<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>

Feiert Feste!

Von NADINE OBERHUBER
Foto: Stephan Vogel

11.07.2018 · Von der Baby-Party bis zur Scheidungs-Feier: Jeder neue Lebensabschnitt wird heute zum rauschenden Fest. Koste es, was es wolle.

F rüher, da gab es nur einen schönsten Tag im Leben: die eigene Hochzeit, was sonst? Heute dagegen heiraten zwar viele gar nicht mehr, aber andere tun es dafür gleich mehrfach. Auch sonst finden wir mehr als genug Anlässe, aus denen wir ganz große Tage machen, die man möglichst ein Leben lang nicht vergisst. Inzwischen sei das zu einer Mode geworden, sagt Soziologe Ronald Hitzler, der dafür als Erster einen eigenen Begriff geprägt hat: die Eventisierung des Lebens. „Vermutlich fing diese Mode, mit der Eventisierung von Hochzeiten an und schwappte aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber“, sagt er. „Inzwischen werden auch Taufen, Altersjubiläen, bestandene Prüfungen, Trauerfeiern, ja Kindergeburtstage angereichert und aufgepeppt.“

Wir zelebrieren den Abschied von der Junggesellenzeit ebenso wie den Eintritt in die Ehe, den Beginn der Schulzeit und ihr Ende, das erste Kind, das eigene Haus – und geben uns immer mehr Mühe, diese Ereignisse so auszuschmücken, dass sie nicht nur für uns denkwürdige Momente werden, sondern auf fürs geladene Publikum. Deshalb begehen wir sie nicht bloß im engsten Familienkreis, sondern laden möglichst viele andere dazu ein. Natürlich hat der Mensch schon immer wichtige Lebensübergänge gefeiert, vor allem die Geburt und das Erwachsenwerden. Doch selten tat er es so üppig wie heutzutage – und vor allem so professionell organisiert.


„Inzwischen werden auch Taufen, Altersjubiläen, bestandene Prüfungen, Trauerfeiern, ja Kindergeburtstage angereichert und aufgepeppt.“
RONALD HITZLER

Der Abi-Ball ist ein schönes Beispiel dafür: Noch in den 1980er oder 1990er Jahren galt bei vielen Abiturienten die Abschlussfeier mit Anzug und Standardtanz als Inbegriff der Spießigkeit. Man feierte in der schuleigenen Turnhalle, ebenso selbstorganisiert wie improvisiert. Und unter sich, ohne erwachsene Beobachter. Wenn zusätzlich ein Ball für Familie und Angehörige geplant war, buchten Abschlussklassen einen Gaststätten-Saal und bestellten kalte Platten vom örtlichen Metzger. Die Musik kam vom Band.

Heute, so staunen Angehörige bundesweit, bilden Abiturientenjahrgänge erst einmal Organisationskomitees, die Locationscouts beschäftigen, um möglichst außergewöhnliche Veranstaltungsorte aufzuspüren. Mondän soll es sein, jeder Raum wird aufwendig illuminiert, Caterer werden engagiert und natürlich eine Band. Am Ende kosten solche Abschlussbälle locker 20.000 bis 25.000 Euro.

Der Abi-Ball


Mehr Lesen
Wer kommt? Die Abiturienten samt Familienangehörigen und engen Freunden.
Was braucht’s? Eine Location für ungefähr 300 Gäste (bei 60 Abiturienten) und eingedeckte Tische für ein gesetztes Essen. Das kommt entweder vom Betreiber des Partyortes oder einem Cateringservice. Und natürlich Musik – wenn es Livemusik ist, wird es mit 500 bis 1200 Euro teuer. Auch eine Abendrobe muss her.
Was kostet’s? Für einen Abi-Ball 20.000 oder 25.000 Euro auszugeben ist keine Seltenheit mehr. Manchmal gibt es Sponsoren wie Getränkefirmen. Oft muss das Geld über den Verkauf der Eintrittskarten wieder reingeholt werden. Mit 35 Euro aufwärts müssen Gäste daher rechnen, es können auch bis zu 100 Euro sein.
Foto: SZ Photo

Selbst ohne Essen müsse man rund 15.000 Euro für das Event einplanen und mindestens 35 Euro pro Eintrittskarte verlangen, so raten die Organisatoren in einschlägigen Foren wie Abitipps und Unicum. Abendkleid oder Anzug ist natürlich Pflicht, die Absolventen gehen vor dem großen Auftritt selbstverständlich zum Friseur und zum Stylisten und bestellen passenden Schmuck und Blumengebinde. Inklusive des Outfits kommen da schnell mehrere hundert Euro pro Abiturientenfamilie zusammen.

