren den Staatsbankrott inzwischen als unvermeidbar betrachten.

Am vergangenen Freitag ist eine PDVSA-Anleihe in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar fällig geworden. Offenbar haben nicht alle Investoren die Tilgungszahlungen erhalten und sich deshalb an die Isda gewandt. Die Ratingagentur Fitch stufte am Dienstag PDVSA von „CC“ auf „C“ herab. Diese Bonitätsnote steht für Zahlungsausfall.

Fitch hatte Venezuela schon in der vergangenen Woche mit dem schlechtesten Rating eingestuft, nachdem Staatspräsident Nicolas Maduro eine Restrukturierung der Schulden angekündigt hatte. Die Zahlung auf die PDVSA-Anleihe sollte aber noch erfolgen. Mit der Restrukturierung will die Regierung mehr Geld für die notleidende Bevölkerung aufbringen.

Venezuela hat zwar die größten Ölreserven der Welt. Die Förderung wird aber durch einen Mangel an Investitionen beeinträchtigt. Zudem ist der Ölpreis weit von früheren Höchstwerten entfernt. Die Analysten von Fitch geben die Devisenreserven Venezuelas mit 10 Milliarden Dollar an. Ihren Angaben zufolge muss das Land in den vergangenen beiden Monaten des Jahres Zinszahlungen von 620 Millionen Dollar stemmen. Im kommenden Jahr sind es 3,3 Milliarden Dollar sowie Tilgungen von mehr als 2 Milliarden Dollar.

Sollte Venezuela am Kapitalmarkt als zahlungsunfähig eingestuft werden, dürfte das Land auf Jahre hinaus keine Anleihen plazieren können. Das weckt Erinnerungen an die Staatspleite Argentiniens im Jahr 2001. Nach langen Jahren der erzwungenen Abwesenheit vom Anleihenmarkt ist das Land mittlerweile wieder aktiv und konnte im Sommer sogar eine Anleihe mit 100-jähriger Laufzeit begeben.

Schwierige Umschuldung

Auch in Deutschland liegen einige Anleihen Venezuelas. An der Stuttgarter Börse, an der viele Privatanleger handeln, zählten Anleihen des Krisenstaates am Donnerstag zu den am häufigsten gehandelten Schuldtiteln. „Den Gläubigern droht nun ein zweites Argentinien“, sagt Marc Liebscher, Rechtsanwalt der auf Kapitalmarktrecht spezialisierten Kanzlei Dr. Späth & Partner. Er leitet auch die Interessengemeinschaft Venezuela-Anleihen der Schutzvereinigung der Kapitalanleger (SdK).

Seinen Angaben zufolge sind viele Anleihen des Staates nicht mit den kollektiven Schutzklauseln (Collective Action Clauses) versehen, so dass wenige Gläubiger eine von der Mehrheit akzeptierte Umschuldung blockieren können. Diese dürften auf eine Vollzahlung dringen, erwartet der Fachanwalt. Zudem erschwerten die von den Vereinigten Staaten verhängten Sanktionen eine geordnete Restrukturierung. Trotz der Ölreserven dürfte Venezuela seiner Ansicht nach nicht in der Lage sein, einen freiwilligen Schuldenschnitt im erforderlichen Umfang zu erreichen.

Ein Zahlungsausfall Venezuelas trifft auch die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs. Deren Vermögensverwalter sollen Anfang des Jahres für 865 Millionen Dollar PDVSA-Anleihen im Nominalwert von 2,8 Milliarden Dollar oder 31 Prozent erworben haben. Am Donnerstag notierten die im Februar 2022 fälligen Titel mit 28 Prozent. Das entspricht einem Verlust von 72 Millionen Dollar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus (maf.)
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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