Neuseelands Notenbank

Tauben in der Stadt des Windes

Von Gerald Braunberger
 - 13:46
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Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, trägt den Beinamen „die windige Stadt“, weil in ihr scheinbar unablässig der Wind weht. Die Notenbank des Landes, die Reserve Bank of New Zealand, liegt in Wellington am Rande des Botanischen Gartens. Früher, so heißt es, sei die Notenbank von Falken bevölkert gewesen. Heute lebten dort Tauben. Als Tauben werden in der Sprache der Ökonomen und der Finanzmärkte Geldpolitiker bezeichnet, die im Zweifel für eine lockere Geldpolitik optieren.

Dieser Tage haben die Geldpolitiker in Neuseeland ihren Ruf als Tauben bestätigt. Denn nicht nur haben sie ihren kurzfristigen Leitzins auf seinem historischen Tiefststand von 1,75 Prozent belassen und ihre Einschätzung bestätigt, dass vor der zweiten Hälfte des Jahres 2019 nicht mit einer Erhöhung des Leitzinses zu rechnen sei. Die Notenbank ließ auch deutlich erkennen, dass sie sich an der jüngsten Aufwertung des neuseeländisches Dollars gegenüber dem amerikanischen Dollar stört, was die Möglichkeit von Eingriffen am Devisenmarkt eröffnet. „Es handelt sich um eine vorsichtige Änderung unserer Sprache“, erläuterte der Vize-Gouverneur John McDermott. „Betrachten Sie es als einen ersten Schritt, den die Finanzmärkte zur Kenntnis nehmen sollten.“ Gouverneur Grame Wheeler versicherte Parlamentariern: „Wir können jederzeit handeln.“ Nach aller Erfahrung sind solche verbalen Interventionen der erste und nicht selten schon ausreichende Versuch von Geldpolitikern, Wechselkurse zu beeinflussen.

Die auffallendste Reaktion an den Finanzmärkten lässt sich schon seit ein paar Wochen beobachten: Der Abstand der Renditen zehnjähriger neuseeländischer und australischer Staatsanleihen ist erheblich geschrumpft und liegt mit weniger als 0,2 Prozentpunkten auf seinem niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahren. Aus der Perspektive westlicher Investoren sind die Anleihen der beiden Länder annähernd Substitute. Allerdings rentieren australische Staatsanleihen niedriger, weil der Markt größer und damit liquider ist.

Blick auf die Ratings offenbart nur einen geringen Unterschied

Der Blick auf die Ratings offenbart nur einen geringen Unterschied: Während Moody’s Australien und Neuseeland mit der Bestnote „Aaa“ bewertet, hat Standard & Poor’s Australien mit der Bestnote „AAA“, aber mit negativem Ausblick, und Neuseeland mit der zweitbesten Note „AA+“ mit stabilem Ausblick eingestuft. Die langfristigen Anleiherenditen werden nicht alleine von der Geldpolitik, sondern von vielerlei wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen beeinflusst. Aber die Geldpolitik ist fraglos ein Einflussfaktor.

Die lockere Ausrichtung der neuseeländischen Geldpolitik unterliegt keinem Zweifel. Die Notenbank in Wellington berechnet permanent und mit unterschiedlichen Verfahren einen sogenannten „neutralen Zins“. Damit ist jener kurzfristige Leitzins gemeint, bei dem sich die neuseeländische Wirtschaft in einem optimalen Zustand mit niedriger Inflation und hohem Wirtschaftswachstum befinden würde. Da sich eine Volkswirtschaft so gut wie nie in ihrem optimalen Zustand befindet, lässt sich der „neutrale Zins“ nicht beobachten, sondern nur schätzen. Die Schätzungen aus Wellington belegen, dass der „neutrale Zins“ in Neuseeland wie in wohl nahezu allen anderen entwickelten Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist – und dies aus Gründen, die wenig bis nichts mit der Geldpolitik zu tun haben.

Produktivität hat kaum zugenommen

So hat in der jüngeren Vergangenheit die Produktivität in Neuseeland ebenso wenig spürbar zugenommen wie in vielen anderen Ländern. Alle Schätzungen eines „neutralen Zinses“ sind, wie Ökonomen wissen, notwendigerweise unscharf. Derzeit sieht ihn die Notenbank in Neuseeland in einer Spanne von 2,6 bis 4,6 Prozent mit einem Mittelwert von rund 3,5 Prozent. Im Vergleich dazu liegt der aktuelle kurzfristige Zins der Notenbank mit 1,75 Prozent deutlich niedriger.

Das wichtigste Ziel der Notenbank besteht darin, die Inflationsrate in einem Korridor zwischen 1 und 3 Prozent zu halten, wobei auf mittlere Frist eine Rate von 2 Prozent als wünschbar gilt. Im Juni betrug die Inflationsrate 1,7 Prozent. Damit lag sie nahe der angestrebten Rate von 2 Prozent, aber die Notenbank sieht dennoch Anlass für eine Fortsetzung ihrer expansiven Geldpolitik. Ein wichtiger Grund hierfür ist in der jüngsten Aufwertung des Neuseeland-Dollars am Devisenmarkt zu sehen, der Druck auf die Inflationsrate ausüben und die wirtschaftlichen Perspektiven eintrüben könnte. Außerdem sind die jüngsten Inflationsdaten stark durch die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise beeinflusst. Die Notenbank erwartet für die ersten Monate des kommenden Jahres einen Rückgang der Inflationsrate auf 0,8 Prozent. Und damit läge sie außerhalb des angestrebten Korridors.

Die aktuellen wirtschaftlichen Perspektiven sind nicht schlecht

Dabei sind die aktuellen wirtschaftlichen Perspektiven keineswegs schlecht: Die Notenbank erwartet für dieses und für das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum von jeweils 3,4 Prozent. Das kräftige Wirtschaftswachstum trägt ebenso wie das niedrige Zinsniveau zu einer schon Jahre währenden Hausse am Aktienmarkt bei; alleine in diesem Jahr sind die Kurse im Durchschnitt um rund 13 Prozent gestiegen. Die Arbeitslosenquote liegt unter 5 Prozent.

Gleichwohl zeigt sich die Notenbank vorsichtig. „Die Geldpolitik wird für einen beträchtlichen Zeitraum locker bleiben“, hebt Gouverneur Wheeler hervor. „Es bleiben zahlreiche Unsicherheiten, und es kann sein, dass die Geldpolitik deshalb Anpassungen erfahren wird.“ Eindeutig wird der Wechselkurs als Unsicherheitsfaktor benannt: „Eine niedrigere Bewertung des Neuseeland-Dollars ist notwendig“, heißt es heute in Wellington. Nach der vorangegangenen Sitzung der Notenbankleitung hieß es noch zurückhaltender: „Eine niedrigere Bewertung des Neuseeland-Dollars wäre hilfreich.“ Preise an Terminmärkten zeigen, dass viele Marktteilnehmer erwarten, dass die Notenbank trotz ihrer Rhetorik ihren Leitzins bis spätestens Herbst 2018 erhöhen wird. Vielleicht verwandeln sich die Tauben ja bald wieder in Falken.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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