Geldhäuser ohne Kapital

Was Banken aus der Finanzkrise gelernt haben

 - 11:11

Herr Bänziger, vor zehn Jahren begann die Finanzkrise. Was haben wir daraus gelernt?

Dass wir Banken brauchen, die robust sind und mit Risiken umgehen können.

Sie haben schon am Vorabend der Krise, 2007 als Deutsche-Bank-Vorstand, gesagt: Ich spiele mit dem Risiko wie mit dem Klavier. Haben die Banker sich alle überschätzt?

Ich habe das damals aus der Perspektive der Deutschen Bank gesagt. Die Deutsche Bank hatte die Risiken recht gut im Griff. Wir hatten in der Regel keine offenen Positionen. Deshalb hat die Deutsche Bank die Krise vergleichsweise stabil überstanden – zwar mit beachtlichen, aber eben mit verdaubaren Verlusten. Das war nicht bei allen so.

Jetzt arbeiten Sie für die Privatbank Lombard Odier, die sich damit brüstet, 40 Finanzkrisen seit der Gründung 1796 überstanden zu haben: War die Krise 2007/2008 im historischen Vergleich nur halb so wild? Waren wir hysterisch damals?

Nein, wir gingen durch eine schwere Krise, so schwer wie die Große Depression in den dreißiger Jahren. Nur den Notenbanken ist es zu danken, dass Schlimmeres verhindert wurde: Die Aktienkurse sind um 40 Prozent gefallen, sehr viele Leute haben sehr viel Geld verloren.

Das haben sie längst wieder aufgeholt: Die Börsen feiern Rekord um Rekord.

Der Anstieg der Aktienkurse ist eine Folge der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken. Deren Bilanzsummen sind enorm gestiegen: In Amerika ist sie etwa ein Drittel so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt, in Europa etwas höher, und in der Schweiz liegt sie bei 80 Prozent des Volkseinkommens. Überall haben die Notenbanker Riesensummen ausgegeben, um den Markt zu beruhigen und die Wirtschaft zu retten. Das sehen wir heute an den Preisen, für Aktien wie für Immobilien.

Liegt in dem Überschwang bereits der Keim für die nächste Krise?

Die Zentralbanken agieren zum Glück sehr vorsichtig. Die Zinswende geschieht langsam, man bereitet die Märkte darauf vor. Geschähe dies abrupt, wäre das in der Tat gefährlich. Aber das wissen die Notenbanker.

Weiß auch Mario Draghi, dass es allmählich Zeit für die Umkehr ist? Nähert sich die EZB dem Ende der ultralockeren Geldpolitik, wie es die Fed in Amerika vormacht?

Das fragen sich viele Investoren. Herr Draghi ist da recht sibyllinisch. Aber die Körpersprache der EZB ist heute eine andere als vor einem Jahr.

Amerikas Banken wurden 2008 vom Staat gezwungen, Kapital von ihm zu nehmen, hinterher haben sie sich schneller berappelt. Hätte Europa es auch so machen sollen?

Amerikas Weg war im Rückblick besser, aber erst mal sehr schmerzvoll. Die Meinung der Regierungen in Europa 2009/2010 war, dass Bilanzschnitte dieser Größenordnung für die Banken nicht verdaubar wären. Dafür haben wir mit Verzögerung gelitten. Die spanischen Sparkassen musste man hinterher mit viel Geld retten, auch in Belgien und Italien musste nachgebessert werden. Rein volkswirtschaftlich wäre die amerikanische Lösung viel besser gewesen: klarer Schnitt, Kapital abschreiben, neu kapitalisieren – und dann vorwärts marschieren.

Dann war im Rückblick der Satz von Deutsche-Bank-Chef Joe Ackermann falsch, der tönte, er würde sich schämen, Kapital vom Staat zu nehmen?

Die Deutsche Bank hatte diesbezüglich keine Not. Sie hatte nie ein Problem, Kredite zu vergeben oder die notwendigen Abschreibungen zu machen. Sie hat mitten in der Krise sogar ihr Angebot für den Mittelstand ausgeweitet. Herrn Ackermanns Aussage war im damaligen politischen Umfeld einfach unglücklich und kam schlecht an.

Damals haben alle geschworen: Nie wieder muss der Steuerzahler eine Bank rauspauken. Wie sicher sind Sie, dass dies stimmt?

Ich wünsche mir, dass es stimmt. Es wird immer wieder Finanzkrisen geben, das ist im menschlichen Verhalten angelegt. Also wird es immer Banken geben, die gerettet werden müssen.

Also war alle Regulierung, waren alle Schwüre für die Katz?

Nein. Das Finanzsystem ist heute wesentlich sicherer als 2007 – dank der schärferen Anforderungen an Kapital, Liquidität und Corporate Governance. All die Regulierung, die nach der Krise beschlossen wurde, hat sehr positive Folgen. Das war richtig. Das musste man so machen.

Das sehen viele Banker anders. Die Regulierung schieße über das Ziel hinaus, lautet die Kritik, zudem seien die Vorgaben oft widersprüchlich.

