Staatsfonds Temasek

Singapur erobert die Welt

Von Christoph Hein
 - 09:49

Singapur, der reiche Stadtstaat in Südostasien, hat ein Credo: Er erfindet sich immer wieder neu. Einst Handelsposten der Briten, wurde er groß als Logistikdrehscheibe. Er wuchs zur Finanzmetropole heran. Um Lebensqualität und Image aufzubessern, wurde er grün – in keiner Hauptstadt Asiens gibt es so viel Bäume, Sträucher und Parks wie auf der Tropeninsel. Und nun will Singapur nicht nur zur „intelligenten Stadt“ heranreifen, sondern gleich zur „smart nation“. Veränderung ist in dem Stadtstaat ohne eigene Rohstoffe Überlebensprinzip.

Das hat nun auch die Geldhüter erfasst. Über viele Jahre galt der Staatsfonds Temasek als verschwiegen und verschlossen wie ein Orden der Gralshüter des Geldes. Noch heute geht zu Temasek, wer harte Arbeit nicht scheut, aber im Stadtstaat Karriere machen will. Doch fast über Nacht hat sich nun auch der Fonds neu erfunden. Früher wurden Ausländer kaum zu Pressekonferenzen eingeladen, heute erscheinen in der staatlichen Zeitung doppelseitige Anzeigen, die in leuchtenden Farben die Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres (Stichtag 31. März) erklären. Zumindest so weit, wie ein Finanzministerium offenlegen will, wo und wie es sein Geld anlegt. Dieser Tage sind Vertreter des Staatsfonds sogar nach Europa ausgerückt, um deutschen Investoren die aktuelle Strategie von Temasek zu erläutern.

Es geht um viel: Temaseks Portfolio ist in den vergangenen zehn Jahren von 164 auf nun 275 Milliarden Singapur Dollar (umgerechnet 184 Milliarden Euro) angeschwollen. Hier sind traditionell die Staatsunternehmen gebündelt. Temasek aber ist mehr als der Schatz des Stadtstaates. Der Fonds ist ein Aushängeschild Singapurs in der Wirtschaftswelt und dann und wann auch ein Politikum. Das liegt auf der Hand, auch weil seine Chefin die Ehefrau des Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong ist.

Öffentlich kennt man sie vor allem in der Rolle der Selbstverteidigung. Ho Ching hat es nicht leicht: Immer wieder muss sie sich erklären, ihre Strategie verteidigen. Das aber tut sie nur im äußersten Notfall; eine Haltung, die immer weniger zum neuen Auftritt von Temasek passen will.

Familienstreit wirft Führungsfrage auf

Die einst beste Schülerin ihres Jahrgangs in Singapur wurde Elektroingenieurin (was Anfang der 1980er Jahre in der Stadt ganz und gar nicht selbstverständlich war), machte ihren Masterabschluss in Stanford, führte ein staatliches Rüstungsunternehmen und lernte ihren späteren Mann im Verteidigungsministerium kennen. Von 2002 an gehörte sie zu Temaseks Führungsteam, 2004 wurde sie Vorstandsvorsitzende.

Seitdem geht die Frage um, ob sie diese extrem einflussreiche Position in Singapur aus eigener Kraft erreicht habe oder dank ihres Ehemanns. Dazu muss man wissen, dass es Zeiten gab im Stadtstaat, in denen der Gründer und Übervater Lee Kuan Yew die Fäden im Hintergrund zog, sein ältester Sohn Ministerpräsident war, dessen Frau Temasek führte und der jüngere Bruder Singapore Telecom. Wer aber, wie selbst die staatliche Presse Singapurs, an Nepotismus dachte, musste zumindest einräumen, dass alle für ihre Posten qualifiziert waren. Und sich dann mit den Rechtsanwälten der Familie befassen. Gerade aber wühlt ein Familienstreit der Lees die Stadt auf: Sein eigener Bruder warf Ministerpräsident Lee vor, das Land nicht richtig zu führen, und dessen Frau Ho, sich einzumischen und sogar Gegenstände aus dem Elternhaus entwendet zu haben. Natürlich bestritt sie das sofort und ausführlich.

