Fonds & Mehr
Grüne Geldanlage

Alles nachhaltig oder was?

Von Thomas Klemm
© dpa, F.A.S.

Es grünt so grün in der Geldanlage. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht mehr oder minder prominente Investmentgesellschaften einen Fonds auflegen, der für die Umwelt Gutes tun und dabei Geld verdienen will. Angetrieben wird der Trend von Großinvestoren wie Kirchen, Stiftungen oder hochvermögenden Personen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, gutes Gewissen und wirtschaftlich Gebotenes zu verbinden. Doch immer mehr wird auch der Privatanleger umworben, sein Geld in die Hände solcher Firmen oder Fonds zu legen, die gewisse Standards zum Umweltschutz, zu sozialen Belangen und zur guten Unternehmensführung erfüllen.

Der Markt für Finanzprodukte, die sich als nachhaltig bezeichnen, wird immer größer, und das Geld, das dort hineinfließt, immer mehr. Laut der Global Sustainable Investment Alliance hat sich das Volumen nachhaltiger Geldanlagen in den vergangenen zehn Jahren versechsfacht – auf 23 Billionen Dollar. Kein Wunder, findet Benjardin Gärtner, der bei der Fondsgesellschaft Union Investment das Aktien-Portfolio managt: „Das Thema Nachhaltigkeit hat seinen Platz im Herzen des aktiven Managements gefunden.“

Nachhaltigkeit als Herzenssache – und das, wie andere Anbieter behaupten, sogar bei passiven Produkten wie börsengehandelten indexfonds, den sogenannten ETFs? Das mag glauben, wer will. Tatsächlich geht es in erster Linie nicht darum, die Welt zu retten, sondern Rendite zu erwirtschaften und die Anleger zufriedenzustellen. Folgt man einschlägigen Studien, so gelingt dies in den allermeisten Fällen. Finanzprodukte, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, schneiden in 90 Prozent der Untersuchungen besser ab als ihre klassischen Pendants.

Das liegt vor allem daran, dass sie in ihren Investments Risiken reduzieren. Wenn nämlich Unternehmen nachhaltig arbeiten und deshalb keine Klagen wegen Umweltverschmutzung oder schlechter Führung zu befürchten haben, sind ihre Aktien im Schnitt weniger schwankungsanfällig und verlieren weniger stark an Wert.

Nachhaltiges Investieren, das klingt also nicht nur schön und gut, sondern ist auch vielversprechend. Aber wie findet man heraus, ob ein Unternehmen, dem man sein Geld anvertraut, ethisch korrekt wirtschaftet? Zum einen haben Konzerne aus Europa eine Informationspflicht. Die EU-Kommission verlangt, dass Firmen, die auf dem Kapitalmarkt aktiv sind und mehr als 500 Mitarbeiter haben, über die Nachhaltigkeit ihres Geschäfts Bericht erstatten.

Zum anderen bewerten Ratingagenturen die Nachhaltigkeit von Konzernen anhand dreier Kriterien, die unter dem Kürzel ESG zusammengefasst werden. Die drei Buchstaben stehen für Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). Ratingagenturen wie Sustainalytics oder Oekom Research haben ähnliche Modelle, so dass die Ergebnisse prinzipiell vergleichbar sind.

Was machen Fondsgesellschaften aus diesem Wissen?

Allerdings ist die Frage, was Fondsgesellschaften aus diesem Wissen machen, ob sie strenge Maßstäbe für ihre Fonds anlegen oder eher laxe. Die Bandbreite unter den mehr als 1.600 Fonds, die allein in Europa unter dem Prädikat „nachhaltig“ vertrieben werden, ist dabei enorm. „Das ist für den Anleger verwirrend“, sagt Matthias Bönning, Vorstand bei Oekom Research. „Für ihn ist es wichtig zu schauen, dass die Kriterien der Fonds transparent sind und mit den eigenen Ansprüchen übereinstimmen.“ Als Orientierung kann beispielsweise das Gütesiegel des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG) dienen.

Fondsgesellschaften bedienen sich zweier Methoden, um nachhaltige Unternehmenswerte auszuwählen. Da ist zum einen das Ausschlussverfahren. Demnach fließt kein Kapital in Konzerne, die beispielsweise geächtete Waffen herstellen oder die ihr Geld vornehmlich mit Atomkraft, Glücksspiel, Kinderarbeit oder Pornographie verdienen. Viele Fondsanbieter schließen fast alle diese Branchen aus.

Bei anderen ist es mit der Nachhaltigkeit nicht so weit her. So verzichtet die französische Großbank BNP Paribas in ihren bei Anlegern beliebten Produkten lediglich auf Firmen, die geächtete Waffen wie Streubomben und Antipersonenminen herstellen. Doch von solchen Firmen gibt es nicht viele, von ihrer geringen Bedeutung an den Börsen ganz zu schweigen. Zugespitzt könnte man also formulieren: Eine Selbstverständlichkeit wird zu einer Anlagestrategie aufgebauscht.

