Yale-Fonds-Manager Swensen

Der Mann, der Yale reich gemacht hat

Von Dennis Kremer
 - 14:50

Welcher vernünftige Mensch würde Don Quichotte zu seinem Vorbild wählen? Die Hauptfigur des berühmtesten Romans von Miguel de Cervantes ist vor allem für eines berühmt – ihren erfolglosen Kampf gegen Windmühlen. Doch David Swensen zögert keine Sekunde, als er danach gefragt wird: „Don Quichotte imponiert mir, weil er niemals aufgibt.“

Das ist nur eine von vielen ungewöhnlichen Aussagen eines Mannes, der so gar nicht zu der Branche passen will, in der er nun seit 32 Jahren zu den Besten gehört: David Swensen, geboren 1954 im beschaulichen Städtchen River Falls im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, ist seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Vermögensverwalter der Welt. Unter seiner Leitung ist der Stiftungsfonds der Eliteuniversität Yale von einer vergleichsweise bescheidenen Größe von einer Milliarde Dollar im Jahr 1985 auf stolze 25 Milliarden Dollar angewachsen. In den vergangenen zehn Jahren kam Swensen auf eine Rendite von durchschnittlich acht Prozent im Jahr. Regelmäßig zählen ihn Finanzzeitschriften zu den einflussreichsten Investoren der Welt.

Swensen hätte also allen Grund, mit stolzgeschwellter Brust aufzutreten, wie dies in der Finanzbranche nicht unüblich ist. Doch wer ihn trifft, erlebt einen zurückhaltenden, fast scheuen Mann, der langsam und leise spricht und der sofort errötet, wenn ihm ein frecher Satz über die Lippen kommt. Swensen ist ein Mensch, der sich aus Luxus augenscheinlich nicht viel macht, stets hat er eine abgewetzte Ledertasche bei sich, stets trägt er die gleichen einfachen Anzüge. Auch ein gutes Essen kann ihn nicht locken: Bei seinen seltenen Deutschland-Besuchen isst er lieber eine Frankfurter Rindswurst als ein Drei-Gänge-Menü.

Wie konnte dieser Mann zu einer Leitfigur in der Finanzwelt werden? David Swensen hat in drei Jahrzehnten einfach alles erlebt: Er wurde gefeiert als Entdecker eines neuen Anlagemodells, das man nach der Universität, für die Swensen nun fast schon sein ganzes Berufsleben arbeitet, das Yale-Modell genannt hat. Er wurde kritisiert, als in der Finanzkrise auch sein Fonds Verluste machte. Seit einiger Zeit nun sind die Schlagzeilen wieder positiv, weil nicht einmal die besten Konkurrenten – selbst nicht die Finanzfachleute aus Harvard – mit ihm mithalten können. Anhand von David Swensens Biographie lässt sich exemplarisch nacherzählen, wie sich die Welt des Investierens in den vergangenen 30 Jahren gewandelt hat. Und doch muss sich auch der Erfolgsverwöhnte mit einer unangenehmen Frage herumschlagen: Wird sein Anlagemodell, oft auch als Swensen-Ansatz bezeichnet, in Zukunft noch gut funktionieren?

„Mein Herz schlug stets für Yale.“

Swensens Geschichte beginnt, wie könnte es anders sein, in den ehrwürdigen Hallen der 1701 gegründeten Yale-Universität. Dort schrieb Swensen in den 1970er Jahren an seiner Doktorarbeit, es ging um die richtige Bewertung von Unternehmensanleihen – Finanzthemen waren schon früh seine große Leidenschaft. Nebenbei hörte er Vorlesungen des späteren Nobelpreisträgers James Tobin zur Portfolio-Theorie. Dabei ging es um die richtige Aufteilung des eigenen Geldes auf verschiedene Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen, für Normalsterbliche ein eher trockenes Thema. Doch David Swensen bekommt noch heute glänzende Augen, wenn man ihn darauf anspricht: „James Tobin war ein großartiger Lehrer.“

Es will nicht so ganz zu dem scheuen Swensen passen, dass er bald darauf den Verlockungen der Großstadt erlag. Nach dem Ende des Studiums arbeitete er nämlich zunächst für eine New Yorker Bank, die in der Finanzkrise des Jahres 2008 weltweites Aufsehen erregte: Lehman Brothers. Der junge Mann fiel zwar anders als manche Händlerkollegen nicht durch markige Sprüche, dafür aber durch ein hohes Verständnis für technische Zusammenhänge auf. Bald gab man ihm den Auftrag, das allererste Swap-Geschäft abzuwickeln, das jemals zwischen Banken getätigt wurde. Heute sind solche Swaps ein ausgesprochen wichtiges Finanzinstrument, mit dem beispielsweise Banken und Fondsgesellschaften auf Grundlage eines Vertrages gewissermaßen Zahlungsströme austauschen: So kann sich die Fondsgesellschaft beispielsweise gegen eine Gebühr die Wertentwicklung bestimmter Aktien ins Portfolio buchen lassen, ohne diese Aktien selbst zu besitzen.

