Bitcoin-Hype

Warum staatliche Währungen immer noch überlegen sind

Von Peter Bofinger
 - 15:32

Die Idee, dass private Währungen Vorteile gegenüber dem staatlichen Monopol zur Emission von Banknoten haben könnten, ist nicht neu. Schon vor mehr als vierzig Jahren hat etwa der Nobelpreisträger Friedrich von Hayek eine kleine Schrift veröffentlicht, in der er die „Entnationalisierung des Geldes“ forderte, weil die Staaten nach seiner Ansicht ihr Monopol missbrauchten und dafür hohe Inflationsraten in Kauf nahmen. Hayek ging es dabei vor allem um das ordnungspolitische Prinzip des Wettbewerbs der Währungen. Der Erfolg von Bitcoin und anderen Kryptowährungen zeigt heute, dass für eine solche private Emission von Geld tatsächlich ein Markt besteht. Doch es ist mehr als fraglich, ob ein System mit Privatwährungen tatsächlich ein stabiles Geldwesen schaffen kann.

Die private Geldproduktion soll an einem einfachen Beispiel verdeutlicht werden: Herr Müller beschließt, sich am Währungswettbewerb zu beteiligen. Er lässt eine Million Scheine drucken, auf denen „100 Valuecoin“ steht. Auf der Rückseite wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Inhaber eines solchen Scheins keinerlei rechtlichen Anspruch gegenüber Herrn Müller hat.

Jetzt kann Herr Müller versuchen, seine Scheine gegen Euro zu verkaufen. Er fängt mit einem Kurs von 1:1 an. Aber warum sollte irgendjemand auf die Idee kommen, 100 Euro für ein Stück Papier auszugeben, das keinen eigenen Wert hat und nichts verspricht? Herr Müller verweist auf das Beispiel von Bitcoin, bei dem ebenfalls die Menge begrenzt ist. Im Vergleich dazu gibt es bei den staatlichen Währungen keinerlei Obergrenze. Der Valuecoin könnte somit den Vorteil haben, dass er wie der Bitcoin gegenüber dem staatlichen Geld an Wert gewinnt. Bald könnten also 100 Valuecoin sehr viel mehr wert sein als 100 Euro.

Das Privileg, Geld aus dem Nichts zu schaffen

Nun würde man sich allerdings fragen, wieso ausgerechnet Herr Müller das Privileg haben soll, Geld aus dem Nichts zu schaffen. Auch hier orientiert er sich am Modell des Bitcoin. Er beschließt, nicht einfach alle Scheine selbst in Umlauf bringen. Zudem etabliert er einen Mechanismus, der dafür sorgt, dass die Valuecoin-Geldmenge nur allmählich zunehmen kann. Dazu organisiert er einmal in der Woche mit guten Freunden einen Würfelabend. Immer wenn ein Teilnehmer mit vier Würfeln gleichzeitig eine Eins würfelt, erhält er 100 Scheine.

Und um zu verhindern, dass die Scheine zu schnell in den Umlauf kommen, wird im Lauf der Zeit die Anzahl der Scheine reduziert, die man für erfolgreiches Würfeln erhält. Nach dem ersten Jahr gibt es nur noch 50 Scheine für einen richtigen Wurf, danach reduziert sich das weiter. Da die Zahl der Teilnehmer an den Würfelrunden schwankt, wird außerdem der Schwierigkeitsgrad erhöht, wenn besonders viele anwesend sind. Es werden dann nicht mehr vier, sondern fünf Würfel verwendet, die dann alle gleichzeitig eine Eins aufweisen müssen. Da im Lauf der Zeit voraussichtlich immer mehr Interessenten zu den Würfelabenden erscheinen werden, sorgt auch dieser Mechanismus dafür, dass es schwieriger wird, sich neue Valuecoin zu verschaffen.

Alles in allem kommt es dazu, dass der Vorteil, wertlose Scheine gegen staatliches Geld eintauschen zu können, nicht allein bei Herrn Müller bleibt. Vielmehr wird er den Teilnehmern der Würfelabende zuteil, die sich die Valuecoin-Scheine durch anstrengendes Würfeln erarbeiten müssen. Das deckt sich mit dem Modell des Bitcoin, bei dem „Miner“ komplexe Rechenaufgaben lösen müssen, wofür große Computerleistungen und enormer Energieverbrauch erforderlich sind. Da man am Anfang schneller zu den Scheinen kommt, werden diejenigen begünstigt, die von Anfang an dabei sind. Dies kommt beim Valuecoin natürlich vor allem Herrn Müller als Initiator des Ganzen zugute.

