ETFs unter der Lupe (4)

Verdrängen ETFs klassische Investmentfonds?

Von Martin Hock
 - 14:44

Die Anlagemärkte sind geprägt von fallenden Erträgen aktiver Fonds, Mittelabflüssen in großem Umfang und einem Boom der Indexfonds (ETF) und anderer passiver Investments. Das birgt Risiken. Bewegen sich die Finanzmärkte hin zu einem großen Computerspiel mit echtem Geld?

Wahrscheinlich sieht die Wirklichkeit weniger dramatisch aus. „Von Gegenpolen zu Portfolio-Ergänzungen“ überschrieb jüngst der ETF-Sponsor State Street eine Studie zur zukünftigen Entwicklung rund um ETFs und klassische Investmentfonds und drückte damit aus, dass es eine Art Friedensschluss gegeben habe. Auch aktive Fondsmanager haben sich längst mit der passiven Konkurrenz angefreundet.

„Es gibt gute Argumente für ETFs“, sagt Michael Feser, Fondsmanager und Mitglied des für Langfrist-Einschätzungen zuständigen Komitees der Fondsgesellschaft JP Morgan AM, und auch Hedgefondsmanager Fadi Fattouh von En-Trust Permal sieht Platz für beide Arten des Investierens.

Arbeitsteilung zwischen Alpha und Beta

Längst haben aktive Fondsmanager den Nutzen des Instruments für sich entdeckt. „70 Prozent der Nachfrage kommt aus dem institutionellen Bereich“, sagt James Butterfill, Chefstratege des ETF-Sponsors ETF Securities. „Aktive Manager nutzen ETFs, um ihre Ansicht über die Richtung des Marktes umzusetzen.“

Es ist eine Art von Arbeitsteilung: ETFs sind dazu da, die Erträge einzufangen, die der Markt an sich bietet, das sogenannte Beta. Der Anteil des Ertrags, der aus individuellem Anlegen kommt, das sogenannte Alpha, den sollen aktiv gemanagte Fonds erbringen.

Beide Gruppen von Finanzdienstleistern können damit leben. „Am Ende werden die Fundamentaldaten zählen“, sagt Fattouh. „Das wird dann zeigen, wie effektiv aktive Manager wirklich sind.“ Die Branche ist selbstkritisch und weiß, dass sie im Durchschnitt die Ertragserwartungen in der Vergangenheit nicht ausreichend erfüllt hat.

Zu viele Fonds für zu wenig Alpha

Wenn Jacob de Tusch-Lec, Fondsmanager der britischen Gesellschaft Artemis, über die Vorteile aktiven Managements spricht, benutzt er immer wieder das Wort „idealtypisch“ und räumt damit ein, dass aktive Manager in der Vergangenheit ihrer Aufgabe oft nicht gerecht geworden sind. Vor allem haben sich zu viele damit begnügt, ihrer Benchmark, dem Vergleichsindex, nachzulaufen. Man spricht von „Benchmark-Hugging“, frei übersetzt „Index-Schmusen“. „ETFs machen nichts anderes als das“, sagt Butterfill. „Aber sie tun es kosteneffektiv.“

Feser blickt weiter. „Eine Marktbereinigung tut dem aktiven Fondsmanagement gut. Es gab definitiv ein Überangebot. Da konnte der durchschnittliche Manager gar nicht besser abschneiden als der Vergleichsindex, weil es nicht genug Alpha gab. Am Ende war es ein Nullsummenspiel.“

Letztlich hätten ETFs auch eine Antwort darauf gegeben, ob sich die Jagd nach Alpha angesichts der Kosten des Fondsmanagements lohnt. „Es muss eine neue Balance zwischen aktivem und passivem Investieren gefunden werden. Ich denke da an einen Core-Satellite-Ansatz. Der Core ist der Markt, das kann man mit ETFs abdecken. Der Satellite ist das Alpha, das aktive Fonds bringen. Das macht auch das aktive Investieren interessanter, weil man sich dann genauer überlegen wird, wo man es einsetzt, welches Risiko man eingeht und welchen Ertrag man erwartet.“

Aktive Manager sind in Bärenmärkten besser

Die Zuversicht, dass aktives Management auch weiter gebraucht werden wird, geht auch auf die aktuelle Marktverfassung zurück. Solange die Volatilität niedrig ist, sei für aktive Fondsmanager weniger zu holen. „Wenn die Volatilität ansteigt, werden aktive Fonds besser abschneiden“, sagt Artemis-Manager Tusch-Lec. „Denn das gibt ihnen mehr Gelegenheit, Werte zu entdecken. Wenn die Märkte vom Momentum bestimmt werden und Bewertungen weniger wichtig sind, entwickeln sich ETFs, die einen bestimmten Investmentstil verfolgen, gut, während es wertorientierte Investoren schwer haben.“

Auch die State-Street-Studie kommt zu dem Schluss, dass der Erfolg aktiven Managements zyklisch und vom Marktumfeld abhängig ist. Aktive Fondsmanager hätten in den Bullenmärkten der vergangenen 25 Jahren stets schwächer abgeschnitten und dafür in den Bärenmärkten bessere Ergebnisse geliefert. Grundsätzlich hielten sie sich stets in weniger effizienten Märkten am besten.

