Historische Finanzkrisen: Großbritannien 1720

Die Südseeblase kam auch Isaac Newton teuer zu stehen

Von Kerstin Papon
 - 07:30

Sie hat berühmte Opfer. Der Physiker Isaac Newton und der Schriftsteller Jonathan Swift zählen dazu: die Südseeblase. Sie gilt als eine der ersten und zugleich größten Börsenspekulationen der Geschichte und hinterließ Anfang des 18. Jahrhunderts nicht nur in ihrem Ursprungsland Großbritannien tiefe Spuren.

Die „South Sea Bubble“ entstand aus wild rankenden Spekulationen um ein einziges Unternehmen und ergriff schließlich den gesamten Aktienmarkt. Die South See Company, welcher der Börsenrausch seinen Namen verdankt, finanzierte die Schulden des britischen Staates durch die Ausgabe eigener Aktien zu immer höheren Kursen.

Es ging gar nicht um die Südsee

Ähnlich wie später zu Zeiten des Neuen Marktes, fanden inmitten des Booms selbst windigste Geschäftsideen bei potentiellen Geldgebern reißenden Absatz. Aktienkäufe auf Kredit waren üblich. Die Aktienkurse schossen binnen weniger Monate empor. Nach dem rasanten Höhenflug kam das böse Erwachen: Die Südseeblase platzte im Jahr 1720, die Kurse stürzten ab. Zahllose Anleger - vom Bauern bis zum Adligen - waren der Versuchung erlegen und verloren ihr Hab und Gut. Auch für die britische Wirtschaft blieb sie nicht ohne Folgen. In der nachfolgenden Baisse schwappte eine Welle von Bankrotten über das gesamte Land.

Gleichwohl führt der Name dieses Börsenrausches geografisch in die Irre. Um Südseeträume ging es mitnichten. Die Handelsgesellschaft South Sea Company war mit ihren Geschäften nicht etwa in der heutigen Südsee, also im Südpazifik, aktiv. Zur damaligen Zeit stand diese Bezeichnung in Großbritannien für die südamerikanischen Länder und das sie umgebende Meer. Die eigentliche Südsee war in Europa noch weitgehend unbekannt.

1711 wurde die South Sea Company gegründet

Ihren Anfang nahm die Südseeblase im Jahr 1711. Mehrere britische Banker gründeten in diesem Jahr die South Sea Company. Der eigentliche Geschäftszweck war jedoch weniger der Handel mit der „Südsee“ und später mit Sklaven, als vielmehr die Übernahme eines Teils der britischen Staatsschulden in Höhe von zunächst 10 Millionen Pfund. Im Gegenzug erhielt die Gesellschaft eine Verzinsung von 6 Prozent und das Monopol für Handelsgeschäfte mit den spanischen Kolonien in Lateinamerika. Vor allem aber wurde der South Sea Company die Erlaubnis zu teil, zur Finanzierung der Schuldenübernahme eigene Aktien ausgeben.

England hatte in seinem Krieg mit Spanien einen immensen Berg an Schulden angehäuft. Für das Land bot sich nun eine günstige Möglichkeit der Finanzierung und für die Geldgeber eine lukrative Geschäftsidee mit einem festen Ertrag. Als die Auseinandersetzungen im Frieden von Utrecht 1713 zwei Jahre später beigelegt wurden, ergaben sich für die South Sea Company - anders als erwartet - nur beschränkte Geschäftsmöglichkeiten. Von einem Handelsschiff jährlich war die Rede. Die Vorrechte Spaniens wurden nur begrenzt, aber nicht beseitigt.

Der Sklavenhandel florierte

Tatsächlich fand durch die South Sea Company bis zum Jahr 1717 gar kein Handel mit den südamerikanischen Kolonien statt. Auch später sollen die Geschäfte wirtschaftlich kaum der Rede wert gewesen sein. Was allerdings mit der Zeit in der Tat florierte, war der Handel mit Sklaven. Sie wurden von Westafrika nach Amerika verschifft und dort verkauft. Dabei sollen im Laufe der Jahre 34.000 Sklaven durch die Gesellschaft erworben worden sein, von denen 30.000 die Reise über den Atlantik überlebten, eine laut Historikern vergleichsweise geringe Sterblichkeitsrate im Sklavenhandel.

