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Vermögensverwalter

Die Gefahr aus der Politik

Von Martin Hock
 - 15:54
Beispiel Kriegsanleihen: Anleihen sind schon historisch nie sicherer als Aktien gewesen. Bild: Picture-Alliance, F.A.Z.

Vermögensverwalter werden dafür bezahlt, dass sie sich die Köpfe über das Vermögen ihrer Kunden zerbrechen – sei das nun als Family-Office in der Steuerung der Vermögen oder in der klassischen Vermögensverwaltung und Geldanlage.

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Was aber macht den Vermögensverwaltern derzeit Kopfzerbrechen? An allererster Stelle scheint dies die Politik zu sein. „Die Wirtschaft ist derzeit sehr abhängig von der Politik“, sagt Christian von Bechtolsheim, Vorstandssprecher des Multi-Family-Office Focam. „Man denke nur zurück an die Euro-Krise, die nur mittels des Rettungsschirms überwunden wurde. Wehe, wenn es da mal in die andere Richtung geht.“

Auch Michael Gollits, Vorstand des Vermögensverwalters von der Heydt, macht die Geopolitik Sorgen. „Nordkorea ist unberechenbar, China ist nervös – die Sorglosigkeit der Märkte ist angesichts dessen schwer verständlich.“

Anleihen schon historisch riskanter

Man müsse sich nur einmal vorstellen, die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte die Zinsen um einen Prozentpunkt, sagt von Bechtolsheim. „Dann käme Italien schon unter Druck. Das könnte das anti-europäische Sentiment befeuern und den Euroraum auseinanderbrechen lassen. Dann hätten wir keine EZB mehr, die die Diskrepanzen in Europa auffangen könnte. Die folgenden Verwerfungen wären mehr als heftig.“

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Wer nun aber den Aktienmarkt als größten Risikofaktor betrachte, der schaue genau an die falsche Stelle. Schon historisch sei das Risiko am Anleihemarkt angesichts der vielen Staatsbankrotte oder ausgefallener Kriegsanleihen viel größer, argumentiert von Bechtolsheim.

„Gefühlter Horror“

Vorstandskollege Conrad von Sydow sekundiert: „Wenn die Zinsen steigen, geht es mit den Kursen von Anleihen mit langem Anlagehorizont immer überproportional abwärts. Ist die Amortisationszeit aber kurz, bringen die Papiere wenig Rendite. Deswegen sind Zinserhöhungen derzeit für die Finanz- und Immobilienmärkte zumindest ein gefühlter Horror.“

Gollits hat eine Erklärung, warum die Rentenmärkte trotzdem stabil erscheinen. „Es gibt an den Anleihemärkten ja kaum etwas zu kaufen. Sobald eine Anleihe auf die Kaufliste der EZB kommt, steigen die Kurse, und die Zinsen sinken. Daher wenden sich Anleger zunehmend dem Hochzinsbereich, also Risikoanleihen zu. Gleichzeitig tilgen die Unternehmen, die es sich leisten können, ihre höher verzinsten Anleihen. Eine höhere Nachfrage trifft somit auf ein geringeres Angebot, wodurch auch im Hochzinsbereich die erzielbaren Renditen sinken. Die geringeren Spreads, also die Zinsdifferenzen zu sicheren Staatsanleihen, gehen aber in Ordnung, denn die Unternehmen haben ihre Bilanzen spürbar verbessert.“

Auch bei Staatsanleihen sei die Emissionstätigkeit gering, nicht zuletzt weil aufgrund der niedrigen Zinsen weniger umgeschuldet werden muss. In dieser Situation finanzierten sich die Unternehmen zunehmend über den Anleihemarkt. „Der ist aber eng geworden, weil die EZB die Sparer vom Geldmarkt in Anleihen getrieben hat und die Staaten zu Lasten der Sparer entschuldet.“

Auf diese Weise habe die Zentralbank das Renditepotential für Rentenfonds kaputtgemacht und den Markt gleichsam auf den Kopf gestellt: „Wenn Sie heute Anleihebedingungen betrachten, fragen Sie sich schon, wer hier eigentlich der Kreditgeber ist.“

Warum die Deutschen die Aktie fürchten

Für von Bechtolsheim ist die Lösung die Investition in Aktien. „Diese Furcht vor der angeblichen Achterbahn an der Börse ist eigentlich unsinnig. Mit einer Aktie haben Sie Substanz in der Hand und nicht nur eine verbriefte Geldforderung. Das substantielle Risiko ist weniger groß als angenommen. Eine Aktie kommt oft genug wieder, eine Anleihe ist im Krisenfall aber meistens verloren.“

Warum also diese Aversion der deutschen Anleger gegen Aktien? „Die Aktie hatte in Deutschland schon einen schlechten Start. Dem Gründerboom 1871 folgte nur zwei Jahre danach der Gründerkrach. Diese Schwankungen werden nicht ausgehalten, und die Politik adressiert letztlich dann auch nur mit Regulierungen die Ängste der Mehrheit.“

Es fehle einfach an Finanzbildung, meint Andreas Rhein, ebenfalls Vorstand von Focam. Es gebe keine Kultur der systematischen und disziplinierten Beschäftigung mit den persönlichen Finanzen. „Man sollte immer einen Finanzplan haben. Das ist ein wenig wie die tägliche Zahnpflege: Es macht vielleicht nicht unbedingt den größten Spaß, aber es kommt einem zugute. Und das ist unabhängig davon, ob man schon ein Vermögen hat und wie groß das ist.“

Soziale Folgen niedriger Zinsen

Das Zinsänderungsrisiko nenn von Sydow derzeit indes „abstrakt“. Vor Ende 2019 rechnet er damit nicht. „Das Einzige, was man sich vorstellen kann, ist, dass es zu ungewollten Zinserhöhungen kommt, falls das Zinsgefälle zwischen Amerika und Europa zu groß wird.“ Das könnte dann aber schon unangenehm genug werden.

Auch Gollits glaubt nicht, dass Zinserhöhungen in Europa derzeit bevorstehen. Doch eines stört ihn an der gesamten Debatte. „Diese Diskussion ist viel zu mechanistisch. Man muss sich doch einmal vergegenwärtigen, welche sozialen Folgen die niedrigen Zinsen in 20 Jahren haben können. Wie wird es um die Kaufkraft von Riester-Renten, Lebens- und Rentenversicherungen bestellt sein?“ Um so dringlicher sei es daher, bei der Vorsorge nicht auf Zinsprodukte, sondern auf Aktien oder Immobilien zu setzen.

Quelle: F.A.Z.
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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