Anlegen im Internet

Das Immobilien-Crowdinvesting bangt um seinen Ruf

Von Martin Hock
 - 08:49

Das sogenannte Crowdinvesting, über das Anleger kleine und größere Beträge im Internet in Projekte investieren können, hat sich in einer Nische etablieren können. In Deutschland sind vor allem Immobilien sehr gefragt. Gemäß einer jüngsten Studie der Plattform iFunded hat das Anlagevolumen bis Mitte Juni mit 45,8 Millionen Euro schon das Volumen des gesamten Vorjahres übertroffen. Schon 2016 hatten sich die auf diese Weise angelegten Summen mehr als verdoppelt.

Der Zustrom ist wohl der Kombination aus hohen Zinsen von fünf bis sieben Prozent und dem Nimbus der Sicherheit zu verdanken, den Immobilien haben. Die Zinsen sind deshalb so hoch, weil es sich um risikoreichere Nachrangdarlehen handelt. Wie schon der Name sagt, müssen sich die Crowd-Anleger im Insolvenzfall unter den Gläubigern ganz hinten anstellen und damit rechnen, kein Geld mehr zurückzuerhalten.

Den Anlegern sei dies nach Aussage aller Plattformen durchaus bewusst, und bislang sind alle Beteiligten damit gut gefahren, ist doch noch kein Darlehen ausgefallen. Nun aber scheint sich ein Schatten auf die makellose Bilanz zu legen. Hintergrund ist ein Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft Hof gegen die Sensus Vermögensverwaltung eingeleitet hat. Dabei geht es laut Staatsanwalt um den Vorwurf des Betrugs in Zusammenhang mit Geldanlagen in zweistelliger Millionenhöhe.

Zwar hat Sensus nicht unmittelbar mit Crowdinvesting zu tun. Doch die Inhaber Gerhard Schaller und Markus Fürst sind mittelbar auch Eigentümer zweier Gesellschaften, die jeweils über die Plattformen Zinsland beziehungsweise Bergfürst Projekte finanziert haben.

Diese Firmen und Immobilienprojekte sind aber nicht Gegenstand des Verfahrens, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Für die Plattformen ist die Situation dennoch höchst misslich. Diesen war wohl schon im Oktober 2016 nach einer Durchsuchung der Räumlichkeiten von Sensus durch die Staatsanwaltschaft der Schrecken in die Glieder gefahren. „Wir haben damals nachgehakt, und man hat uns versichert, dass es bei der Durchsuchung um einen Kunden gegangen sei“, sagt Bergfürst-Sprecherin Andrea Kummermehr.

Zinsland-Geschäftsführer Carl von Stechow betont: „Seit das Thema Staatsanwalt virulent wurde, stehen wir in einem engen Austausch mit dem Unternehmen. Wir haben seitdem ein sehr viel engeres Controlling gefahren und etwa monatlich die Kontostände und Verkaufsaktivitäten der Objektgesellschaft geprüft.“

Jede Menge Vorwürfe

Die umstrittene Internetpublikation „Gerlachreport“ hat sich des Themas angenommen und weitere Vorwürfe erhoben. Die gesamte Unternehmensgruppe von Schaller und Fürst sei pleite, heißt es mit Bezug auf den Durchsuchungsbeschluss vom Oktober, den die Publikation zugespielt bekommen hat. Dieser bezieht sich allerdings nicht auf die Projektgesellschaften. Ein weiterer Vorwurf des „Gerlachreports“ ist, dass die Unternehmensgruppe der Zinsland-Muttergesellschaft Civum acht Millionen Euro schulde.

Die Behauptungen werden von den Betroffenen vehement bestritten. „Das stimmt nicht, es entbehrt jeder Grundlage“, heißt es von Zinsland. „Die kennen sich noch nicht einmal.“ Und Gerhard Schaller teilt mit: „Eine Insolvenz der Sensus ist weder beantragt noch geplant.“

Vielmehr, so Schallers Rechtsanwalt Florian Hödl, habe man eine Strafanzeige wegen übler Nachrede gegen Unbekannt gestellt. Daher gegen „Unbekannt“, weil der entsprechende Artikel des „Gerlachreports“ keinen Verfassernamen trägt und die presserechtliche Verantwortlichkeit unklar sei, so Hödl. „Nach uns vorliegenden Berichten mehrerer Geschädigter wurde durch Hintermänner des ,Gerlachreports‘ mehrfach angeboten, gegen Zahlung von Beraterhonoraren für eine positive Berichterstattung Sorge zu tragen.“

Zinsland-Darlehen soll vorzeitig getilgt werden

Die Immobilienprojekte wiederum liefen planmäßig, heißt es von den Plattformen und von Schaller. Um dies unter Beweis zu stellen, haben Zinsland und Schaller nun vereinbart, das Darlehen für das Leipziger „Kantoneum“ bis Ende Juli und damit vor der Fälligkeit im September zu tilgen. Begeistert sei Schaller nicht gewesen, sagt von Stechow. „Aber um gegenüber der Öffentlichkeit ein Zeichen zu setzen und weil es die Liquidität der Gesellschaft zulässt, haben wir uns gemeinsam dazu entschlossen.“

Offen ist, ob das auch für das Darlehen auf Bergfürst gilt. „Inhaltlich läuft das Projekt Nordkap Erfurt für uns von Anfang an und auch aus heutiger Sicht tadellos“, sagt Kummermehr. „Wir gehen davon aus, dass es fristgemäß zurückgezahlt wird.“

Die massiven Bemühungen, einen Imageschaden, noch mehr den Argwohn eines möglichen Zahlungsausfalls abzuwenden, sind verständlich, steht die Branche doch gleichsam unter Beobachtung. 2018 steht abermals die Evaluation des Kleinanlegerschutzgesetzes an. Über dem Immobilien-Crowdinvesting schwebt vor allem die Streichung der Befreiung von der Pflicht, einen Wertpapierprospekt erstellen zu müssen. Diese würde die Finanzierungsform für Immobilienentwickler deutlich weniger attraktiv machen.

Sowohl bei Bergfürst als auch bei Zinsland heißt es, mit dem Wissensstand von heute würde man diese Projekte wohl nicht mehr durchführen. Eine Vorverurteilung sei das aber keineswegs. „Unruhe im Umfeld unserer Emittenten können wir natürlich gar nicht gebrauchen“, sagt Kummermehr. „Uns ist schon klar, dass sich Anbieter von Crowdinvesting derzeit im weniger regulierten Graumarkt befinden“, meint von Stechow. „Genau aus diesem Grund beschäftigen wir uns damit, in Zukunft auch Wertpapiere oder Anleihen anbieten zu können. Wir wünschen uns, dass das Crowdinvesting schnell erwachsen wird und dafür die gleichen Bedingungen wie für andere Investments herrschen.“

Derzeit arbeiten viele Plattformen daran, neue Wege zu gehen. iFunded hat nun das bisher deutschlandweit größte Projekt „Eisenzahnstraße“ mit einem Volumen von zehn 10 Millionen Euro gestartet und dieses in Form einer klassischen besicherten Anleihe aufgelegt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin (mho.)
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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