Aktienkauf auf der Insel

In London sind starke Nerven gefragt

Von Marcus Theurer, London
 - 09:22

Für deutsche Anleger, die Aktien in Großbritannien kaufen, ist der Wechselkurs von großer Bedeutung: Großbritanniens bevorstehender Austritt aus der Europäischen Union hat nicht nur zu großen Wertverlusten des Pfunds gegenüber dem Euro geführt. Auch die Schwankungen der britischen Währung sind deutlich stärker geworden. Wie wichtig der Pfundkurs für die Renditerechnung deutscher Anleger in London ist, zeigt die Wertentwicklung seit Jahresanfang.

Seit Januar hat der britische Aktienleitindex FTSE 100 rund 3,2 Prozent zugelegt. Der Zuwachs ist damit weniger als halb so groß wie der des deutschen Leitindexes Dax 30. Auch der Eurostoxx 50, das Marktbarometer für die wichtigsten Aktien der Eurozone, hat sich besser entwickelt als die Börsenschwergewichte am Londoner Markt. Aber zum Verlustgeschäft wurde die Geldanlage auf der Insel erst durch den Wechselkurs, denn das Pfund hat seit Anfang Januar gegenüber dem Euro gut 6 Prozent an Wert verloren. Der moderate Anstieg der britischen Aktienkurse wurde also durch den Wertverlust des Pfunds mehr als aufgezehrt.

Empfehlungsliste der Analysten

Der Wechselkurs ist der sensibelste Gradmesser für das Brexit-Risiko an den Finanzmärkten. Seitdem die Briten im Juni 2016 in ihrem Referendum mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt stimmten, ist der Pfundkurs gegenüber dem Euro um fast ein Fünftel gefallen. Im August rutschte er auf den tiefsten Stand seit der Weltfinanzkrise vor acht Jahren ab. Die Währungsexperten von HSBC und Morgan Stanley rechnen bis Mitte nächsten Jahres sogar mit einem Kurs von eins zu eins zum Euro. Auch gegenüber dem Dollar und anderen Währungen hat das Pfund stark an Wert eingebüßt.

Wie also geht es weiter am Devisenmarkt? Es ist eine Mischung aus Hoffen und Bangen: Die vorherrschende Meinung ist, dass einerseits die Chancen auf einen „weichen“ und damit für die Wirtschaft weniger schädlichen Brexit gewachsen sind, seit die Premierministerin Theresa May bei den Neuwahlen im Juni ihre Parlamentsmehrheit verloren hat. Denn, so das Argument, Mays bisheriger kompromisslos harter Brexit-Kurs sei von den Wählern abgestraft worden. Das spräche für eine bevorstehende Erholung der britischen Währung. Andererseits wächst auch die Gefahr, dass die neue politische Instabilität auf der Insel die Austrittsverhandlungen mit Brüssel lähmt und am Ende womöglich gar keine Einigung erzielt wird – was nach Meinung der meisten Volkswirte der „worst case“ wäre.

Obwohl das Ringen um den Brexit die Schlagzeilen beherrscht, hängt der Pfundkurs natürlich auch von anderen Faktoren ab. Die Analysten der niederländischen Großbank ING verweisen auf die wichtige Rolle der britischen Notenbank: Die Pfundschwäche hat zu einer höheren Inflationsrate geführt. Rückt dadurch eine Leitzinserhöhung, die das Pfund stützen würde, näher? Aufschluss darüber könnte die nächste Sitzung des geldpolitischen Rates der Bank von England am Donnerstag geben. Ebenso werde der weitere Kurs der Europäischen Zentralbank Einfluss auf das Pfund haben.

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Wer ein erhöhtes Wechselkursrisiko in Kauf nimmt, kann nach Einschätzung der Schweizer Großbank UBS am britischen Aktienmarkt durchaus interessante Werte finden. Unter den Aktien im Leitindex FTSE 100 setzen die Analysten vor allem auf stark international ausgerichtete Unternehmen, die relativ wenig vom Geschäft im Heimatmarkt abhängig sind. Der birgt nämlich zunehmend Risiken, denn der Brexit belastet die britische Konjunktur.

Das Wirtschaftswachstum, das vor allem von der Konsumnachfrage getragen wird, hat sich dieses Jahr in Großbritannien deutlich verlangsamt, weil die Pfundschwäche der Kaufkraft zusetzt. Die UBS rät deshalb beispielsweise zur Aktie des Ölkonzerns Shell, der nach der Übernahme des Konkurrenten BG gut aufgestellt sei. Auch der Mobilfunkkonzern Vodafone, der sein Geld vor allem in Kontinentaleuropa verdient, und der ebenfalls stark international ausgerichtete Werbekonzern WPP stehen auf der Empfehlungsliste der Analysten.

Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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