Kapitalanforderungen

Mittel- und Osteuropa leiden unter Bankenregulierung

Von Michaela Seiser, Wien
 - 18:44
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In Zentral- und Osteuropa bremsen die Kapitalanforderungen der Banken das Wachstum der Wirtschaft. Zwar gibt es je nach Land ein unterschiedliches Kreditwachstum. Doch ist der Zugang vor allem für kleine und mittlere Unternehmen trotz niedriger Zinsen und Liquidität schwierig. Sie profitieren davon gar nicht, beschreibt Jozef Sikela, Vorstand für das Firmenkundengeschäft der Erste Group, die Lage. Das österreichische Finanzinstitut ist einer der führenden Anbieter in der Region. „Unsere Aufgabe als Bank ist es, Kunden durch Höhen und Tiefen zu führen“, sagt Sikela der F.A.Z. Das sei unter den herrschenden Bedingungen unmöglich. Früher habe man Anpassungen vorgenommen, wenn Kunden schwierige Phasen durchschritten hätten. Jetzt müsse man sofort den Kredit klassifizieren und Risikovorsorge bilden.

Die persönliche Einschätzung gegenüber einem Kreditnehmer falle weg. „Das alles belastet schlussendlich die Möglichkeit der Kreditvergabe.“ Die Regulierung bereitet den Unternehmen vor allem in der ersten Unternehmensphase Probleme. Der Kreditzugang in der Frühphase sei extrem schwer, bestätigt Franz Rudorfer, Geschäftsführer der Bundessparte Bank und Versicherung in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Die derzeitige Regulierungspraxis erschwert es für Banken demnach, Risiko zu übernehmen. Entweder müssen Kredite mit hohen Risikogewichten bewertet und entsprechend mit Kapital unterlegt werden, was die Eigenkapitalausstattung der Banken belastet, oder die Zinssätze für die Kredite werden so uninteressant, dass Unternehmer vor Investitionen zurückschrecken. In Mittel- und Osteuropa ist die Abhängigkeit der Unternehmen von Banken viel stärker ausgeprägt als von Kapitalmärkten.

Neun Zehntel der Betriebe finanzieren sich über Banken, während es in Amerika ein Drittel ist und in der EU 80 Prozent. Ohne Eigenkapital, einer guten Bonitätsbewertung und Sicherheiten kommen sie zu keinem Fremdkapital. Ohne Investitionen wiederum wird das Wachstum beeinträchtigt. Christian Keuschnigg, Ökonom an der Universität Sankt Gallen, beziffert den Wachstumsverlust mit einem halben Prozentpunkt. Banken bestreiten zwar, dass es wegen der strengeren Regulierung als Folge der Finanzkrise eine Kreditklemme gibt. Doch eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) widerspricht ihnen. Gleich kreditwürdige Unternehmen erhalten demnach einen Kredit oder auch nicht – je nachdem, wie gut die Kapitalausstattung ihrer Hausbank ist.

Für ihre Untersuchung mit dem Titel „The Credit Channel And the Role of Monetary Policy – A Micro Data Approach“ haben Franz Hahn und die Ko-Autoren die Daten von 950 kleinen und mittleren Unternehmen ausgewertet, denen 235 Geldhäuser gegenüberstanden. Das Ergebnis: Ob ein Unternehmen einen Kredit bekommt, hängt vor allem von der Kapitalisierung der Bank ab. Da könnten Österreichs Banken als maßgebliche Akteure in Zentral- und Osteuropa besser sein. Das Risiko von Einschränkungen bei der Kreditvergabe dürfte viel höher sein, als viele Fachleute bereit sind zu glauben, sagen die Ökonomen. Denn es kommt zu Umsatz- und Beschäftigungseinbußen, die nicht nur vorübergehend sind.

Die Kreditvergabe in Osteuropa lahmt seit 2012

Das sollte angesichts der Bedeutung dieses Wirtschaftsraums nicht unterschätzt werden. Nach dem Ausscheiden Großbritanniens wird ein Viertel der Gesamtbevölkerung der EU in diesem Raum leben. Die postkommunistischen Länder weisen eine vor allem auf Klein- und Mittelbetrieben basierende Struktur auf. Die Finanzierung der Wirtschaft läuft zum überwiegenden Teil über Bankkredite. Finanzierungen über den Kapitalmarkt sind die Ausnahme. Das liegt daran, dass der Kapitalmarkt in den meisten Ländern nur eine unbedeutende Funktion hat.