Die Existenz solcher Swaps hat in gewisser Weise auch die Finanzkrise 2008 verschärft, weil auch dadurch Banken auf der ganzen Welt aufs Engste miteinander verflochten waren und sich auf einmal niemand mehr traute, solche Geschäfte zu betreiben. Ironischerweise hat damit ausgerechnet der stets auf die Kontrolle von Risiken bedachte Swensen mit seiner Konstruktion die Grundlage dafür geschaffen, dass in der Krise alle das Gefühl hatten, die Risiken nicht mehr beherrschen zu können. Es scheint fast, als wolle er sich dafür entschuldigen, wenn er sagt: „In einer Systemkrise passieren katastrophale Dinge, die sich so niemand vorstellen kann.“

Sechs Jahre blieb Swensen an der Wall Street, bis er eines Tages im Jahr 1985 einen Anruf seiner früheren Universität erhielt. Man suchte in Yale nach einem neuen Leiter für den Stiftungsfonds der Universität, keine ganz einfache Aufgabe. Denn die Gelder solcher Fonds, oft von reichen Spendern stammend, tragen in Amerika wesentlich zum Budget der privaten Universitäten bei: Damit werden neue Vorlesungsräume gebaut, Stipendienprogramme für Studenten ins Leben gerufen und hervorragende Professoren angelockt. Swensen war damals erst 31 Jahre alt und hatte während seiner Wall-Street-Zeit nie ein Portfolio verwaltet. Trotzdem sagte er sofort zu: „Mein Herz, das merkte ich damals, schlug stets für Yale.“ Das mag kitschig klingen, aber dem sonst so nüchternen Swensen nimmt man das Liebesbekenntnis ab. Sonst wäre er wohl kaum mehr als 30 Jahre später noch immer an Ort und Stelle. Zumal Swensen in seiner neuen Position nach eigener Aussage zunächst 80 Prozent weniger Gehalt bekam als bei Lehman Brothers.

Eine revolutionäre Zusammenstellung

Trotzdem muss man nicht glauben, was der Amerikaner in Interviews gerne sagt: „Ich mache mir wenig aus Geld. Reichtum privat anzuhäufen finde ich nicht interessant.“ Denn auch wenn Swensen in New York sicher bedeutend mehr hätte verdienen können, dürfte er spielend ein Auskommen finden: Mit einem Gehalt von rund vier Millionen Dollar pro Jahr ist er der bestbezahlte Mitarbeiter der Yale-Universität.

Der Amerikaner gibt heute zu, dass er in seiner Anfangszeit zunächst einmal keine Ahnung hatte, was mit dem Geld im Fonds passieren sollte. „Ich erinnerte mich nur an meine Vorlesungen bei Tobin, in denen ich gelernt hatte, dass Diversifikation wichtig ist.“ Als er sich anschaute, wie die Gelder der Stiftung angelegt waren, war von einer solchen Streuung jedoch wenig zu sehen. Auch bei den Stiftungsmanagern in Harvard und anderswo entdeckte er ein ganz ähnliches Muster: Alle hatten einen Teil des Geldes in amerikanische Aktien und den anderen Teil des Geldes in amerikanische Staatsanleihen investiert.

Davon abgesehen, dass ihm die Aufteilung recht eintönig vorkam, hielt der junge Mann sie auch nicht für überzeugend: Diversifikation in einem umfassenden Sinne musste, so wie er sie verstand, alle Anlagearten enthalten, die es gab. Für Swensen zählen dazu bis heute Aktien aus aller Welt, aber auch Immobilien, Wälder, Rohstoffe genauso wie Beteiligungen an Firmen, die nicht an der Börse notiert sind (Private Equity), sowie Investitionen in Hedgefonds, die idealerweise sowohl bei steigenden als auch bei fallenden Kursen Geld verdienen. Nur den Anteil von Staatsanleihen im Portfolio hielt Swensen von Beginn an niedrig.

Diese Zusammenstellung war revolutionär, machte sie sich doch zwei bis dato weitgehend übersehene Gedanken zunutze. Erstens: Streuung ist der Schlüssel zum Investmenterfolg. Und zweitens: Wer wie ein Stiftungsfonds über einen langen Anlagehorizont verfügt, muss nicht darauf achten, dass sich die eigenen Geldanlagen ständig kaufen und verkaufen lassen, sondern kann auch in illiquide Dinge wie zum Beispiel Wälder investieren. Dafür erhält der Anleger in der Regel eine sogenannte Illiquiditätsprämie, sprich eine höhere Rendite. Swensens Rechnung ging auf beeindruckende Weise auf: In den ersten 20 Jahren erzielte er im Durchschnitt eine Wertsteigerung von 16 Prozent im Jahr.