Da bin ich anderer Meinung. Das Finanzsystem brauchte mehr Aufsicht, mehr Kapital. Ob es wirklich zu viel an Regulierung ist, das sehen wir erst in der nächsten Krise.

Nur weiß im Voraus niemand, wo die auftaucht – und wie man sich davor schützt.

Richtig, das ist das Problem. Wenn Sie Immobilienkrisen und Bankenkrisen miteinander vergleichen, stellen Sie fest, dass die Auslöser vieler Finanzkrisen im Immobiliensektor liegen. Banken können recht hohe Handelsverluste verdauen, wie etwa nach der Jahrtausendwende, als die Dot-Com-Blase geplatzt ist. Sobald aber der Immobilienmarkt in Mitleidenschaft gezogen wird, wird es systemimmanent, also bedrohlich. Auf den Bilanzen der Banken liegen sehr viele Hypotheken, Darlehen für den Wohnungsbau, die mit Immobilien abgesichert sind. Platzen die im größeren Ausmaß, dann ist das wirklich gefährlich.

Die Preise für Immobilien sind in manchen Metropolen jetzt schon überhitzt, warnen die Bundesbank und andere schlaue Leute.

Stimmt, die Preise sind gestiegen. Aber der Unterschied zu der Zeit vor 2007 ist: Man spricht heute offen darüber, wie viele Eigenmittel man beim Immobilienkauf beizusteuern hat. Das System hat gelernt. Diese Mechanismen funktionierten vor 2007 kaum.

Was helfen diese Mechanismen, wenn der Nullzins die Leute weiter in die Immobilien treibt?

Wenn die Leute heute mit ihrem eigenen Kapital spekulieren, dann ist das volkswirtschaftlich unbedenklich: Fallen die Preise von Immobilien, dann ist halt das Vermögen weg. Für das Finanzsystem insgesamt wird es nur problematisch, wenn die Spekulation mit Krediten finanziert ist. Aber da passen heute der Europäische Rat für Systemrisiken und die EZB recht gut auf. Das Gleiche gilt für die nationalen Bankaufseher. Mit Mindesteigenmittelanforderungen und Amortisationspflicht kann man heute recht viel erreichen.

Am einfachsten wäre es, die Banken hätten mehr Eigenkapital, um etwaige Schocks abzufedern. Ihre Privatbank schafft 30 Prozent. Warum bringen es Deutsche Bank oder Commerzbank nur auf einen Bruchteil?

Weil wir als Lombard Odier ein völlig anderes Geschäft betreiben. Wir verdienen unser Geld nicht mit Investmentbanking oder Krediten, sondern als Vermögensverwalter. Unsere Bilanzsumme liegt unter 20 Milliarden Franken, die Vermögen, die wir verwalten, bei 240 Milliarden. Wären wir nicht so außerordentlich stark kapitalisiert, würden die Kunden uns das viele Geld nicht anvertrauen.

Als Mitglied der Liikanen-Kommission haben Sie an den Plänen zu einem Trennbankensystem mitgearbeitet. Warum redet heute niemand mehr davon, Banken zu zerschlagen?

Unser Ziel war es nicht, Großbanken aufzuspalten, sondern die Frage zu beantworten: Wie kann man den Handelsbereich, als Teil des Investmentbanking, abwickeln, ohne dass eine ganze Bankengruppe mit in den Abgrund gerissen wird? Dafür kamen wir mit präzisen Vorschlägen. Das Investmentbanking sollte man in spezielle Tochtergesellschaften einbringen, man darf es nicht über andere Teile der Bank querfinanzieren. Der Eigenhandel, die Spekulation auf eigenes Risiko, ist einzuschränken. Diese Vorschläge finde ich nach wie vor gut.

Nur wurden sie nie Gesetz.

Bedauerlicherweise hängt der Vorschlag irgendwo in der Brüsseler Politik fest.

Über Sie wurde in der Branche gespottet: Der Bänziger wird vom Saulus zum Paulus, kaum hat er die Deutsche Bank verlassen . . .

Einspruch, meine Überzeugungen haben sich nicht geändert. Was mit der Liikanen-Kommission vorgeschlagen wurde, war nah am Risikomanagement in der Deutschen Bank.

Nach Ihrem Abschied 2012 haben Sie plötzlich auch gesagt: Die Boni-Kultur ist schädlich.

Ja, zu der Meinung stehe ich, und wer mich kennt, der weiß, dass ich das schon lange vertrete.

Wenn zu viel an Boni verteilt wurde, heißt das, dass auch Sie zu viel kassiert haben?

Der Bonus-Anteil war hoch. Die Art und Weise, wie wir damals Boni bezahlt haben, war nicht richtig. Deshalb wurde das System nach der Krise massiv überarbeitet. Das war notwendig und gut.

Warum braucht es überhaupt Boni, um Banker zur Leistung anzutreiben?