Der eigentliche Südsee-Boom begann erst im Jahr 1719, als die Gesellschaft zum zweiten Mal Staatsschulden in Höhe von 1,7 Millionen Pfund übernahm und dies abermals durch die Ausgabe neuer Aktien finanzierte. Im Jahr 1718 war es wieder zum Krieg mit Spanien gekommen, die Schulden Großbritanniens wuchsen. Anfang des Jahres 1720 machte schließlich die South Sea Company dem britischen Staat das Angebot, einen Großteil der Verbindlichkeiten zu übernehmen, wenn sie im Gegenzug dazu Kapital unbegrenzt und zu jedem Kurs erhöhen könne. Ein entsprechendes Gesetz trat kurz darauf in Kraft. Der Gesellschaft wurde es erlaubt, Aktien im Nominalwert von insgesamt 31,5 Millionen Pfund zu begeben. Die Rechnung war einfach: Je höher der Ausgabekurs, desto weniger Aktien reichten für die Übernahme der Schulden und desto höher war der Ertrag.

Verheißungsvolle Gewinnchancen

Die Südsee-Maschinerie begann zu laufen. Der Aktienkurs der South Sea Company hatte sich bislang kaum bewegt. Anfang 1720 stand er bei 128 Pfund - bei einem Nominalwert von 100 Pfund je Aktie. Im Laufe dieses Jahres erfolgte nun wiederholt die Ausgabe neuer Aktien zu immer höheren Kursen. Zeitgleich fachten gezielte Äußerungen des Direktoriums der South Sea Company über hochprofitable Geschäfte und versprochene Dividendenzahlungen in enormer Höhe das Interesse der Investoren und die Kurse immer weiter an. Die verheißungsvollen Gewinnchancen trafen schließlich auch unter immer mehr Privatanlegern auf fruchtbaren Boden. Das Geld der Interessenten reichte längst nicht mehr. Ratenzahlungen bei der Kapitalerhöhung wurden üblich und Kredite aufgenommen, um die Aktien der Gesellschaft überhaupt kaufen zu können. Gleichzeitig startete an der Londoner Börse das Optionsgeschäft mit den Aktien.

Die Begeisterung der Investoren gipfelte schließlich in einer regelrechten Südseemanie. Alles, was auch nur im Entferntesten mit diesem Thema zu tun hatte, war gefragt. Der Kurs der Aktie schoss in dieser Euphorie empor und kletterte im August 1720 in der Spitze auf mehr als 1000 Pfund. Längst konzentrierte sich das fieberhafte Interesse der Anleger nicht nur auf die Aktien der South Sea Company. Mehr und mehr Unternehmen wurden zu Trittbrettfahrern und drängten an die Börse. Urplötzlich tauchten Gesellschaften mit den skurrilsten Geschäftsideen auf und fanden bei Anlegern reißenden Absatz. Selbst ein Unternehmen, das seinen Geschäftszweck bis zuletzt geheim hielt, sammelte flugs die Mittel von Kaufwilligen ein. Die Initiatoren verschwanden schließlich bei Nacht und Nebel - natürlich mit dem Geld der Investoren.

Die Südseeblase blieb nicht auf England beschränkt

Rund 200 solch kleinerer „Blasen“ soll es in London in dieser Zeit geben haben. Historiker schätzen, dass sich die gesamte Börsenkapitalisierung Englands kurz nach dem Kursgipfel der South Sea Company-Aktie auf 500 Millionen Pfund belief - fünfmal mehr, als das in ganz Europa damals umlaufende Bargeld. Ein britisches Phänomen blieb diese Euphorie freilich nicht: die Aktien der South Sea Company und die Papiere der Börsenneulinge lockten ausländisches Kapital an. Die Investoren kamen unter anderem aus Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz.

Die wachsende Konkurrenz um das Geld der Anleger war es denn auch, die schließlich den Anfang vom Ende der Südseeblase markierte. Auf Drängen der South Sea Company ging die Regierung aufs Schärfste gegen unseriöse Geschäftsgründungen vor. Nach einem im Juni 1720 verabschiedeten Gesetz, waren börsennotierte Gesellschafen nur noch mit staatlicher Genehmigung und dies für einen bestimmten Geschäftszweck erlaubt. Die South Sea Company führte einige Prozesse. Die Aktienkurse der meisten „Blasen“ stürzten ab. Das Gesetz, das eigentlich die Handelsgesellschaft schützen sollte, traf sie später selbst, als es immer schwieriger wurde, neue Mittel einzusammeln.