An den bisher beschriebenen Mechanismen ändert sich nichts Grundsätzliches, wenn Herr Müller seine Geldemission nicht mehr traditionell über gedruckte Scheine, sondern digital über Konten vornimmt. Er errichtet dazu ein zentrales Abrechnungssystem, bei dem alle Inhaber von Valuecoin ein Konto führen. Für einen erfolgreichen Wurf erhalten sie dann keine Scheine, vielmehr wird ihnen der „erwürfelte“ Betrag auf ihrem Konto in Herrn Müllers Verrechnungssystem gutgeschrieben. Außenstehende können den Würflern Valuecoin mit Euro abkaufen und dann auch ein Konto eröffnen. Damit ist das private Geldsystem perfekt, zwischen den Kontoinhabern können Überweisungen stattfinden.

Was Herrn Müllers Valuecoin noch vom Bitcoin unterscheidet, ist das von ihm geführte zentrale Abrechnungssystem. Bitcoin verwendet stattdessen ein dezentrales System, den „distributed ledger“. Wenn Herr Maier beim zentralen Abrechnungssystem 100 Valuecoin an Frau Schmidt überweist, werden nur deren beide Konten angesprochen. Sonst kann niemand diese Transaktion einsehen. Stellt Herr Müller sein Währungssystem auf einen „distributed ledger“ um, dann können dagegen alle Teilnehmer die Transaktion zwischen Herrn Maier und Frau Schmidt einsehen. Aber das ist nicht alles. Sie können zudem erkennen, dass Herr Maier die 100 Valuecoin von Herrn Müller bekommen hat, der sich diese einst bei einem Würfelabend erarbeitet hat. So lässt sich im Prinzip für jede Währungseinheit eine Geschichte aller aufgezeichneter Transaktionen feststellen.

Mehr Fluch als Segen

Für die Teilnehmer ist das jedoch mehr Fluch als Segen. Zwar sorgt eine Verschlüsselung, der „public key“, im Prinzip dafür, dass die Anonymität der Beteiligten an einer Transaktion nach außen gewährleistet bleibt. Aber wer den „public key“ eines Teilnehmers kennt, kann dessen sämtliche Transaktionen nachverfolgen (https://blockchain.info/de). Das ist so ähnlich, wie wenn man als Kunde einer Sparkasse mit der Kenntnis der Kontonummer eines anderen Kunden Einblick in alle seine Kontobewegungen erhalten könnte. Und den „public key“ eines Bitcoin-Teilnehmers kann man schon dadurch erlangen, dass man von ihm eine Bitcoin-Überweisung erhält.

Die Komplexität des Abrechnungssystems und des Würfelprozesses hat für Herrn Müller den großen Vorteil, dass der grundlegende Mechanismus des Ganzen in den Hintergrund gedrängt wird. Herrn Müller ist es gelungen, für seine wertlosen Scheine und – in der digitalen Version – seine buchstäblich aus dem Nichts geschaffenen Valuecoin-Guthaben Abnehmer zu finden, die bereit sind, dafür staatliches Geld auszugeben. Die Valuecoin haben keinerlei inneren Wert. Aber solange das niemandem auffällt, können sie enorm im Kurs steigen. Wie beim Märchen von „des Kaisers neuen Kleidern“ bedarf es nur eines kleinen Anlasses, dass das Ganze auffliegt.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Zwar gibt es auch für staatliche Banknoten kein Einlösungsversprechen durch die Notenbanken. Doch sie haben gegenüber den privaten Währungen den entscheidenden Vorzug, dass sie als „gesetzliches Zahlungsmittel“ von Verkäufern nicht abgelehnt werden dürfen und dass man damit jederzeit seine Steuern bezahlen kann. Aber was ist mit dem Vorteil der festen Obergrenze für die Emission von Valuecoin und Bitcoin? Da das Modell des Währungswettbewerbs vom Prinzip her eine Vielzahl privater Währungen vorsieht, ist dem gesamten Umlauf der von allen Kryptowährungen emittierten Geldmengen letztlich keine Grenze gesetzt. Und anders als bei den staatlich emittierten Währungen ist auch nicht garantiert, dass dieser kollektive Emissionsprozess insgesamt einer gesamtwirtschaftlichen Rationalität folgt.

So gesehen dürfte ein Geldsystem mit nationalen Währungen, die unter einem staatlichen Monopol emittiert werden, am Ende stabiler sein als ein System des Währungswettbewerbs mit einer Vielzahl von Währungen, hinter denen private Akteure stehen. Und was den Datenschutz und das Bankgeheimnis angeht, erweist sich der „distributed ledger“, der nichts vergisst und zumindest für Profis alles transparent macht, als höchst fragwürdig.

Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBitcoinBlockchain