Singapurs Staatsfonds

Warnung vor Selbstzufriedenheit

Von Christoph Hein, Singapur
 - 20:39

Zwei der größten Staatsfonds der Welt warnen vor unsicheren Zeiten. Temasek Holdings und GIC, die beiden Fonds des reichen Stadtstaates Singapur, bauen stärkere Barpositionen auf. „Die Bewertungen an den Märkten sind hoch, die Geldpolitik wird schrittweise gestrafft werden, und es gibt politische Risiken“, sagte Temaseks Chefstratege Michael Buchanan bei der Bilanzvorlage am Dienstag. Am Tag zuvor hatte Lim Chow Kiat, der Vorstandsvorsitzende von GIC, seinerseits vor „überzogenen Bewertungen, politischen Unsicherheiten und ungelösten wirtschaftlichen Schieflagen“ gewarnt. GIC gibt seine Größe mit „deutlich über 100 Milliarden Dollar“ an. Analysten schätzen, seine wahre Größe liege bei rund 350 Milliarden Dollar. Er verwaltet die Auslandsreserven der Tropeninsel. Temasek weist einen Wert von 197 Milliarden Dollar aus. Er untersteht dem Finanzministerium.

Lim wagte sich deutlich weiter vor als die Spitzenmanager von Temasek. Er sagte am Montag, „der Grad der Unsicherheit ist sehr hoch“, die Volatilität der Preise von Anlagen hingegen sei „sehr niedrig“. Dann folgerte er: „Wir sehen das als Selbstzufriedenheit der Investoren an, was ein weiterer Grund für uns ist, vorsichtiger zu werden.“ Dementsprechend hat Temasek im vergangenen Geschäftsjahr (31. März) seine Kasse gestärkt: Die Investitionen lagen bei 16 Milliarden Singapur-Dollar (10,14 Milliarden Euro), nach 30 im Vorjahr. Die Verkäufe machten aber 18 Milliarden Singapur-Dollar aus, was dem Durchschnitt der vergangenen Jahre entspricht. Darunter waren Anteile an Evonik Industries, dem Zementhersteller Lafarge Holcim und dem indischen Telefonkonzern Bharti Airtel. GIC hält nun 35 Prozent seiner Anlagen in bar oder in Anleihen, zuvor waren es 34 Prozent.

Beide Fonds haben in den vergangenen Jahren ihre Strategie geändert. Sie schauen stärker über den Tellerrand und öffnen sich neuen Anlageformen. „Wir haben unser Portfolio stärker auf Langzeitentwicklungen wie Schwellenländer und neue wirtschaftliche Trends wie etwa die digitale Wirtschaft ausgerichtet“, sagt Temasek-Chefinvestorin Sulian Tay. In den vergangenen acht Jahren ist der Anteil der neuen Bereiche – aus Sicht Temaseks Technologie, Biotechnologie, das Agrargeschäft, der Finanzsektor jenseits der klassischen Banken, das Konsumentengeschäft und Rohstoffe – von 8 auf nun 24 Prozent am Portfolio gestiegen.

Vor allem aber ist es für Temasek interessant, in nichtbörsennotierte Unternehmen einzusteigen. „Hier konkurrieren wir allerdings zunehmend mit anderen Marktteilnehmern wie Pensionsfonds oder Familien-Anlagegesellschaften“, sagt Buchanan. „Für uns spricht, dass sich die Firmen mit uns als Investor Zugang zu einem großen Netzwerk in Asien verschaffen.“ Hoffnungsmärkte sind für Temasek Indien, Indonesien und die Philippinen.

3,7 Prozent Durchschnittsrendite für den konservativen GIC

GIC operiert deutlich konservativer: Hier liegt der Anteil an Privatfirmen nur bei 9 Prozent. Beide Fonds treffen auf den Märkten aber auch aufeinander: Beide haben rund eine halbe Milliarde SingapurDollar in den chinesischen Online-Händler Alibaba investiert.

Die Anlagen von GIC liegen zu 34 Prozent in Amerika, zu 19 Prozent in Asien jenseits Japans, jeweils zu 12 Prozent in Europa und Japan und zu 6 Prozent in Großbritannien. Damit erreichte GIC in den vergangenen 20 Jahren eine Durchschnittsrendite von 3,7 Prozent oberhalb der globalen Inflationsrate. Temasek ist zu 68 Prozent in Asien investiert, davon allein zu 29 Prozent in seiner Heimatstadt Singapur, zu 12 Prozent in Amerika und jeweils zu 8 Prozent in Australien und Europa. Temasek kommt über den Zeitraum auf einen Wertzuwachs von 6 Prozent. Im vergangenen Jahr schuf Tay stolze 13 Prozent in Singapur-Dollar (9 Prozent in amerikanischen Dollar), was die Kapitalkosten von 7 Prozent deutlich überschreitet. Er stammte vor allem aus den Kursgewinnen der Anteile an den Banken Standard Chartered und der DBS Group sowie von Alibaba.

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Während GIC weiterhin relativ verschlossen bleibt, hat sich Temasek in einem guten Maße der Öffentlichkeit gegenüber geöffnet. Allerdings fehlte am Dienstag einmal mehr die Chefin des Hauses, Ho Ching. Die Ehefrau des Singapurer Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong hatte mit ihm am G-20-Gipfel in Hamburg teilgenommen. Auch sonst hält sie sich öffentlich zurück, sitzt aber als Mitglied des Verwaltungsrates auch in seinen wichtigen Ausschüssen. Ein Erbstreit im Hause Lee wurde in den vergangenen Wochen öffentlich über Facebook ausgetragen. Sein Bruder, einst selbst Chef des von Temasek gehaltenen Staatskonzerns Singapore Telecom, warf Lee vor, den Stadtstaat in die falsche Richtung zu führen, und Ho, Gegenstände aus dem Haus des verstorbenen Übervaters Lee Kuan Yew entwendet zu haben – wogegen sie sich sofort wehrte, allerdings nicht, wie sonst stets üblich, über eine Klage.

Ihr eigenes Erbe ist auch weiterhin fraglich: Seit Jahren hatte Ho angekündigt, einen Nachfolger zu suchen und 2009 mit Chip Goodyear, dem früheren Vorstandsvorsitzenden des Bodenschatzkonzerns BHP Billiton, auch einen Hochkaräter gefunden. Der aber verließ Temasek über Nacht wegen unterschiedlicher strategischer Auffassungen. Seitdem herrscht Schweigen. Öffentlich gewinnen Chefstratege Buchanan und die Chefinvestorin Sulian Tay, beide frühere Goldman-Sachs-Manager, an Gewicht und präsentieren den Zustand des Fonds.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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