Mississippi-Spekulation in Frankreich

Das System wurde instabiler. Es kam zu Liquiditätsengpässen als für verschiedene Aktientranchen der South Sea Company Ratenzahlungen der Anleger fällig wurden. Liquidität wurde zudem knapp, weil gleichzeitig die zweite große Finanzmarktspekulation dieser Zeit ins Wanken geriet. Die Südseehausse war eng verwoben mit der auf dem Kontinent stattfindenden Finanzmarktblase: der Mississippi-Spekulation in Frankreich. Ausländer zogen ihr Geld deswegen auch von der Londoner Börse ab.

Das Vertrauen der Anleger wurde nun auf eine harte Probe gestellt. Es mehrten sich fundamentale Bedenken. Die Aktien waren hoch bewertet. Gerüchte über Aktienverkäufe der Unternehmensführung der South Sea Company und anderer großer Investoren schürten schließlich die Verunsicherung. Wiederholt kam es im Sommer 1720 zu Kursrückschlägen. Ihnen folgten zunächst aber immer wieder Erholungen, die durch neuerliche positive Unternehmensmeldungen angestoßen wurden. Die Preise für neue Aktien mussten schließlich gesenkt werden, weil der Marktpreis gefallen war. Die South Sea Company hatte plötzlich Schwierigkeiten, Aktien zu platzieren.

Aktienkurs im freien Fall

Im September schließlich ging der Aktienkurs der South Sea Company in den freien Fall über. Zum Ende des Jahres kostete die Aktie wieder 120 Pfund. Der gesamte Markt kollabierte. Es kam zu Panikverkäufen. Viele Anleger waren schließlich ruiniert. Diejenigen, die den Aktienkauf mit Krediten finanziert hatten, blieben auf ihrem Schuldenberg sitzen. Zahlreiche Unternehmen gerieten in Schieflage und wurden zahlungsunfähig. Dem Kursrutsch an der Börse folgte eine wirtschaftliche Baisse in Großbritannien, von der sich das Land lange nicht erholte. Eine Bankenkrise, die angesichts der Liquiditätsschwierigkeiten hätte drohen können, wurde dagegen verhindert.

Die Regierung suchte nach den Schuldigen der Krise. Behördliche Untersuchungen folgten. Dabei stellte man fest, dass wenigstens drei Minister Bestechungsgelder akzeptiert und spekuliert hatten. Gegen Manager der South Sea Company wurde wegen Betrugs ermittelt. Einige wurden verhaftet, ihre Besitztümer beschlagnahmt. Die South Sea Company selbst gab es noch bis zum Jahr 1853.

Börse komplizierter als die Astronomie

Nicht nur die breite Masse verfiel der Südseehausse. Auch an namhaften Spekulanten, die an dieser Blase beteiligt waren, mangelt es nicht. Eines ihrer berühmtesten Opfer ist sicherlich der Physiker Isaac Newton. Zunächst hatte er mit den Aktien der South Sea Company wohl einen stattlichen Kursgewinn erzielt, sie später jedoch abermals gekauft. 20.000 Pfund soll er schließlich in dem folgenden Kursdebakel eingebüßt haben.

Von ihm stammt denn auch die Aussage: „Ich kann zwar die Bewegungen der Himmelskörper berechnen, aber nicht die Verrücktheit der Menschen.“ Der Schriftsteller Jonathan Swift, der offenbar ebenfalls ein Vermögen verloren hat, soll durch die Südseeblase inspiriert worden sein, „Gulliver's Reisen“ zu schreiben - eine Satire über die britische Gesellschaft. Auch der britische König Georg I besaß Aktien der South Sea Company. Gleichwohl soll er aber zu den Glücklichen gehören, die ihre Anteilsscheine rechtzeitig veräußert haben.

Quelle:
Kerstin Papon - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Papon
Redakteurin in der Wirtschaft.
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