Die Affäre schmerzt. Wie auch der Schwesterfonds GIC (Government of Singapore Investment Corporation), dessen Vermögen offiziell mit „deutlich mehr als 100 Milliarden Dollar“ angegeben wird, den Analysten aber auf rund 350 Milliarden Dollar taxieren, zählt Temasek zu den Pfeilern des Stadtstaates. GIC bewahrt und mehrt die Reserven der Singapurer Regierung. Zu den Stützen des kleinen Landes zählen auch die Notenbank, die Hausentwicklungsbehörde und der staatliche Entwickler von Grund, Boden und Großprojekten, die Jurong Town Corporation. „Weder der Präsident der Republik Singapur noch Singapurs Regierung, unser Aktionär, ist in unsere Investitionsentscheidungen, unsere Verkäufe oder geschäftlichen Entscheidungen eingebunden, außer mit Blick auf das Bewahren der eigenen Reserven von Temasek“, heißt es beim Fonds.

Damit ist klar: Die Eheleute Lee und Ho dürfen nicht auf die gegenseitigen Geschäfte Einfluss ausüben. Der Ministerpräsident erklärte gerade vor dem Parlament: „Wenn Ho Ching sich irgendwann einmal unangemessen verhält, habe ich keinen Zweifel, dass der Verwaltungsrat von Temasek, der Präsident und die Berater des Präsidenten wissen, was ihre Pflicht ist.“

Der Familienstreit warf die Führungsfrage auf. Fragen, ob sie durch die Anwürfe ihres Schwagers ihren Ruf geschädigt sah, konnte man die Chefin eines der größten Staatsfonds der Welt freilich nicht. Bei der Vorlage der goldgeränderten Bilanz Temaseks Mitte Juli war Ho einmal mehr nicht zu sehen – sie hatte beim G-20-Gipfel in Hamburg, an dem ihr Mann als Beobachter teilnahm, das Programm für mitreisende Ehepartner absolviert. Auch schrieb sie im Jahresbericht kein Vorwort. 2015 hatte Ho schon ein dreimonatiges „Sabbatical“ beim Fonds genommen, das sie kurz darauf auf ein halbes Jahr ausdehnte. Doch gibt es Fragen, die auf eine Antwort warten.

Mit einer Abkürzung ins Herz der Singapurer Elite

Die wichtigste: Wer führt den Fonds in die Zukunft? Im März 2009 herrschte Aufregung. Charles „Chip“ Waterhouse Goodyear IV, bis kurz zuvor Vorstandsvorsitzender des Rohstoffriesen BHP Billiton, sollte die Führung von Temasek übernehmen. Von neuer Offenheit wurde geschwärmt und von einer Ausrichtung auf Rohstoffe berichtet. Doch drei Monate bevor Goodyear Ho ersetzen sollte, fand das Abenteuer ein plötzliches Ende: Goodyear nahm seinen Hut, man sprach von „unterschiedlichen Auffassungen“, und seitdem herrscht wieder Schweigen. Unterbrochen nur von Bemerkungen der Führungsriege, die Suche eines Nachfolgers sei eine „sehr, sehr intensive und zeitraubende Übung“. Auch acht Jahre später gibt es immer noch keinen Hinweis auf einen Nachfolger für die erste Dame von Temasek.

