Geldsystem-Kommentar

Kein Vollgeld – und das ist gut so

Von Christian Siedenbiedel
 - 15:56

Es gibt Dinge, an die haben wir uns im Alltag so gewöhnt, dass wir sie kaum hinterfragen. Das Geld gehört dazu. Warum hat Geld eigentlich einen Wert? Wie kommt es in Umlauf? Wer verdient an seiner Entstehung? Normalerweise kümmern sich die meisten um all diese Fragen nicht. Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass an diesem Sonntag in der Schweiz die Bevölkerung über den Wechsel zu einem neuen Geldsystem abgestimmt hat – und es eine Debatte über den richtigen Weg der Geldschöpfung gab.

Die Schweizer haben sich mehrheitlich gegen das „Vollgeld“ entschieden. Das neue Geldsystem wurde mit 75,5 Prozent abgelehnt. Ziel der Vollgeld-Initiative war es, das Geld mit einem neuen Geldsystem sicherer gegen Krisen zu machen. Dafür sollte den Geschäftsbanken die Möglichkeit zur Schöpfung von elektronischem Geld genommen werden. Die sollte allein der Notenbank vorbehalten sein.

Die letzten Umfragen hatten eine Ablehnung schon wahrscheinlich gemacht. Wenn es in finanzpolitischen Fragen ernst wird, sind die Schweizer bei aller Eigenwilligkeit in der Regel doch vorsichtig. Auch die Wiedereinführung einer Goldbindung des Frankens, über die vor einiger Zeit debattiert worden war, fand am Ende keine Mehrheit. Trotzdem fordert die Vollgeld-Initiative zum Nachdenken heraus, ob das Geldsystem, so wie es ist, optimal ist - und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch anderswo.

Die Finanzkrise hat einen Stein ins Rollen gebracht

Das ist auch deshalb wichtig, weil sich die Methoden des Bezahlens in der Digitalisierung ohnehin wandeln, Stichworte sind Paypal, Bezahlen mit dem Smartphone und Kryptowährungen. Und es wird sich auch hier die Frage stellen, wer am Ende die Macht über die Geldschöpfung hat.

Im Augenblick ist die Ausgabe von Bargeld im Wesentlichen den Notenbanken vorbehalten. Die größere Menge des Geldes heutzutage aber ist virtuelles Geld, also Zahlen und Buchstaben auf Konten. Dieses Giralgeld wird von den Banken geschaffen, wenn sie einen Kredit vergeben und dem Kunden dafür eine Einlage auf dem Konto gutschreiben. Es ist ganz legal, dass die Banken auf diese Weise Geld schöpfen. Aber seit der Finanzkrise vor zehn Jahren gibt es verstärkt eine Debatte darüber, ob das gut so ist und ob die Anreize richtig gesetzt sind. Gerade wenn die Banken darauf spekulieren können, in einem Krisenfall vom Staat gerettet zu werden, sind sie in guten Zeiten erfahrungsgemäß zu großzügig in der Kreditvergabe und damit in der Schöpfung von Giralgeld.

Begrenzt wird ihre Geldschöpfung durch die Mindestreserve: Sie müssen einen kleinen Prozentsatz jeder Einlage bei der Notenbank deponieren, in der Schweiz sind das 2,5 Prozent. In einer Krise aber kann sich dieses fraktionale (unvollständige) Reservesystem als heikel erweisen. Die Bank hat schließlich die Zusage gegeben, das Giralgeld in Bargeld zu tauschen, wenn der Kunde es will. Wenn das aber alle gleichzeitig wollen, ist nicht genug Bargeld da. Es kann einen „Bank-Run“ geben, einen Sturm auf die Banken.

Der Preis ist hoch – zu hoch?

Stellte man das Geldsystem auf Vollgeld um, womit dann nur noch die Zentralbank Geld schöpfen dürfte, verlöre der „Bank-Run“ seinen Schrecken. Die Geschäftsbanken könnten nur noch so viel Kredit vergeben, wie ihnen die Zentralbank und ihre Kunden zur Verfügung stellen. Im Krisenfall gäbe es deshalb genug Zentralbankgeld für alle. Zugleich könnte die Zentralbank die Geldmenge absolut kontrollieren und auf diese Weise Exzesse der Banken ausschließen.

Aber der Preis dafür ist hoch – zu hoch. Wenn den Geschäftsbanken die dezentrale Geldschöpfung untersagt wird, bekommt die zentrale Geldschöpfung der Notenbank eine übermächtige Stellung. Der Informationsbedarf wäre enorm, es drohte die Entstehung eines Molochs. Und wer sagt denn, dass die Notenbank mit ihren Entscheidungen über die Geldmenge besser liegt als die Banken? Wenn sie sich irrt und zu wenig Geld schöpft, gerät die Wirtschaft in eine Klemme, schöpft sie zu viel, drohen Inflation und Blasen.

Zwar kann man argumentieren, dass es einst in der Geschichte, als Buchgeld noch eine geringere Rolle spielte, gleichsam nur Vollgeld gab und das auch irgendwie funktionierte. Allerdings ist es wohl auch kein Zufall, dass parallel zum Aufstieg von Handel und Wirtschaft in der Neuzeit auch das Buchgeld enorm an Bedeutung gewonnen hat. Es erweiterte die Spielräume.

Die Schweiz ersparte sich ein heikles Experiment

Kaum vorstellbar zudem, dass man so etwas nur in einem einzelnen kleinen Land wie der Schweiz einführen könnte. Und nicht zuletzt würden bei einer restriktiven Geldschöpfung der Notenbank alle möglichen Formen des Geldersatzes (Beinahe-Geld) wie Geldmarktfonds einen Aufschwung erfahren, die dann unter Umständen noch schwieriger zu kontrollieren wären als die Banken heute. Das Gegenteil des Erhofften würde erreicht.

Vielleicht lassen sich die berechtigten Forderungen der Vollgeld-Initiative nach mehr Krisenschutz ja doch auch mit den vorhandenen Instrumenten regeln - insbesondere den Kapitalanforderungen für Banken, der Mindestreservepflicht und nicht zuletzt dem Leitzins. Auch mit diesen Instrumenten lässt sich eine exzessive Kreditvergabe und damit Geldschöpfung der Banken vermeiden. Man muss es nur tun. Das ersparte der Schweiz die Risiken eines dann doch überaus heiklen Experiments.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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