Lehren aus der Krise

Ist unser Finanzsystem heute sicherer?

Von Dennis Kremer
 - 13:11

Man schrieb den 20. Juli des Jahres 2007, als die Deutsche Industriebank (IKB) aus Düsseldorf eine denkwürdige Mitteilung herausgab: Von den Risiken des amerikanischen Immobilienmarktes, so hieß es damals im vorgezogenen Quartalsbericht, sei die Bank lediglich mit einem einstelligen Millionenbetrag betroffen.

Es war ein Satz, mit dem die kleine, auf Finanzierung des Mittelstandes spezialisierte Bank deutsche Wirtschaftsgeschichte schreiben sollte. Denn der Vorstand hatte, ob aus Kalkül oder aus Unwissenheit (das ist bis heute nicht abschließend geklärt), die eigene Lage völlig falsch dargestellt.

Nur zehn Tage später, nach einem dramatisch verlaufenen Wochenende, musste die IKB am Montagmorgen des 30. Juli wieder eine Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichen. In sachlichem Ton verfasst, enthielt sie zwei aufsehenerregende Neuigkeiten: Erstens gab IKB-Chef Stefan Ortseifen seinen Rücktritt bekannt. Und zweitens informierte man darüber, dass es sich mitnichten um einen einstelligen Millionenbetrag handele, den die Bank in Amerika abschreiben musste. Nein, die Summe war nun auf sage und schreibe mehr als eine Milliarde Euro angewachsen.

Der 30. Juli 2007 – jener Tag, der der IKB zu trauriger Berühmtheit verhalf – ist darum zugleich auch der Tag, an dem die ersten Wellen der größten Finanzkrise des 21. Jahrhunderts Deutschland erreichten. Nur dass dies damals wohl niemand in voller Konsequenz begriff. Allenfalls Jochen Sanio, der damalige Chef der Finanzaufsicht Bafin, scheint eine Art Vorahnung gehabt zu haben. Ihm wird der Satz zugeschrieben, es handele sich um die schlimmste Bankenkrise seit 1931. Damals konnte er noch nicht wissen, dass die Krise gerade erst begonnen hatte: Gut ein Jahr später sollte sie ihren Höhepunkt in der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers finden.

Eine Bankenpleite auf deutschem Boden

Im Juli 2007 waren solche Verwerfungen jedoch noch nicht abzusehen. Bundesregierung, Finanzaufsicht und Bundesbank waren völlig mit dem Fall der IKB beschäftigt, der klein im Vergleich zu allem war, was später noch kommen sollte. Als der wahre Zustand der Bank im Juli offensichtlich wurde, bot der deutsche Staat trotzdem alle Mittel auf, um sie zu retten: Die Staatsbank KfW wurde gemeinsam mit anderen Banken dazu gedrängt, der IKB eine Kreditlinie in Milliardenhöhe zuzusagen. Eine Bankenpleite auf deutschem Boden sollte es nicht geben.

In der Rückschau ist leicht zu erkennen, welcher Fehler die als solide geltende Düsseldorfer Bank an den Rande des Abgrunds gebracht hat. Sie hatte in großem Stil in amerikanische Hypothekenkredite investiert, die bald unter dem Namen „Subprime“ bekannt wurden. Was in der Nachbetrachtung als offensichtlicher Fehler erscheint, war es im Kontext der damaligen Zeit jedoch keineswegs: Es gab wohl kaum eine Bank, die nicht mit den Hypothekenkrediten spekulierte – allerdings auch kaum ein Institut, das dies gemessen an der eigenen Größe so exzessiv tat wie die Düsseldorfer.

Subprime-Kredite sind Darlehen zum Kauf von Häusern oder Wohnungen, die Amerikas Banken an Amerikaner mit üblicherweise geringen finanziellen Mitteln vergaben („Subprime“ bedeutet so viel wie „nicht erstklassig“). Diese Darlehen wurden gebündelt und an andere Banken weiterverkauft, die dafür schöne Erträge einstrichen. Aber eben nur solange die Schuldner ihre Kredite auch bedienten. Als im Jahr 2007 immer mehr Amerikaner ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten, verloren die Subprime-Papiere stark an Wert. Die IKB, die im Übermaß auf eine positive Entwicklung dieser Kredite spekuliert hatte, stand mit einem Mal vor dem Zusammenbruch.

Vielleicht hätte man die Geschichte aus Düsseldorf längst vergessen, wenn nicht noch immer eine Angst die Menschen bewegen würde, die in den damaligen Ereignissen ihren Ursprung hat: Ist unser Finanzsystem heute sicherer?