Das hat sich auch an den hohen Anteilen von Fremdwährungskrediten im Wohnungsbau gezeigt, da es zur Jahrtausendwende in Ungarn und Kroatien unmöglich war, langfristige Finanzierungen in lokaler Währung zu bekommen. Auch wenn die EU daran arbeitet, eine Kapitalmarktunion zu schaffen, wird es zahlreiche rechtliche Änderungen im Steuerrecht, Unternehmensrecht sowie in den Rechnungslegungsvorschriften geben müssen. Es wird wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, bis hier ein Gleichstand mit den beiden einzigen Ländern in Europa, die einen ausgeprägten Kapitalmarkt haben, kommen wird. Dabei ist die Schweiz kein Mitglied der Union und England vor dem Ausstieg.

Die Kreditvergabe in Osteuropa lahmt seit 2012, die Investitionen damit auch, zugleich steigt die Verschuldung. In der Folge wachsen diese Länder langsamer oder gerade noch gleich schnell wie die entwickelten Länder – der Aufholprozess leidet, geht aus dem Transition Report der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) hervor. Zentraler Grund für das Ausbleiben von Kreditwachstum ist der Rückzug von internationalen Banken, die aus Ost- und Südosteuropa seit Beginn der Krise beträchtliche Mittel abgezogen haben.

Zwar haben die verschärften Eigenkapitalanforderungen der Banken nicht verhindert, dass der Aufholprozess weitergeht. Schließlich ist in stark entwickelten Ländern wie Polen das Bruttoinlandsprodukt seit dem EU-Beitritt 2004 um 59 Prozent gewachsen und in der Slowakei um 62 Prozent. Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt ist von 50 Prozent des EU-Durchschnitts auf nun 70 Prozent gestiegen, in der Slowakei von 57 auf 77 Prozent.

Doch ist ein Zusammenhang evident: „Grundsätzlich besteht eine Wechselwirkung zwischen der Kreditvergaberegulierung und kurzfristigem Wachstum“, sagt Matteusz Szcurek, Chefökonom der EBRD in London. Langfristig gleiche ein stabiler Finanzsektor diesen Effekt aus, vorausgesetzt, die Regulierungen bleiben mit Augenmaß.

Unternehmen, denen es gutgehe, schwimmen in Liquidität. Bevor sie sie zu mickrigen Zinsen veranlagen, halten sie sie in der Kasse. Das Niedrigzinsumfeld trifft den Mittelstand in den postkommunistischen Ländern besonders hart. Hohe Zuflüsse an Spareinlagen lassen den Schluss zu, dass Menschen Geld weniger in den privaten Konsum stecken, sondern für die Altersvorsorge als „Angstsparen“ beiseitelegen. Kapitalmarktgedeckte Altersvorsorge gibt es fast gar nicht, und der Umfang der staatlichen Vorsorge liegt deutlich hinter den Werten in Westeuropa. Die ultralockere Geldpolitik perpetuiert das Wohlstandsgefälle zu Westeuropa. Das macht die Länder anfällig für extreme politische Strömungen, seien sie links oder rechts.

Westliche Banken bremsen in Osteuropa

Osteuropa hat für westeuropäische Geldhäuser offenbar an Reiz verloren. Das legt eine Untersuchung der ebenfalls stark in der Region vertretenen Wiener Raiffeisen Bank International (RBI) nahe. Die Struktur des Finanzbranche in den postkommunistischen Ländern hat sich demnach im zurückliegenden Jahr spürbar verändert.

Der Marktanteil ausländischer Banken sei auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken. Hauptgrund dafür waren die steigenden Marktanteile staatlicher Akteure in Weißrussland, Russland und der Ukraine. Aber auch in Polen und Ungarn habe der Anteil lokaler Institute zugenommen. Diese Entwicklung in der Eigentümerschaft spiegelten aber auch die veränderten, weniger riskanten Strategien der westlichen Banken wider. Seit zehn Jahren gehe das grenzüberschreitende Bankengeschäft global und in Europa zurück. Grund dafür ist den Autoren zufolge die geringere Risikobereitschaft und damit zusammenhängend die Wiederbesinnung auf Kern- und Heimatmärkte. Der größte Teil dieser Anpassungen dürfte vorüber sein.

Die Analysten der Raiffeisen Bank International sehen dabei Raum für eine weitere Annäherung des west- und osteuropäischen Bankensektors. Die Durchdringung mit Bankendienstleistungen sei in allen Teilregionen unterhalb grundlegender Niveaus, heißt es. Der Bankensektor dürfte somit stärker als die Gesamtwirtschaft wachsen. (ela.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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