Hinter Ho steht eine feine, verschwiegene Elite, die weiß, wie man Geld macht. Im Verwaltungsrat von Temasek – benannt nach der Insel, auf der Singapur seinen Ursprung nahm – findet sich Marcus Wallenberg (seit 2008), Sprössling der gleichnamigen schwedischen Bank- und Industriedynastie und Chef der Skandinaviska Enskilda Banken. Der frühere Banker und Multiaufsichtsrat war erst der zweite Ausländer nach Simon Israel, der in das Führungsgremium von Temasek berufen wurde. Israel hatte den Singapurern von 2005 bis 2011 gedient. Die Stationen seiner beruflichen Biographie lesen sich wie ein Lexikon von Singapurs Staatsunternehmen und Institutionen, bis zur nach dem Staatsgründer benannten Hochschule für Beamte. Normalerweise ist es ein langer Weg bis ins Herz der Singapurer Elite.

Robert Zoellick nahm die Abkürzung: Der frühere Handelsbeauftragte der amerikanischen Regierung handelte den für den Stadtstaat so wichtigen Freihandelsvertrag mit den Vereinigten Staaten aus und bekam 2013 einen Ruf von Temasek. Peter Voser (seit 2015), der frühere Shell-Chef, der heute den Verwaltungsrat von ABB führt, bei Roche und IBM in den Räten sitzt, ist die Nummer drei der Ausländer bei Temasek. Shell betreibt einen Raffineriekomplex am Ölstandort Singapur. Man kennt sich seit Jahren, ist verdrahtet und schweigt gemeinsam.

Weil die Chefin sich nicht zeigt und weil die neue Offenheit überall gerne gesehen wird, darf nun auch eine Bankerin im roten Jackett bei der Bilanzvorlage auf die Bühne treten und – bei allem ihr anzusehenden Unwohlsein im Rampenlicht – von ihren Erfolgen berichten. Für Temasek-Verhältnisse ist Chefinvestorin Sulian Tay ein Youngster, gerade mal fünf Jahre im Unternehmen. Sie kommt von derselben Alma Mater wie Ho, hat in Stanford angewandte Mathematik studiert. Dann hat sie auf der halben Welt in den Büros von Goldman Sachs gearbeitet – jener Investmentbank, die schon die amerikanische Regierung unter dem Präsidenten Donald Trump mitlenkt.

Temasek an Einstieg in Start-ups interessiert

Auch Michael Buchanan arbeitete zuvor bei Goldman. Er kam 2012 zu Temasek, nachdem er Goldmans Hongkonger Büro geführt hatte, wo auch die Investmentbankerin Tay gearbeitet hatte. Buchanan ist heute der Chefstratege von Temasek.

Beide haben im vergangenen Jahr vieles richtig gemacht. Und, schon das kommt im Vergleich zu den Zuständen bis zur Jahrtausendwende einer Revolution gleich, sie sprechen auch tatsächlich darüber. Temasek scheint zu einem agilen Investor geworden zu sein, der beschränkte Wagnisse eingehen mag. „Wir haben unser Portfolio stärker auf Langzeitentwicklungen wie Schwellenländer und neue wirtschaftliche Trends wie etwa die digitale Wirtschaft ausgerichtet“, sagt Chefinvestorin Tay. So ist in den vergangenen acht Jahren der Anteil der neuen Bereiche, in die der Fonds investiert – aus Temaseks Sicht sind das Technologie, Biotechnologie, das Agrargeschäft, der Finanzsektor jenseits der klassischen Banken (Fintech), das Konsumentengeschäft und Rohstoffe – von 8 auf nun 24 Prozent am Portfolio gestiegen.

Vor allem aber ist es für Temasek inzwischen hochinteressant, in nicht-börsennotierte Unternehmen einzusteigen. Ein riskantes Geschäft. Denn nur ein Bruchteil der Startups finden den Weg zum Erfolg. Und angesichts der Niedrigzinsen treten sich die hoffnungsvollen Geldgeber gegenseitig auf die Füße. „Wir konkurrieren hier zunehmend mit anderen Marktteilnehmern wie Pensionsfonds oder Familien-Anlagegesellschaften“, sagt Buchanan. Und wirbt dann für das eigene Haus: „Für uns spricht, dass sich die Firmen mit uns als Investor Zugang zu einem großen Netzwerk in Asien verschaffen.“

So kommt es, dass zum Portfolio von Temasek nicht nur traditionell der weltberühmte Singapurer Zoo, der größte Staatskonzern Singapore Telecommunications oder die Online-Händler Amazon und Alibaba zählen, sondern auch Ctrip, eine chinesische Webseite für Reisebuchungen, oder Modern Meadow, ein Hersteller von natürlichem Leder aus dem Labor.