Natürlich hat niemand auf diese Frage eine endgültige Antwort, dafür ist die Finanzwelt noch immer zu komplex. Aber es sieht danach aus, als ob trotz mancher Verbesserungen keine vollständige Entwarnung gegeben werden kann. Denn manche Gefahren sind immer noch da, und manche sind neu.

Heute nicht mehr vorstellbar

Um ein grundsätzliches Problem zu verstehen, muss man sich aber gar nicht mit den Details der Finanzwelt beschäftigen, sondern sich einfach nur ein Bild vor Augen führen, das Jan-Pieter Krahnen, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität, oft benutzt. Um einen Waldbrand rechtzeitig zu entdecken und zu bekämpfen, kann es ausreichen, die Zahl der Hochsitze im Wald zu erhöhen. Was aber, wenn alle Waldbrände zwar eingedämmt werden, sich aber auf einmal ein Erdbeben ereignet? Dann hilft auch der beste Hochsitz nicht weiter. Das versinnbildlicht ein Dilemma, dessen sich jeder Finanzmarktforscher bewusst ist: Trotz aller Forschung kann niemand wissen, aus welcher Richtung genau die nächste Krise kommen wird.

Nun kann die Menschheit eben nicht alles kontrollieren, das gerade macht ja den Reiz des Wirtschaftslebens aus. Denn nur wer etwas wagt und Risiken eingeht, ist am Ende dazu in der Lage, Innovationen auf den Weg zu bringen. „Der Versuch, jegliche Risiken aus dem Finanzsystem zu entfernen, hätte einen hohen Preis: Das Wirtschaftswachstum käme weitgehend zum Erliegen“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Dies schließe aber selbstverständlich nicht aus, dass man gleichzeitig alles tun sollte, die größten Gefahren für das Finanzsystem in den Griff zu bekommen.

Auf dieser Gratwanderung ist die Welt nach Einschätzung der meisten Ökonomen ein gutes Stück vorangekommen. „Es wurden wesentliche Fortschritte erzielt“, sagt die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel von der Universität Bonn. So gibt es im Unterschied zu 2007 heute spezielle Abwicklungsregeln, die in Europa in Kraft treten, wenn eine Bank nicht mehr überlebensfähig ist. Diese Regeln haben zwar zahlreiche Schwächen und werden wie jüngst im Falle der italienischen Banken von der Politik nur halbherzig angewandt, ein zugegebenermaßen nicht ganz kleines Problem.

Aber zumindest gilt nicht mehr wie 2007 bei der IKB das ganz normale Firmeninsolvenzrecht. Hätte es an dem Wochenende im Juli nicht starken Druck durch die Finanzaufsicht und die Bundesregierung gegeben, hätte die Bank nämlich eigentlich erst umständlich eine Gläubigerversammlung einberufen und einen Insolvenzverwalter bestellen müssen. Zeit, die man im Falle von Banken nicht hat. Schließlich können die Einleger in Windeseile ihre Gelder abziehen, es kommt dann zum sogenannten „Bank Run“.

Auch eine zweite Sache hat sich verbessert: Banken müssen heute mehr Eigenkapital halten als früher. Vereinfacht gesagt, versteht man unter Eigenkapital eigenes Geld, das eine Bank von ihren Eigentümern – in der Regel also von ihren Aktionären – erhalten hat. Es dient als Verlustpuffer beispielsweise für den Fall, dass viele Kredite der Bank ausfallen. Zwar seien die Anforderungen nach wie vor zu niedrig, kritisiert die Wirtschaftsweise Schnabel: Nur drei Prozent ihrer Bilanzsumme müssen Banken heute als Eigenkapital vorhalten (Leverage Ratio). Ein gewichtiger Einwand, und doch hat sich auch in diesem Bereich seit dem Jahr 2007 eine Menge getan. Damals nämlich war der Begriff des Eigenkapitals recht schwammig definiert, wie sich Finanzprofessor Krahnen erinnert: „Die Banken konnten vieles hinzuzählen, was nach heutigen Maßstäben gar kein hartes Eigenkapital war.“

Hohe Schulden sind weiterhin eine brisante Gefahr

Trotz solcher Verbesserungen würde aber kaum jemand so weit gehen wie die amerikanische Notenbankpräsidentin Janet Yellen, die kürzlich eine neuerliche Finanzkrise zu ihren Lebzeiten (die Dame ist rüstige 70 Jahre alt) ausgeschlossen hat. Was die sonst so zurückhaltende Yellen zu solchem Übermut getrieben hat, ist nicht klar. Zumal sich seit 2007 eines gar nicht so groß verändert hat – die Abhängigkeit der Banken vom Immobilienmarkt ist noch immer hoch. Hauskredite machen zwei Drittel der Bankbilanzen weltweit aus. Sollten die Immobilienpreise in der Welt deutlich fallen, würden viele Banken womöglich abermals ums Überleben kämpfen.

