Plattformen für Kleinstanleger

Crowdfunding für jeden Geschmack

Von Falk Heunemann, Frankfurt
 - 09:33

Ian Wright erlebt gerade den Traum eines jeden Gründers: Noch bevor sein Start-up iCrowdU, das er und sein Kompagnon Alexander Holtermann aufbauen, ein Produkt vorweisen kann, haben Investoren ihr Start-up bereits mit 20 Millionen Dollar bewertet. „Erst kürzlich haben wir eine halbe Million von einem deutschen Geldgeber erhalten“, berichtet Wright, der aus Liverpool stammt und in Frankfurt lebt.

Dabei scheint ihre Geschäftsidee nicht neu zu sein: Die beiden Gründer planen eine Crowdfunding-Plattform. Unter dem Begriff Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) werden mehrere Anlageformen zusammengefasst, denen gemein ist, dass sie auf viele Kleinanleger statt auf wenige Geldgeber setzen. Man kann dabei in fast alles investieren: Immobilien, Kredite, Entwicklungshilfeprojekte, neue Technologien, Start-ups, selbst in Filme oder die Band des Nachbarjungen.

Grund für die Konzentration: Finanzplatz Frankfurt

Völlig neu ist das Konzept nicht, im Prinzip sind auch Aktien eine Form von Crowdfunding. Doch Internetplattformen ermöglichen es nun, dass die Anleger sich direkt über Projekte informieren und in sie investieren können. In Europa soll die Branche nach einer KPMG-Studie im Jahr 2015 knapp 5,5 Milliarden Euro eingenommen haben, davon rund 250 Millionen in Deutschland. Das waren 92 Prozent mehr als im Jahr 2014.

Die Rhein-Main-Region hat sich zum Zentrum des Crowdfunding entwickelt. Gut ein Dutzend Plattformen und Anbieter haben sich in und um Frankfurt angesiedelt – jede mit einem eigenen Schwerpunkt. Bettervest bewirbt Energiewende-Projekte, Aescuvest setzt auf den Gesundheitssektor, Giromatch und Investofolio bieten Kreditfinanzierung, Fundernation aus Bensheim lockt mit dem Engagement von Business Angels, Place2Help aus Hofheim will Unternehmen aus der Region fördern. Neuling iCrowdU setzt auf einen Mix mehrerer Crowdfund-Instrumente und globale Anlagemöglichkeiten.

Ein Grund für diese Konzentration ist natürlich der Finanzplatz Frankfurt. Viele der Gründer waren zuvor entweder bei einer großen Bank in der Region angestellt, oder sie lernten sich beim Studium kennen. Ian Wright und Alexander Holtermann von ICrowdU trafen sich beim berufsbegleitenden Studium an der Frankfurter Hochschule für Ökonomie und Management. Die Gründer von Giromatch waren Manager bei der Deutschen Bank und der Landesbank Helaba, Patrick Mijnals hatte, bevor er Bettervest gründete, am Frankfurter Zukunftsinstitut neue Technologietrends aufzuspüren versucht.

Jamal El Mallouki ist einer der Branchenältesten und Vorsitzender des Bundesverbands Crowdfunding – einer von vier Hessen im aus sechs Personen bestehenden Verbandsvorstand. Er hatte die Idee für sein Start-up mit drei anderen Studenten der EBS Universität im Rheingau und der Frankfurt School of Finance im Jahr 2010, als es das Wort Crowdfunding noch gar nicht gab. Auf LeihDeinerStadtGeld.de, so ihr Konzept, sollten Bürger ihrer Kommune Geld leihen können, die in Folge der Schuldenbremse nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchten. Inzwischen konzentriert sich das Unternehmen aber unter dem neuen Namen Crowddesk auf die Entwicklung von Software und den IT-Service für andere Plattformen. „Wir liefern die rechtliche und technische Infrastruktur, etwa für die Abrechnung von Zinsen, Steuern und die Anlegerbetreuung“, sagt Geschäftsführer El Mallouki. Mehr als 25 Plattformen nutzten Produkte von Crowddesk.

„Wir bringen Anleger und Darlehensnehmer direkt zusammen“

Denn Crowdfunding ist aufwendig, es gibt viele rechtliche Vorgaben zu beachten. „Die Prozesse unterscheiden sich je nach Finanzprodukt, Sitz und Typus des Investors“, sagt El Mallouki. Bei kleineren Emissionen von bis zu zehn Millionen Euro entstanden so Nebenkosten von bis zu 17 Prozent. „Das war lange für viele kleine und mittelständische Unternehmen nicht attraktiv.“ Durch die neuen Plattformen sei das nun deutlich billiger.

Und sie hätten einen weiteren Vorteil, sagt Robin Buschmann von Giromatch: Die Banken würden weitgehend als Mittelsmänner umgangen. „Wir bringen Anleger und Darlehensnehmer direkt zusammen.“ Bei seinem Unternehmen können Kleininvestoren direkt Kredite finanzieren. Das lockt all jene, die den großen Banken nicht mehr vertrauen und nach renditeträchtigen Geldanlagen suchen. Die Plattformen finanzieren sich in der Regel über eine anteilige Provision, die ihnen der Projektanbieter zahlt, wenn eine bestimmte Summe eingeworben wurde, sowie über Verwaltungsentgelte.

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Ganz ohne Banken kommen aber auch die Plattformen meist nicht aus. Die wenigsten besitzen eine eigene Banklizenz und kooperieren für Geldgeschäfte mit etablierten, meist kleineren Geldhäusern, bei Giromatch etwa ist es die Fidor-Bank. Zudem sind sie sehr eingeschränkt, was die Investitionsmöglichkeiten betrifft. Eine echte Firmenbeteiligung können die wenigsten anbieten. Fast alle setzen auf Nachrangdarlehen, die zwar mit einer möglichen Verzinsung von bis zu 18 Prozent locken, aber bei denen im Fall einer Pleite der Totalverlust droht. Bettervest berichtet, dass von ihren 58 Projekten zwei nach Ende der Laufzeit das Geld voll zurückzahlten – und zwei in die Insolvenz gingen. Dieses Ausfallrisiko schreckt Anleger ab. „Die Deutschen wollen maximale Rendite, aber minimales Risiko“, urteilt Wright. Wohl deshalb haben die Plattformen in der Region bislang höchstens einstellige Millionenbeträge eingesammelt.

Crowddesk-Gründer El Mallouki hält das Geschäftsmodell dennoch für aussichtsreich: „Crowdfunding ist nichts anderes als die Digitalisierung des analogen Finanzvertriebs.“ Es gebe in Deutschland 35000 Bankfilialen und Zehntausende Finanzvermittler. „Da ist das Potential für Crowdfunding-Plattformen sehr groß.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.
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