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Historische Finanzkrisen: Frankreich 1720

Aufstieg und Fall von John Laws Finanzsystem

Von Gerald Braunberger
© PD-Art, F.A.Z., 01.04.2008, Nr. 76 / Seite 25

Kein Monarch hat in Europa länger regiert als Ludwig XIV. von Frankreich (1638 bis 1715). Der „Sonnenkönig“ machte Frankreich während seiner Regentschaft zur mächtigsten Nation in Europa - allerdings auf Kosten eines gewaltigen Schuldenbergs, zu dem vor allem die zahlreichen Kriege beigetragen hatten. „Ganz Frankreich ist ein Armenhaus“, konstatierte der Schriftsteller François de Salignac de La Mothe-Fénelon.

Der Schuldenberg von 2,8 Milliarden Livres war so gewaltig, dass er einen Staatsbankrott nahelegte. Unter der Herrschaft des Herzogs von Orléans, der den Thron nach Ludwigs Tod für dessen Urenkel verwaltete, unternahm die Krone halbherzige Versuche, die Schulden zu reduzieren. Ein Teil der Außenstände wurde einfach nicht zurückgezahlt; andererseits besorgte man sich durch Münzmanipulationen zusätzliche Mittel. Die Situation verlangte jedoch nach einem radikalen Schritt - und diesen versprach dem Herzog von Orléans der Schotte John Law (1671 bis 1729).

Vom Bankrotteur zum Geldtheoretiker

Laws Bild in der Geschichte unterlief starken Schwankungen. Lange Zeit galt er als Schwindler und als Bankrotteur; andererseits reihte ihn kein Geringerer als Joseph Schumpeter in seiner Dogmengeschichte unter die „ersten Geldtheoretiker aller Zeiten“ ein.

Law wuchs als Sohn eines begüterten Goldschmieds in Edinburgh auf und ging dann nach London, wo er das Geld- und Bankwesen seiner Zeit studierte und nebenher einen Kontrahenten in einem Duell tötete. Dem Todesurteil entging er durch Flucht auf den europäischen Kontinent. Seine 1705 verfassten „Betrachtungen über das Geld und den Handel einschließlich eines Vorschlags zur Geldbeschaffung für die Nation“ begründeten seinen Ruf als Ökonom.

Law war vor allem ein Gegner des damals umlaufenden Edelmetallgeldes in Gestalt von Gold- und Silbermünzen und ein Befürworter des Papiergeldes. Edelmetallgeld sei zu selten und zu unpraktisch, um einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung zu finanzieren, lautete sein Befund. Statt dessen entwickelte er das Modell eines durch Grund und Boden gedeckten Papiergeldes. Außerdem erkannte er früh die Bedeutung des Kredits als Voraussetzung für die Geschäftsentfaltung leistungsfähiger Unternehmer - ein Gedanke, den Schumpeter 200 Jahre später neu entdeckte und der sich bis heute mit dem Namen des Österreichers verbindet.

Von der Bank zur Notenbank

Law wollte nicht nur als Theoretiker, sondern auch als Praktiker Triumphe feiern. Die Gelegenheit bot ihm, gegen heftige Widerstände der Franzosen, der Herzog von Orléans. Die Anfänge waren bescheiden: Law durfte im Jahre 1716 in Paris zunächst eine normale Bank, die Banque Générale, gründen, die das Recht zur Ausgabe eigener Banknoten besaß.

Law machte sich bei der Krone beliebt, indem er die Aktien seiner Bank nicht nur gegen Geld, sondern auch gegen Staatspapiere an Anleger verkaufte. Damit reduzierte er die Zahl der umlaufenden Staatspapiere. Die Banque Générale war nicht sehr groß, verdiente aber gutes Geld. Im Jahre 1718 wurde sie vom Staat aufgekauft und in Banque Royale umbenannt. Mit der Krone im Rücken konnte Law nun ein großes Rad drehen.

Phantasie treibt Kurs

Die Bank war aber nur ein Bestandteil von Laws „Finanzsystem“, wie er es nannte. Der zweite Bestandteil war die Compagnie d'Occident, eine Handelsgesellschaft, die zunächst das Recht erhielt, die französischen Besitztümer am Unterlauf des Mississippi zu entwickeln. Die Aussicht, die Region um den heutigen amerikanischen Bundesstaat Louisiana in eine reiche Region zu verwandeln, ließ den Aktienkurs der Compagnie d'Occident rasch steigen.

Dass dort nur 500 Franzosen und vermutlich nicht sehr viel mehr Indianer lebten und die dort vermuteten Goldvorkommen lediglich der Phantasie entsprangen, störte die auf Hausse spekulierenden Anleger nicht.

Law baute die Compagnie mit Unterstützung der Krone durch zahlreiche Akquisitionen aus. So erwarb er die Handelsrechte für die Kolonien in Indien, Afrika und China, das Tabakmonopol in Frankreich, die königlichen Münzstätten und das Recht zur Eintreibung des größten Teils der Steuereinnahmen. Im Februar 1720 schließlich wurde die Compagnie mit der Banque Royale zusammengelegt. Law befand sich nun auf der Höhe seiner Macht.