Finanzielle Anreize sind sinnvoll, sie müssen nur richtig konzipiert sein. Heute, als Partner einer Privatbank, hafte ich mit meinem ganzen Vermögen für die Bank. Wir kriegen auch keine Boni, sondern Dividenden, die vollumfänglich ins Kapitalkonto der Bank fließen. Ich habe erst Zugriff auf meine Dividenden bei meiner Pensionierung, wenn ich aus der Bank ausscheide. Vorher bin ich im Risiko. Das ist ein gutes Prinzip. Wenn Banker den Bonus schon nach fünf Jahren erhalten oder gar sofort in Cash, die Folgen ihres Tuns sich aber erst nach zehn Jahren zeigen, dann läuft was falsch.

Den Schaden der Banken trugen die Aktionäre als Eigentümer. Deren Vermögen ist weg, die angestellten Investmentbanker wurden reich und reicher. So war das im Kapitalismus nicht vorgesehen.

Das sehe ich auch so. Das Investmentbanking ist vor 2007 in allen großen Banken aus den Fugen geraten, man hat sich nicht frühzeitig genug überlegt, wie man das unternehmerische Risiko parallel schaltet mit der Bonus-Kultur.

Für die vielen Strafen und Verluste fordert die Deutsche Bank nun Geld von ehemaligen Vorständen. Man sei in dem Streit kurz vor einer Einigung, hat Aufsichtsratschef Paul Achleitner jüngst auf der Hauptversammlung gesagt. Stimmt das?

Auf was die Äußerung Achleitners beruht, entzieht sich meiner Kenntnis. Bis zur Hauptversammlung war ich mit ihm neun Monate lange nicht in Kontakt, hatte nichts gehört, auch nicht über Anwälte.

Das heißt: Sie sind nicht bereit, auf einbehaltene Boni zu verzichten?

Es gibt keinerlei juristische Vorwürfe gegen mich, im Gegenteil. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt hat jeden Stein umgedreht und das Verfahren ausdrücklich eingestellt. Auch interne Disziplinarmaßnahmen in der Bank gibt es nicht. Das weiß auch der Aufsichtsrat.

Der von ihm aufgebaute moralische Druck zum Verzicht beeindruckt Sie nicht?

Offensichtlich sieht Herr Achleitner eine Notwendigkeit, das zu tun. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, mir wird nichts vorgeworfen, und ich vertraue darauf, dass alles seinen korrekten Weg geht.

Wie kann es sein, dass Banken heute an der Börse weniger wert sind als ihr Vermögen in der Bilanz?

Der Kurs wird bestimmt von künftigen Erträgen, und der Markt vermag nicht zu erkennen: Wo ist das Geschäftsmodell der Zukunft? Für Amerikas Banken ist das sehr klar, für europäische weniger.

Die Amerikaner setzten aufs Investmentbanking.

Nicht nur, auch mit Privatkunden lässt sich gutes Geld verdienen. In Amerika, aber auch in Europa. Sie müssen als Bank einfach die kritische Masse an Kunden haben, um die Kosten vernünftig aufzuteilen. Dazu haben Europas Banken die Konsolidierung nicht zügig genug vorangetrieben.

Filialen aber braucht niemand mehr.

Das weite Filialnetz wird wahrscheinlich nicht überleben. Was bleibt, sind Flagshipstores, Filialen, die einen Mehrwert bieten für kompliziertere Dinge wie Spezialkredite oder Vermögensverwaltung

Die vermögende Klientel Ihrer Privatbank wird sowieso zu Hause besucht.

Nein, die Kunden kommen häufig hierher nach Genf.

Sie haben auch Niederlassungen in Panama und auf den Bahamas – als Fluchthelfer für Schwarzgeld?

Absolut nicht. Als Schweizer Bank sind wir zur Weißgeldstrategie verpflichtet, haben längst aufgeräumt mit dem, was an Altlasten da war. Heute müssen unsere Kunden belegen, dass sie Steuern zahlen. Wir eröffnen kein Konto, wenn die Herkunft des Geldes nicht geklärt ist.

Was bringt dann Panama?

Wir betreuen dort die Leute, die dort leben.

Das sind doch nur ein paar, verglichen mit den vielen Briefkästen.

Da irren Sie sich. Die Wolkenkratzer von Panama reflektieren den lokalen Wohlstand.

Wie viel Geld müssen wir mitbringen, damit Sie uns als Kunden akzeptieren?

Fünf Millionen Schweizer Franken sollten Sie bei uns anlegen wollen, so viel müssen Sie also flüssig haben, ohne Immobilien, Unternehmen oder sonstiges Vermögen.

Wer kommt zu Ihnen? Der Familienunternehmer, der in Generationen denkt?

Ja, das ist der klassische Fall. Was diese Leute bei uns anlegen, ist häufig ihr „rainy weather fund“, Rücklagen für schlechte Zeiten. Dafür ist ihnen Sicherheit wichtiger als der letzte Prozentpunkt an Rendite.

Wie viel Rendite versprechen Sie?

Zwischen 3 und 4 Prozent, mehr wollen unsere Kunden auch nicht. Das ist konservativ und auch richtig.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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