Kommentar

Bitcoin taugt nicht als Währung

Von Franz Nestler
 - 13:31

Es gibt eine Eigenschaft, die Anleger wie Marktbeobachter der Digitalwährung Bitcoin unbedingt brauchen: Sie sollten schwindelfrei sein. Der Kurs der Kryptowährung fährt in schöner Regelmäßigkeit Achterbahn. Mal verdoppelt sich der Kurs in wenigen Wochen, um dann wieder um die Hälfte zu stürzen. Anfang September notierte Bitcoin auf einem Rekordhoch von 4921 Dollar. Am 16. Juli waren es lediglich 1852 Dollar. Nun sind es noch rund 4600 Dollar. Bitcoin-Investoren müssen also wirklich schwindelfrei sein. Für einige wenige Glücksritter war ein Investment in Bitcoin zwar das Geschäft ihres Lebens, doch erzählt die rasante Preisentwicklung mehr über den Wert der Bitcoin als Spekulationsobjekt als von ihrem Nutzen als Währung.

Als Währung ist Bitcoin im Moment aus vielen Gründen schlichtweg ungeeignet. So geht es in der Wirtschaft um Menschen, da geht es um Vertrauen – Wirtschaft ist viel mehr als Mathematik und Zahlenfolgen. Das Vertrauen wurde durch die zuletzt erfolgte Abspaltung in zwei Währungen – Bitcoin Cash und Bitcoin – nachhaltig erschüttert. Damals konnte über Stunden nicht mit dem Kryptogeld gehandelt werden. Das verunsichert den normalen Anleger: Man stelle sich nur einmal vor, man könnte über Stunden nicht mit Euro zahlen oder handeln – in der deutschen Wirtschaft bräche Chaos aus. Zuverlässigkeit ist ein wichtiges Gut für eine Währung.

Doch auch abseits dieser Probleme sollte das Vertrauen in die Bitcoin-Handelsbörsen nicht zu groß sein. Nachdem die Digitalwährungs-Börse Coinbase ankündigte, kein Bitcoin-Cash zu akzeptieren, war der Andrang auf den Handelsplatz so groß, dass die Auszahlungen stundenlang gedauert haben sollen. Ihr Rivale Bitfinex wurde wegen der Annahme von Bitcoin Cash attackiert – zahlreiche Betrüger versuchten, die Konten zu manipulieren und so gratis an Bitcoin Cash zu kommen. Die Vertrauenswürdigkeit hat auch gelitten, weil zahlreiche Börsen durch Hackerangriffe in die Knie gezwungen wurden.

Doch selbst wenn mehr Vertrauen da wäre: Die Kursschwankungen sind so enorm, dass man sich auf den Wert seines Besitzes nicht verlassen kann. Ein Kleinwagen, der heute beispielsweise 5 Bitcoin kostet, ist morgen vielleicht für 4 und übermorgen für 6 Bitcoin zu haben. Die Berechenbarkeit, die eine gut funktionierende Wirtschaft auszeichnet, wäre dahin.

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Auch das eigentliche Bezahlen ist aufgrund des abstrusen Wertes der Währung viel zu kompliziert. Wer eine Packung Kaugummi kaufen möchte, die sonst 1 Euro kostet, muss 0,00025 Bitcoin zahlen. Mit diesen Zahlen zu hantieren ist nicht praktisch. Als Zahlungsmittel im Alltag ist Bitcoin also bisher nicht geeignet. Es zeichnet sich auch nicht ab, dass es besser wird. Nicht umsonst steht der Schwankungsindex der Währung auf dem höchsten Stand seit dem Jahr 2015. So sinnlos, wie Bitcoin als Währung ist, so hervorragend eignet er sich freilich als Spekulationsobjekt.

Und genau deswegen hat Bitcoin den Weg bereitet für eine ganze Flut von Digitalwährungen – wo Geld zu machen ist, sind auch Glücksritter nicht weit entfernt. Aktuell gibt es 867 Digitalwährungen mit einer Marktkapitalisierung von 165 Milliarden Dollar, Tendenz nahezu täglich steigend. Manche haben so niedrige Marktkapitalisierungen, dass sie kaum messbar sind. Andere sind in kürzester Zeit sehr erfolgreich geworden.

Zukunftsweisende Technologie

Das Wichtigste ist aber, dass Bitcoin gezeigt hat, dass die Blockchain funktioniert. Zur Erinnerung: Die Blockchain ist die Technologie, auf der die neuen Digitalwährungen basieren. Sie ist eine Art gigantische Datenbank, die auf vielen Computern verteilt ist. In solchen Datenbanken speichern Unternehmen zum Beispiel Lieferaufträge und Bestellungen oder Banken ihre Überweisungen. Nichts anderes macht die Blockchain – aber günstiger und schneller: Während zum Beispiel Banküberweisungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa bisher Tage dauern können, werden diese in der Blockchain innerhalb von Sekunden zwischen zwei Personen durchgeführt – alle Mittler dazwischen sind ausgeschaltet.

Gleichzeitig wird diese Transaktion aber von allen Computern, die an der Blockchain teilnehmen, überwacht. Daher ist sie relativ sicher vor Manipulationen. Zwar gab es durchaus Diebstähle von Kryptowährungen, aber diese basierten häufig auf Anwendungen außerhalb der klassischen Blockchain. Und man darf annehmen, dass zur Genüge versucht wurde und wird, die Blockchain zu manipulieren angesichts der Milliarden, die sich mittlerweile im Umlauf befinden.

Ein großer Vorteil der Bitcoin liegt mithin darin, dass die Nutzer auf teure Computerzentren und Sicherheitstechnik verzichten können, ebenso auf einen Betreiber. Genau deswegen kann damit viel Geld gespart werden. So hat die Finanzindustrie ihre eigenen Blockchain-Entwicklungen schon längst gestartet. Zuletzt experimentierte etwa ein japanisches Unternehmen mit einer Anleihe, die über Bitcoin abgewickelt wurde. Die Digitalwährung hat den Weg bereitet. Die anderen müssen ihn nur noch gehen.

Erklärvideo
Was ist eine Kryptowährung?
© Reuters, Deutsche Welle
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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