Das zweite Verfahren nennt sich „Best-in-Class“. Hierbei wählen Fondsgesellschaften diejenigen Unternehmen aus, die in ihrer jeweiligen Branche am nachhaltigsten arbeiten. Die Firmen müssen also nicht alle Standards in puncto Umwelt, Soziales und Führung perfekt erfüllen, sondern nur besser sein als die Konkurrenz. Folgt man dem jüngsten Jahresbericht von Oekom Research, heißt das konkret: BMW ist der nachhaltigste deutsche Automobilhersteller, Henkel ist bei den Haushaltsprodukten und Lufthansa in der Luftfahrt ganz vorne. Osram und der europäische Coca-Cola-Abfüller gehören in ihrer Branche zur Spitze.

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Wer als Anleger solche ESG-Bewertungen von Firmen ignoriert, läuft Gefahr, viel Geld zu verlieren. Das zeigen zwei prominente Beispiele aus jüngster Vergangenheit. Der brasilianische Ölkonzern Petrobras hatte schon vor seinem großen Korruptionsskandal 2014 und dem daraus folgenden starken Wertverlust teilweise alarmierende ESG-Kennziffern. Auch für Deutschlands größten Automobilhersteller VW waren längst vergleichsweise schwache Nachhaltigkeitswerte gemessen worden, bevor im Herbst 2015 die Abgasmanipulationen und deren Vertuschung bekanntwurden. Die VW-Aktie stürzte binnen zwei Wochen um 45 Prozent ab, Anleger verloren Milliarden.

Auch in diesen Tagen, in denen Autobauer wegen Dieselgate und Kartellvorwürfen unter Druck stehen, erscheint die Nachhaltigkeit von VW, Daimler und Co. äußerst fragwürdig. Im vergangenen Jahr schnitt die Autobranche bei Oekom Research von allen noch am besten ab, weil sie transparent ist, effizient produziert und hohe Mitarbeiterstandards hat. „Problematisch ist das Kernprodukt“, sagt Oekom-Vorstand Bönning und meint damit das Auto. Weil das Schmuddelprodukt in der Nachhaltigkeitsbewertung künftig stärker gewichtet wird, „werden die Automobilunternehmen deutlich schlechter abschneiden“.

Mitunter laxe Prinzipientreue

Um sicherzugehen und trotzdem möglichst viel Geld anzulegen, folgen viele Fondsgesellschaften nicht einer reinen Lehre der Nachhaltigkeit, sondern sie greifen auf beide Verfahren zurück: Erst schließen sie gewisse Branchen wie Waffenproduktion oder Spekulation mit Nahrungsmitteln aus, dann suchen sie sich aus dem großen Rest der Unternehmen die besten aus.

Auf diese Weise geht etwa die Allianz vor, die allerdings auch beispielhaft dafür steht, wie schwammig eine nachhaltige Geldanlage bisweilen definiert ist. Der Versicherungskonzern rühmt sich nicht nur, schmuddelige Firmen auszusortieren, sondern auch, ein eigenes ESG-Scoring entwickelt zu haben – gemeinsam mit den Nichtregierungsorganisationen Transparency, WWF und Germanwatch.

Strikt angewendet wird diese Messung jedoch nicht. Denn weiterhin kauft die Allianz auch Aktien jener Firmen, die überhaupt nicht so nachhaltig arbeiten wie vom Versicherer gefordert – „wenn es entsprechend stichhaltige Gründe gibt“. Pointiert könnte man diese Anlagestrategie so bezeichnen: im Prinzip nachhaltig, in der Praxis so lala.

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Ali Masarwah vom Analysehaus Morningstar formuliert es auf andere Weise: Nachhaltigkeit liegt immer im Auge des Betrachters. Morningstar, das gemeinsam mit Sustainalytics auch die Nachhaltigkeit von Fonds bewertet, hat einen genauen Blick auf diese Produkte geworfen. So zeigt sich, dass es sich vor allem bei Schwellenländerfonds lohnt, auf deren Nachhaltigkeit zu achten. Denn Produkte, die ESG-Kriterien berücksichtigen, gewinnen, über drei Jahre gesehen, etwa ein Prozent mehr Rendite jährlich an Wert als klassische Schwellenländerfonds. Auch unter den globalen Aktienfonds schneiden die nachhaltigen um 0,7 Prozentpunkte besser ab.

„Allerdings wird die Wertentwicklung solcher Fonds auch von anderen Dingen getrieben als von der Tatsache, dass sie nachhaltig sind“, sagt Masarwah. Schließlich hängen sie genauso von der Konjunktur und der Stimmung an den Börsen ab wie alle anderen Fonds. Eine andere Erkenntnis: Ökofonds, die beispielsweise in Wasserkraft investieren, sind gar nicht so nachhaltig, wie sie sich geben. Zwar erzielen sie in puncto Umwelt Spitzenwerte, überzeugen aber nicht im Sozialen und der Unternehmensführung.

Was bei der Auswahl guter Nachhaltigkeitsfonds, die Morningstar für die F.A.S. ausgewählt hat (siehe Tabelle), positiv auffällt: Obwohl die Fondsgesellschaften zusätzliche Analysen und erhöhten Aufwand betreiben, sind die ESG-Produkte im Schnitt nicht teurer als die klassischen Fonds. Um sich ein besseres Gewissen zu verschaffen, muss man also nicht zwingend einen höheren Preis zahlen.

Quelle: F.A.S.
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