Billiges Geld und viel versprechende Anlageideen

Die einzelnen Finanztransaktionen Laws in den Jahren 1718 bis 1720 waren zum Teil äußerst kompliziert und werden bis heute sehr unterschiedlich bewertet. Stark vereinfacht, nahm er dem Staat dessen Schulden ab und verwandelte sie in Aktien der Compagnie. Diese Aktien versuchte er an Privatanleger zu verkaufen, was den Glauben an den geschäftlichen Erfolg der Compagnie und steigende Aktienkurse voraussetzte.

Für die haussierenden Aktienkurse sorgte der Schotte auf zweierlei Weise: Zum einen trieb er den Kurs durch Termingeschäfte selbst; außerdem ließ er die Notenpresse der Banque Royale so schnell wie möglich rotieren. So wurden die beiden Fundamente aller großen Finanzkrisen - billiges Geld und eine scheinbar vielversprechende Investmentidee - geschaffen. Der Aktienkurs der Compagnie stieg denn auch sehr steil.

Das Ende: Gewinnmitnahmen

Ein Problem bildeten allerdings die Banknoten. Edelmetall war damals in der Bevölkerung als Geld anerkannt, Banknoten aber nicht. Zweifel der Franzosen an der Werthaltigkeit der Noten der Bank Royale hätten Laws „Finanzsystem“ gefährdet. Folglich griff er mit Unterstützung der Krone zu administrativen Mitteln: Das Edelmetall wurde als offizielles Zahlungsmittel verbannt und durch die Noten ersetzt. In gewisser Weise folgten die Vereinigten Staaten rund 250 Jahre später diesem Modell, als Präsident Richard Nixon im Jahre 1973 die Möglichkeit aufhob, Dollar gegen Gold einzutauschen.

Im Frühjahr 1720 begann der langsame Kollaps des „Finanzsystems“, denn nun begannen die Anleger etwas zu tun, was Law überhaupt nicht erwartet hatte: Sie begannen, ihre Aktien zu den hohen Kursen zu verkaufen und ihr Geld stattdessen anderweitig zu investieren; zum Beispiel in Immobilien, deren Preise stiegen. Als Folge der stark wachsenden Geldmenge stiegen auch die Preise für Nahrungsmittel sehr kräftig - die Parallelen zur aktuellen Situation sind vielleicht nicht zufällig.

Wenn der Phantasie die Luft ausgeht

Dass Anleger Aktien der Compagnie verkaufen könnten, war Law nicht in den Sinn gekommen. Für ihn handelte es sich um „übelwollende Individuen“, die von seinen Gegnern, von denen es nicht wenige gab, angestiftet worden waren. So wie man damals eine Staatsanleihe langfristig hielt, so ging er davon aus, dass auch die Aktien der Compagnie als langfristige Anlagen gehalten würden. Nachdem jedoch bekannt wurde, dass in Louisiana keine Reichtümer zu finden waren, galt die Aktie der Compagnie nicht länger als attraktives Investment.

Alle Versuche, den Aktienkurs zu stabilisieren, scheiterten. Die Wut der ruinierten Anleger, zu denen viele Adlige zählten, richtete sich gegen Law, der zugleich die Notenpressen der Banque Royale anhalten musste, um den Wert des Geldes zu retten. Anfang Dezember 1720 musste Law Frankreich fluchtartig verlassen, um der Lynchjustiz zu entgehen. Der Schotte starb 1729 verarmt in Venedig. In seinen letzten Jahren schrieb er vergeblich gegen den öffentlichen Eindruck an, sein „Finanzsystem“ sei nichts anderes als ein großer Schwindel gewesen.

Überraschende Folgen

Es dauerte Jahre, ehe das komplizierte Geflecht des „Finanzsystems“ abgewickelt war. Am Ende kam man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Law die Finanzen der Krone nicht ruiniert hatte. Der Schuldenstand war in etwa so hoch wie im Jahre 1716, als Law sein Werk begonnen hatte. Überhaupt befand sich Frankreich nicht in einer verzweifelten wirtschaftlichen Situation: Die Noten der Banque Royale wurden überwiegend in Bankeinlagen oder Staatspapiere umgewandelt, einige auch verbrannt.

Aber solange die Noten kursierten, waren mit ihnen durchaus sinnvolle Projekte, zum Beispiel der Ausbau der Infrastruktur, finanziert worden. An die Stelle der Noten trat als Zahlungsmittel wieder das Edelmetallgeld. Moderne Ökonomen vertreten die Auffassung, dass Laws „Finanzsystem“ durchaus hätte funktionieren können, wenn nur die Compagnie eine profitable Gesellschaft gewesen wäre.

Dafür war etwas anderes geschehen, was sich ebenfalls in jeder großen Finanzkrise beobachten lässt: Durch den Zusammenbruch der Aktienspekulation hatte sich die Einkommensverteilung verändert. Spekuliert hatten vor allem Reiche, und einige von ihnen waren am Ende von Laws „Finanzsystem“ deutlich ärmer als zuvor. Eine zweite Hinterlassenschaft Laws war das tiefe Misstrauen vieler Franzosen gegenüber Banknoten, das sich über viele Generationen hielt.

Quelle: F.A.Z., 01.04.2008, Nr. 76 / Seite 25
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