Geschäft der Essenslieferanten

Verdienen am Hunger von Chinas Mittelschicht

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
 - 06:28

Wie die Stimmung im Wettbewerb von Chinas Internetgiganten in der Schlacht um die Gunst eines Milliardenvolks ist, zeigte jüngst eine Szene, die die „South China Morning Post“ eindrucksvoll beschrieb.

Zwei Mal im Jahr träfen sich die 6500 Manager des Startups Meituan, das im Reich der Mitte an jedem einzelnen Tag per Elektroroller und Fahrrad an 14 Millionen Kunden per Smartphone georderte Gerichte ausliefert, in der Unternehmenszentrale in Peking zum Schwur.

Gemeinsam, so berichtete es ein Manager der Zeitung, werde ein Glas mit chinesischem Hirseschnaps in die Höhe gehalten und eine markige Kampflosung aus der Kehle geschrieben: „Sieg oder Tod!“ Das Ritual sei den Sitten der Armeegeneräle aus dem chinesischen Kaiserreich entlehnt. Allerdings hätten sich diese bei Versagen selbst getötet – während die Manager von Meituan, die ihre Ziele verfehlten, ohne Jahresbonus blieben oder schlichtweg gefeuert würden.

Ihren knallharten Wettbewerb zelebrieren Chinas Essenslieferdiensten mit Inbrunst als Krieg – mit bisher hohen finanziellen Verlusten. So kündigte der Internetgigant Alibaba Ende Juli an, in seine Lieferdienst-App Ele.me, die er ein paar Monate zuvor für 9,5 Milliarden Dollar übernommen hatte, in den folgenden drei Monaten 450 Millionen Dollar zu investieren. Ele.me solle die Nummer eins werden – dafür starte das Unternehmen einen „Krieg im Sommer“.

Erobert werden soll ein Markt für die Bestellung von Essen auf Rädern, der in China auf ein Volumen von rund 200 Milliarden Yuan geschätzt wird (25 Milliarden Euro). Alibabas Dienst Ele.me, dessen Lieferfahrer mit blauen Jacken gekleidet sind, hatte daran im vergangenen Jahr einen Anteil von rund 40 Prozent.

Marktführer Meituan

Die Nummer eins ist Meituan, dessen Fahrer gelbe Jacken tragen. Sein Anteil am Markt lag 6 Prozentpunkte höher als der von der Alibaba-Konkurrenz Ele.me. Dass es beiden Unternehmen nicht nur darum geht, Essen auszuliefern, sondern Plattformen zu bauen, auf denen Chinas je nach Schätzung 200 bis 500 Millionen Menschen starke Mittelschicht für alles Mögliche Geld ausgeben will, das haben auch die Anleger an den Finanzmärkten erkannt.

Meituan geht in der kommenden Woche an die Börse – und darf auf Kursgewinne hoffen. So teilte das Unternehmen mit, dass es den Ausgabepreis der Aktien mit 69 Hongkong-Dollar (7,56 Euro) am oberen Ende der Spanne festsetzt, die es vorher als Zielkorridor festgelegt hatte. Damit schreiben die Investoren Meitunan einen Wert von 53 Milliarden Dollar.

An der Börse sammelt Meituan damit insgesamt 4,2 Milliarden Dollar ein. Der Handel der Aktie startet in Hongkong in der kommenden Woche. In China ist man froh über das Signal, was von der hohen Bewertung ausgeht. Denn Technologieunternehmen hatten in den vergangenen Monaten mit Schwierigkeiten im Reich der Mitte zu kämpfen. Allein der Aktienkurs des hinter Meituan stehenden Tencent-Konzerns fiel seit Jahresbeginn um ein Drittel, nachdem Pekings Regulatoren das Computerspiel-Geschäft des Unternehmens ins Kreuzfeuer nahmen und der Gewinn im zweiten Quartal zu wünschen übrig ließ.

Milliardendefizit

Meituan selbst schreibt weiter hohe Verluste im Kampf um die Kunden, der mit Subventionen und anderen Vergünstigungen geführt wird. In den ersten vier Monaten des Jahres bis zum Monat April verzeichnete das Unternehmen ein Defizit nach Steuern von rund 23 Milliarden Yuan (2,9 Milliarden Euro). Das war im Vergleich zur Vorjahresperiode ein Anstieg von rund 180 Prozent.

Die Kriegsgeneräle von Meituan schreckt das wenig. „Profit is the new loss“ lautet die Parole in Chinas Technologiewirtschaft im Kampf um die Kunden, Gewinne seien in Wahrheit Verluste. Ein Motto, das man in Deutschland und Amerika aus der Dot.com-Blase um die Jahrtausendwende kennt.

Die Investoren von Meituan und Ele.me aber hoffen, dass sich das schnelle Verbrennen von Kapital am Ende auszahlt – mit weltweitem Geschäft. Meituan liefert längst nicht mehr nur Essen aus, sondern arbeitet mit der Bewertungsseite Yelp zusammen, mit dem Hotelbuchungsdienst Booking.com, den Whole-Foods-Supermärkten und dem Zimmervermittlungsdienst Airbnb.

Quelle: FAZ.NET
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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