Tendenz zur „Reflation“

Rund um den Globus zieht die Inflation an

Von Christian Siedenbiedel
 - 12:38

In den Vereinigten Staaten ist die Entwicklung besonders auffällig. Dort lag die Inflation im Januar bei 2,5 Prozent, das ist immerhin der höchste Wert seit März 2012. Auch in Großbritannien steigen die Preise wieder, die Inflation erreichte im Januar mit 1,8 Prozent den höchsten Wert seit zweieinhalb Jahren. Dort machte unter anderem die Pfund-Schwäche als Folge der Brexit-Entscheidung viele Importgüter teurer. Aber auch in Deutschland lag die Inflation im Januar mit 1,9 Prozent immerhin so hoch wie seit Juli 2013 nicht mehr.

Noch mehr Inflation gibt es in einem anderen EU-Land, in Belgien: Dort betrug die Preissteigerung zuletzt 2,7 Prozent. Eine Untersuchung des belgischen Wirtschaftsministeriums zu der Frage, warum gerade dieses Land besonders von der Inflation heimgesucht wird, stieß dem vorläufigen Bericht zufolge vor allem auf steigende Preise für Telekommunikation - wohl aufgrund mangelnden Wettbewerbs.

Offenkundig ist das Wiederanziehen der Inflation, die zuletzt allerdings auch auf einem außerordentlich niedrigen Niveau gewesen war und deshalb von den Notenbanken bewusst hochgetrieben wurde, nicht nur in Amerika und der Eurozone ein Thema. Vielmehr gibt es global eine Tendenz zur „Reflation“, wie die Ökonomen die Rückkehr der Preissteigerungen nennen.

Extremfall Venezuela

Im Durchschnitt der ganzen Welt rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses Jahr mit einer Inflation von 3,3 Prozent - nach 2,9 Prozent im vorigen Jahr und 2,8 Prozent im Jahr 2015. Extremfälle sind dabei wirtschaftlich zerrüttete Staaten in Afrika oder in Lateinamerika wie Venezuela, das zuletzt im Dezember eine Inflation von 720 Prozent vermeldete. Dort tragen die Leute das Geld zwar nicht in Wäschekörben umher wie weiland in der Hyperinflation im Deutschland der zwanziger Jahre, dafür aber in Rucksäcken.

„Jetzt zeigt sich, dass die Welt keineswegs in eine Nach-Inflations-Ära eingetreten ist“, sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Der Anstieg der Inflationsraten in vielen Ländern im Augenblick sei zwar vor allem den höheren Energiepreisen geschuldet. In Amerika stiegen aber längst auch die Preise für andere Güter. Wenn Amerikas Notenbank Fed das zum Anlass nehme, die Zinsen schneller als geplant anzuheben, könne das über einen teureren Dollar auch zu mehr Inflation in anderen Ländern führen - weil diese Staaten viele Güter importierten, die in Dollar abgerechnet würden.

Gute Nachricht für Vermögens- und Sachwerte

Viele Anlageexperten meinen mittlerweile, die Inflation dürfte zu einem der beherrschenden Anlagethemen dieses Jahres werden. „Das Thema Reflation oder Rückkehr der Inflation ist aus unserer Sicht eines der großen Investmentthemen für 2017“, sagt Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Blackrock in Deutschland.

Getrieben durch eine Beschleunigung des realen Wachstums insbesondere in den Vereinigten Staaten, dürften die Inflationsraten in vielen Industrieländern, aber auch in einigen Schwellenländern in diesem Jahr steigen. „Und das nicht nur aufgrund des Anstieges der Energiepreise, sondern auch und vor allem aufgrund einer anziehenden Konsum- und Investitionsnachfrage“, meint Herrmann.

Für reale Vermögenswerte und Sachwerte wie Aktien oder Rohstoffe sei das eine sehr gute Nachricht, da diese von einem steigenden Preisniveau profitieren sollten. „Für nominale Anlageklassen wie Anleihen verheißt die Aussicht auf höhere Inflationsraten hingegen nicht viel Gutes, weil Anleiherenditen steigen und die Kurse entsprechend fallen dürften“, sagt Herrmann: „Der Renditeanstieg wird keine Einbahnstraße sein, allerdings rechnen wir auf breiter Front mit höheren Renditen gegen Jahresende.“

Veränderte Markterwartungen

Die Investoren an den Märkten haben dabei offenkundig einen Schwenk vollzogen in der Frage, ob man die Inflation schon so bald zurückerwarten könne. Die Markterwartung der zukünftigen Inflation sei im Sommer 2016 noch sehr niedrig gewesen, sagt Michael Althof, Portfoliomanager beim Anleiheinvestor Pimco. Die erwartete durchschnittliche Inflation über die nächsten zehn Jahre in Amerika habe im August nur etwa 1,7 Prozent betragen, in der Eurozone nur etwas mehr als 1 Prozent.

Diese Markterwartungen hätten sich auf jeweils etwa 2,4 Prozent für Amerika und 1,5 Prozent für die Eurozone erhöht. Die Pimco-Experten glauben, dass die Inflationserwartungen durchaus noch weiter steigen könnten: „Auch in der Eurozone sind noch weiterhin steigende Markterwartungen der Inflation zu erwarten“, sagt Althof, „allerdings weniger dynamisch im Vergleich zu Amerika.“

Was heißt das für die hiesigen Anleiherenditen? Für die Renditen von Bundesanleihen sei vor allem wichtig, wie die Europäische Zentralbank (EZB) auf die verbesserte Aussichten für Wachstum und Inflation reagiere, meint Althof. Sie scheine sich vor allem auf die geringe Kerninflation, also die Inflation ohne kurzfristig schwankende Preise wie die für Energie und Lebensmittel, zu konzentrieren. Deshalb könne man davon ausgehen, dass sie ihr Anleihekaufprogramm zunächst wie geplant bis zum Ende des Jahres fortführen werde.

Wahrscheinlich werde sie aber im September, spätestens im Dezember die Fortführung des Programms diskutieren müssen. Wenn sich das Wachstum und die Inflation bis dahin weiter erhöhen, werde sie wohl die Anleihekäufe verringern und könnte zum Jahresmitte 2018 das Programm einstellen. Diese Entscheidung könnte zu steigenden Renditen auf Bundesanleihen führen. Wenn sich aber die Kerninflation weiter abschwäche und die Gesamtinflation nur kurzfristig wegen der Ölpreise gestiegen sei, werde sie die Anleihekäufe eventuell länger fortführen.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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