„Am besten schlagen sich aktive Fonds, die eine starke Überzeugung vertreten, daher in weniger als 50 Aktien investiert sind und wenig handeln“, sagt auch Butterfill. Im Grunde also Fonds, die sich ganz dem Alpha verschrieben haben und nicht dem Beta hinterherlaufen. Grundsätzlich gebe es auch eine Reihe von Investoren, die einen aktiven Fonds vorzögen, wenn er weniger volatil sei als der Index, heißt es von State Street. Darüber hinaus lassen sich nicht alle Anlageklassen indexieren.

ETFs werden aktiv

Gleichzeitig haben sich ETFs weiter entwickelt. „Die erste Generation von ETFs war rein marktgewichtet. Die zweite hat begonnen, Vermögenswerte fundamental zu gewichten, und die dritte bezieht Komponenten aktiven Managements ein“, sagt Butterfill.

Aktive ETFs wird die Anlageklasse genannt, in der die „Smart-Beta-ETFs“ versprechen, eben mehr als nur die Marktrendite, das Beta, abzuwerfen. Bei diesen handelt es sich um die von Butterfill als „zweite Generation“ bezeichneten ETFs, die traditionelle Indizes anhand bestimmter Faktoren umgewichten. Zuspruch kommt von zwei Seiten, heißt es in der State-Street-Studie. Zum einen von aktiven Investoren, die kostengünstiger investieren wollen, und zum anderen von passiven Investoren, die mit den Ergebnissen simpler ETFs nicht mehr zufrieden seien. Netto 15 Prozent aller Mittel, die in Europa und Nordamerika in den vergangenen zwölf Monaten in Standardwerte-ETFs flossen, entfielen auf Smart-Beta-ETFs.

Index-Management statt Fonds-Management

Ein Beispiel für die dritte Generation ist etwa der Robotics and Automation ETF von ETF Securities. Der Index ist eine Kreation des Anbieters Robo Global, basierend auf einer eigenen Datenbank, die von einem Expertenteam gepflegt wird. Insofern findet hier in gewisser Weise ein aktives Management statt, nur sind Änderungen im Portfolio hier Ausdruck von Änderungen im Anlageuniversum. Letztlich findet auch hier eine Auslagerung statt, nämlich des Portfolio-Managements an einen Berater.

Das Handeln bleibt regelbasiert, auch werden die Regeln weiter von Menschen gemacht – doch Menschen verändern die Grundlage, auf die die Regeln angewendet werden. Auf diese Weise beginnen die Grenzen zwischen ETFs und aktiven Fonds zu verschwimmen.

Weg aus dem Preiskampf

Am Ende stellt sich hier natürlich einige Fragen: Ist diese Entwicklung positiv? Sind Smart-Beta-ETFs nun die eierlegende Wollmilchsau oder eher das Schlechteste aus zwei Welten? Grundsätzlich gilt, dass aktive ETFs teurer sind als die, die passiv einen Index nachzeichnen. Das bringt einige Kritiker zu dem Schluss, dass aktive ETFs nur ein Vehikel der Sponsoren sind, aus der Niedriggebührenfalle zu entkommen und höhere Gebühreneinnahmen zu verbuchen. Bis zu 3 Prozent Gebühren sind für einen solchen ETF möglich, was die Gebührenbelastung vieler klassischer Investmentfonds übertrifft.

Das ist nicht so weit hergeholt, weil die intensive Konkurrenz der Sponsoren vor allem in den Vereinigten Staaten zu einem Gebührenkrieg geführt hat. Zuletzt brachte die für klassische Investmentfonds bekannte Gesellschaft Franklin vor einigen Wochen zehn Länder-ETFs auf den Markt, die Gebühren von nur 0,09 Prozent verlangen. Auch andere Fondsgesellschaften haben billige ETFs im Angebot. „Das Rennen geht in Richtung null“, sagte unlängst Will Rhind, Chef des ETF-Anbieters Granite Shares.

Wie „smart“ ist „Smart-Beta“?

Was Smart-Beta-ETFs betrifft, so zeigt sich der Datendienstleister Trackinsight nicht begeistert: Mit einer Wertentwicklung von 19 gegenüber 20 Prozent und einer Volatilität von 9 gegenüber 10 Prozent über zwölf Monate unterschieden sich diese ETFs im Bereich von Standardaktien im Ergebnis nicht wesentlich von traditionellen ETFs. Dafür aber beziffert der Datendienstleister ETFdb die durchschnittliche Kostenbelastung von Smart-Beta-ETFs mit 1,2 Prozent. Das kommt dem Gebührensatz traditioneller Investmentfonds schon nahe.

Letztlich kann man nur wieder auf James Butterfills Ratschlag zurückgreifen: Wer einen ETF kauft, muss genauso abwägen wie bei jedem anderen Investment auch. Und wer glaubt, das Instrument sei grundsätzlich risikoärmer und billiger, irrt. ETFs machen jedenfalls das Handeln einfacher – aber das Anlegen nicht unbedingt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin (mho.)
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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