Solch ein Szenario ist gar nicht so weit entfernt, wie dies angesichts deutlich steigender Häuserpreise in Deutschland derzeit erscheinen mag. „Das Finanzsystem ist heute erheblichen Zinsänderungsrisiken ausgesetzt“, sagt Isabel Schnabel. „Ein abrupter Zinsanstieg könnte die Solvenz des Bankensystems bedrohen, es wäre mit einem Einbruch der Preise von Anleihen, Aktien und Immobilien zu rechnen.“ Das Gefährliche an einer solchen Situation sei, dass alle Finanzmarktteilnehmer gleichzeitig davon getroffen würden. In der Tat zeigen Studien des Wirtschaftshistorikers Moritz Schularick, dass in einem solchen Falle insbesondere bei Immobilien ein wirksamer Schutz nicht existiert. Er hat herausgefunden: Die Hauspreise in einem Land sinken im Falle eines solchen Schocks einheitlich – alle Hausbesitzer, egal in welcher Region, sind davon betroffen.

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Das hat mit folgender Spirale zu tun, die dann oft in Gang kommt: Schnell steigende Zinsen führen dazu, dass viele Menschen ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen oder sich keine Anschlussfinanzierung mehr leisten können. Dann müssen gleichzeitig viele Häuser verkauft werden, was wiederum zu fallenden Hauspreisen führt. Und schon stehen die Banken vor großen Problemen, denn die Immobilien dienen ihnen als Sicherheit.

Dies weist auf eine altbekannte, aber noch immer brisante Gefahr hin: Hohe Schulden, seien es nun Immobilienschulden oder Schulden anderer Art, können das Finanzsystem noch immer in Windeseile destabilisieren. Wie prekär die Lage ist, zeigt eine kleine Rundreise um die Welt. Italien hat gerade die höchste Staatsverschuldung seiner Geschichte gemeldet, fast 2300 Milliarden Euro. In Amerika sind es dagegen vor allem Privatleute, die Sorgen bereiten. Auf die beeindruckende Summe von 12 700 Milliarden Dollar ist die Schuldenlast amerikanischer Haushalte zuletzt gestiegen, auch das ein Höchstwert. Immer mehr Amerikaner sind mit den Raten für ihre Autokredite in Rückstand, manch einer nennt das schon eine neue Subprime-Krise. Und in China und vielen anderen Schwellenländern sind es in erster Linie die Unternehmen, die rekordhohe Schulden anhäufen.

Gefahr im deutschen Sparkassensektor?

Deutschland ist von vergleichbaren Verhältnissen weit entfernt, muss sich aber nach Meinung mancher Ökonomen mit einem besonderen landesspezifischen Risiko auseinandersetzen. „Eine Gefahr könnte meiner Meinung nach vom Sparkassensektor ausgehen“, sagt Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. „Dies sind zwar für sich genommen kleine Banken, aber zusammen betrachtet sind sie groß.“ Bildlich kann man sich das so vorstellen:

Die Sparkassen sind wie viele kleine Fische, die gemeinsam einen Fischschwarm bilden. Jeder einzelne Fisch ist unscheinbar, zusammen bilden sie aber eine beeindruckende Gruppe. Nun bestreiten die Sparkassen zwar stets, dass sie gleichgerichtet handeln, aber über einen Haftungsverbund sind sie aufs engste miteinander verwoben. Die Risiken, die daraus erwachsen, werden darum häufig mit dem Ausdruck „too many to fail“ (frei übersetzt: zu viele, um sie pleitegehen zu lassen) bezeichnet in Abgrenzung zu „too big to fail“ (frei übersetzt: zu groß, um eine Pleite zuzulassen).

Wenigstens vor einer neuerlichen Schieflage der IKB muss man sich derzeit aber wohl nicht fürchten. Zehn Jahre nach dem Kollaps konzentriert sich die Bank, mittlerweile zu hundert Prozent im Besitz des Finanzinvestors Lone Star, allein auf die Finanzierung mittelständischer Firmen. Die gute Nachricht lautet: Im vierten Jahr hintereinander schreibt die einstige Krisenbank schwarze Zahlen.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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