Investitionen in ausländische Banken in Singapur ein Reizthema

Ein Staatsfonds wie Temasek kann nur schlagkräftig sein, wenn er international arbeitet. Die 630 Mitarbeiter kommen aus 33 Nationen. Und auch die Anlage ist weltumspannend. Hoffnungsmärkte seien für Temasek Indien, Indonesien und die Philippinen, sagt Buchanan. Temasek ist zu 68 Prozent in Asien investiert, davon allein 29 Prozent in seiner Heimatstadt Singapur, 12 Prozent in Amerika und jeweils 8 Prozent in Australien und Europa. Temasek kommt über den Zeitraum von 30 Jahren auf einen Wertzuwachs von 6 Prozent. Im Geschäftsjahr 2016/2017 schuf Tay stolze 13 Prozent an Wert, in Singapur-Dollar gemessen (9 Prozent in amerikanischen Dollar), was die Kapitalkosten von 7 Prozent deutlich überschreitet. Der Kurszuwachs stammte vor allem aus den Kursgewinnen der Anteile an den Banken Standard Chartered und DBS Group sowie an Alibaba.

Gerade die Investitionen in ausländische Banken sind in Singapur freilich ein Reizthema. Denn der Schwesterfonds GIC hat mit dem Verkauf seiner Aktien der Schweizer Bank UBS gerade einen milliardenschweren Verlust realisiert. Der Singapurer Oppositionspolitiker und Banker Kenneth Jeyaretnam warnt denn auch: „Diese mehrfachen öffentlich gewordenen Fehler unserer staatlichen Vermögensverwalter sind wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges. Sie illustrieren, warum wir Transparenz und Rechenschaft brauchen, wie der Norwegische Pensionsfonds sie vorlegt.“

Norwegen ist weit, doch befindet sich Temasek zumindest auf dem Weg. Und warnt alle Anleger: Nach der Hausse des vergangenen Jahres haben die Manager nun ihre Kasse gestärkt. „Die Bewertungen an den Märkten sind hoch, die Geldpolitik wird schrittweise gestrafft werden, und es gibt politische Risiken“, warnt Buchanan.

Lim Chow Kiat, der Vorstandsvorsitzende von GIC, wagte sich sogar noch deutlich weiter vor. Er sagte, der Grad der Unsicherheit sei „sehr hoch“, die Volatilität der Preise von Anlagen hingegen sei „sehr niedrig“. Dann folgerte er: „Wir sehen das als Selbstzufriedenheit der Investoren an, was ein weiterer Grund für uns ist, vorsichtiger zu werden.“

So lagen die Investitionen von Temasek im vergangenen Geschäftsjahr nur noch bei 16 Milliarden Singapur-Dollar, nach 30 Milliarden im Vorjahr. Die Verkäufe machten aber 18 Milliarden Singapur-Dollar aus, was dem Durchschnitt der vergangenen Jahre entspricht. Darunter waren Anteile an Evonik Industries, dem Zementhersteller Lafarge Holcim und dem indischen Telefonkonzern Bharti Airtel. Die Liquidität, das Pulver von Temasek, liegt nun mit 91,1 Milliarden Singapur-Dollar auf Rekordniveau. Die Deutsche Post DHL muss allein für einen solchen Umsatz ein ganzes Jahr Briefe und Pakete austragen.

Quelle: F.A.S.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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