Bargeldloses Zahlen

Warum die Gebühren für viele Kreditkarten doch steigen

Von Christian Siedenbiedel
 - 22:15

Es galt als ein großer Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, zumindest für den Teil, der gerne mit Karte zahlt: Vor etwas mehr als einem Jahr, im Dezember 2015, ist eine Regulierung der Europäischen Union für die Kreditkartengebühren in Kraft getreten. Die sogenannte Interchange-Gebühr, die bei jeder Kartenzahlung im Handel fällig wird und die von der Bank des Händlers an die Bank des Karteninhabers zu zahlen ist, wurde auf 0,3 Prozent des Umsatzes gedeckelt. Bis dahin hatte sie oftmals rund 1 Prozent ausgemacht und galt als Grund, warum viele Händler die Kreditkartenzahlungen nicht schätzten.

Jetzt zeigt sich: Die Deckelung der Gebühren am einen Ende hat offenbar höhere Gebühren am anderen Ende zur Folge. Während der Handel zunächst feierte, dass die Kreditkarte endlich auch in Deutschland als Zahlungsmittel günstiger werde, kündigten viele kartenausgebende Banken an, neu kalkulieren zu müssen. Die Sparkasse im westfälischen Höxter war damals eine der ersten, die zugaben, wegen der niedrigeren Gebühren im Handel jetzt höhere Kreditkartengebühren von den Kunden nehmen zu wollen.

Mittlerweile ist daraus eine regelrechte Welle geworden: „Ungefähr zwei Drittel aller Banken und Sparkassen haben die Kreditkartengebühren deutlich angehoben“, berichtet Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. Zum Teil wurden dabei neue Dienstleistungen in die Karten integriert. Ein Beispiel: Die Sparkasse Duderstadt in Niedersachsen nimmt für ihre „Kreditkarte Gold“ vom 1. Juli an 7,50 Euro im Monat, wie aus einem Schreiben hervorgeht, das dieser Zeitung vorliegt. Bislang kostete diese Karte 60 Euro im Jahr. Auch die Umstellung auf eine Gebührenerhebung im Monatsrhythmus kann dabei dem geübten Kopfrechner die Preiserhöhung nicht gänzlich verbergen. Dafür sind künftig zusätzliche Leistungen mit der Karte verbunden, wie eine kostenlose Wunsch-Pin, bis zu fünfmal im Jahr kostenloses Bargeld im Ausland, ein neuer Internetkäuferschutz und Rabatte von bis zu 10 Prozent für die Buchung bestimmter Reisen und für bestimmte Einkäufe.

Der Kunde muss gucken, was er genau braucht

„Bei solchen zusätzlichen Leistungen muss der Kunde immer gucken, ob er sie überhaupt braucht und will“, sagt Herbst. „Ansonsten gibt es immer auch Anbieter, bei denen man eine Kreditkarte ohne Girokonto und ohne feste Gebühr bekommen kann.“ Allerdings muss man dann wohl aufpassen: Nicht alle Anbieter von kostenlosen Kreditkarten leben allein von dem gedeckelten Interbanken-Entgelt im Handel. Manche verlangen beispielsweise hohe Sollzinsen, wenn der Kreditkarten-Saldo am Monatsende nicht ausgeglichen wird, und in bestimmten Fällen auch schon davor – oder sie verlangen hohe Gebühren beispielsweise für Bargeldabhebungen am Automaten im Ausland.

Unbenanntes Dokument

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

Grundsätzlich kann man dabei drei Arten von Kreditkarten unterscheiden: sogenannte Debitkarten, bei denen das Geld gleich vom Girokonto abgebucht wird, fast wie bei der Girocard (früher: EC-Karte). So eine Karte ist die Visa-Card der ING-Diba. Außerdem gibt es sogenannte Charge-Karten, bei denen der Kreditkarten-Saldo am Monatsende ausgeglichen wird, beispielsweise per Rechnung oder Einzugsermächtigung. Und es gibt Karten mit einer sogenannten Teilzahlung, bei denen der Kunde zunächst einmal einen echten Kredit bekommt und den Betrag dann ähnlich wie einen Ratenkredit nach und nach abstottern kann. Des weiteren gibt es höherwertige Karten mit Zusatzleistungen, beispielsweise rund um die Reise.

Herbst hat einmal grob überschlagen, was zusätzliche Features für eine Kreditkarte einem Kunden wert sein könnten. Für eine Reiserücktrittsversicherung veranschlagt er rund 100 Euro im Jahr, für eine Auslandskrankenversicherung rund 11 Euro im Jahr und für eine Reisegepäckversicherung rund 55 Euro im Jahr. „Das sind aber natürlich nur Durchschnittswerte, im Einzelfall hängt das von vielen Faktoren ab“, sagt er. Unterschiedlich sei je nach ausgebendem Institut zudem, ob man eine Reise komplett mit Karte bezahlt haben muss, um in den Genuss der zusätzlichen Leistungen zu kommen.

Höhere Gebühren für Händler

Horst Rüter vom Handelsinstitut EHI in Köln meint: „Mit der Deckelung der Kreditkartenentgelte im Handel ist es wie mit einem trojanischen Pferd gewesen.“ Zunächst hätten alle Händler wie die Trojaner in Homers Epos „Ilias“ gefeiert und dann seien gleichsam des Nachts dunkle Gestalten aus dem Pferd gestiegen. Zwar seien die Interbanken-Entgelte im Handel tatsächlich gesunken, wie das von den Regulierungsbehörden beabsichtigt gewesen sei. „Daran führte nichts vorbei“, sagt Rüter. Daraufhin hätten auch Händler wie Aldi die Kreditkartenzahlung an der Kasse ermöglicht. Als Folge sei der Umsatzanteil der Kreditkarten im Handel um 0,4 Prozentpunkte auf 6,1 Prozent gestiegen.

Im Gegenzug müssten aber auch die Händler seither höhere Gebühren für alle möglichen Dinge rund um die Kartenzahlung zahlen, sogenannte „Card Scheme Fees“. Das sei bei Mastercard ausgeprägter als bei Visa. „In jeder Quartalsabrechnung gibt es neue und höhere Gebühren für bestehende Elemente. Wir sind, wenn es so weitergeht, in zwei bis drei Jahren wieder auf dem Stand vor der EU-Regulierung“, zitiert Rüter einen Händler. Der Handelsfachmann berichtet, ihm selbst sei das bei seiner Payback-Visa-Karte aufgefallen. Die kostete auf einmal 29 statt 20 Euro, und man musste außerdem für mehr Euro eingekauft haben, um einen Payback-Punkt gutgeschrieben zu bekommen. Die ausgebende Landesbank Baden-Württemberg habe ihn aber zugleich auf eine weiter kostenlose Payback-Karte verwiesen – von American Express. Vergleichen lohnt sich offenbar noch mehr als früher.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMax HerbstING-Diba