Ist das Yale-Modell zukunftsfähig?

Auch die Art und Weise, wie Swensen konkret investierte, war neu. Er machte sich nicht selbst auf die Suche nach den besten Aktien oder den wertvollsten Wäldern, sondern steckte die Stiftungsgelder stattdessen in die Fonds anderer Portfoliomanager, deren Fähigkeiten ihn überzeugten. Um gute Manager zu finden, wählte er oft ungewöhnliche Wege. So rief er beispielsweise große Unternehmen an und fragte, welcher Fondsmanager die Firma am besten durchschaute. Kam ein Kandidat in die nähere Auswahl, lud er ihn meist zum Mittagessen ein. „Nichts ist so wichtig, wie Vertrauen zueinander aufzubauen.“ Gute Investoren, davon ist Swensen bis heute überzeugt, investieren nicht des Geldes willen, sondern aus sportlichem Ehrgeiz. Je weniger jemand dabei seinen Reichtum zur Schau stellt, umso wohler ist es Swensen.

Viele Jahre galt es für einen Portfoliomanager als besondere Auszeichnung, wenn sich David Swensen für ein Investment entschied. Dann aber kam die Finanzkrise, und Swensen machte erstmals in seiner Laufbahn einen wirklich hohen Verlust: Zwischen 2008 und 2009 verlor sein Fonds mehr als 20 Prozent an Wert. Damals erschien das einflussreiche Anlegermagazin Barron’s mit dem Bild eines Studenten auf dem Titel, dem das Wasser bis zum Halse stand. Überschrift: Crash-Kurs. Mit seiner Vorliebe für illiquide Anlagen habe Swensen das finanzielle Überleben seiner Universität aufs Spiel gesetzt, lautete die Kritik.

Die Vorwürfe nagen bis heute an Swensen, sie haben ihn tief verletzt. An seiner Anlagestrategie aber hat er festgehalten. Die jüngsten Jahre waren gut, aber nicht überragend, zuletzt betrug der Wertzuwachs eher magere 3,4 Prozent. Ist das Yale-Modell zukunftsfähig?

Bis heute profitiert Swensen von den außergewöhnlichen Verbindungen, die seine Universität hat: Yale-Absolventen erlangen oft Spitzenpositionen in Amerikas Industrie. So wurde Swensen oft noch vor dem Börsengang auf Firmen wie Google oder das Karrierenetzwerk Linkedin aufmerksam – Beteiligungen, die er zu viel Geld machen konnte.

Trotzdem sieht es danach aus, als dürfte es der Altmeister in Zukunft schwerer haben. War er in den Anfangsjahren ein Pionier, ahmen heute nicht wenige Stiftungen seinen Ansatz nach. Durch seinen Erfolg hat sich Swensen also selbst neue Konkurrenten erschaffen, die mit ihm um die besten Renditen wetteifern. Wenn aber immer mehr Stiftungen in dieselben Anlagearten investieren, steigen deren Preise. Das macht den Einstieg weniger lohnenswert.

Auch muss sich Swensen immer wieder für die Kosten rechtfertigen, die seine Strategie mit sich bringt. Gerade viele Hedgefondsmanager, die zuletzt eher mäßige Resultate lieferten, lassen sich dennoch üppig bezahlen. Swensen hält ihnen trotzdem die Treue, obwohl dies ein wesentlicher Grund dafür war, dass es 2016 nicht ganz so berauschend lief. In einer Zeit, in der ETF immer mehr an Bedeutung gewinnen (sie bilden die Wertentwicklung eines Aktienindex wie des Dax zu geringen Kosten ab), glaubt Swensen nach wie vor daran, dass Profis wie er den Markt schlagen können. Daran kann man trotz seines langjährigen Erfolges Zweifel haben.

Obwohl es für normale Anleger schwierig ist, Swensens Ansatz nachzuahmen, können sie zwei Dinge von ihm lernen. Erstens: Streuung ist auch für Privatleute wichtig, keiner sollte sein Geld einfallslos auf dem Girokonto bunkern. Und zweitens: Disziplin zählt! Nur wer einer einmal gewählten Anlagestrategie auch wirklich treu bleibt, kann in der Welt der Finanzen Erfolg haben. Wen schon kleine Börsenerschütterungen zu Änderungen veranlassen, verschenkt durch dieses Hin und Her Rendite.

Die Arbeit eines Vermögensverwalters sei eine der faszinierendsten, aber zugleich auch schwierigsten Aufgaben der Welt, pflegt David Swensen zu sagen. Der Kampf gegen Windmühlen scheint ein Leichtes dagegen.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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