Und weil der Planungsstress neben dem Prüfungsstress nicht zu groß werden soll, denn Abitur schreibt man ja nebenbei auch noch, gibt es in Großstädten sogar Eventagenturen, die sich auf die Ausrichtung solcher Feiern spezialisiert haben. Die nehmen den Abschlussklassen auf Wunsch alles ab, so wie die Agentur Abidreams, die Münchner Abiturienten den „perfekten Abend“ verspricht und natürlich ein einzigartiges Erlebnis. Sie arrangiert selbst Edelfeten in „ehrwürdigen Gemäuern“, mit Shuttleservice für die Feiergemeinde. Haftungsübernahme für spätere Partyschäden und Online-Ticketsystem sind inklusive.

An der Schwelle zum Erwachsenwerden, also dem Schulabschluss, lässt sich auch am einfachsten erklären, warum wir solche Ereignisse so gern feiern: Es sei ein menschliches Grundbedürfnis, Lebenswenden zu deuten, so sagen Soziologen. Weil jede dieser Wenden immer auch Unsicherheit mit sich bringt – wie geht es weiter? –, begehen wir das Ende eines solchen Lebensabschnitts gern gemeinsam. Das gibt uns Halt und Orientierung, denn durch das Feiern bestätigen wir unsere Gemeinschaft. Dass wir dabei übliche Formen und Abläufe einhalten, also bestimmte Rituale, dient dem Zweck, dass sich alle sicherer fühlen. Ritualisierte Feste sind so etwas wie das „Korsett einer Gesellschaft“, sagt Soziologe Hans-Georg Soeffner.


„Die großen Rituale der großen Sinngebungsinstanzen laufen zwar weiter, für immer mehr Menschen laufen sie aber zunehmend ins Leere“
RONALD HITZLER

Über Jahrtausende haben solche „rites de passage“, die Rituale am Übergang von einem Lebensabschnitt zum nächsten, den Menschen geholfen, die Unsicherheit des Übergangs zu überwinden. Rituale bergen die Kraft, uns in solchen Momenten psychisch zu stabilisieren und sozial zu integrieren. Gerade in existentiellen Umbruchzeiten brauchen und pflegen wir deshalb unsere Lebensübergangsfeiern. Sogar die Hirnforschung kann belegen, dass Rituale einen tieferen Sinn erfüllen: Vollziehen wir Handlungen ganz bewusst und folgen dabei vorgegebenen Abläufen, so mindert das auch Stress, erklärt Neurobiologe und Buchautor Gerald Hüther. Wir machen damit letztlich nichts anderes, als unsere Nervenzellen zu synchronisieren und zur Ruhe zu bringen.

Nun ist es im Vergleich zu früheren Zeiten so, dass viele bisherige Formen des Zusammenhalts in unseren modernen Gesellschaften weggebrochen sind. Etwa der Familienverbund über mehrere Generationen. Vor allem aber die Religion, die bisher für viele festgelegte Feiern den Anlass gab. Genau deswegen überrascht es Gesellschaftsforscher nicht, dass sich allerorts neue Feierrituale ergeben, mit denen die Menschen versuchen, wieder mehr Einheit zu stiften: „Die großen Rituale der großen Sinngebungsinstanzen laufen zwar weiter, für immer mehr Menschen laufen sie aber zunehmend ins Leere“, sagt Soziologieprofessor Hitzler. Stattdessen stehen wir vor einer Vielzahl „kulturell konkurrierender Deutungsangebote“, aus denen wir uns herauspicken, was unseren Vorlieben entspricht. So erschaffen wir neue Feierriten.

Die Einschulung


Mehr Lesen
Wer kommt? Großeltern, Eltern, Paten, wichtige Freunde. Andere Kinder auf jeden Fall. Je nach Laune auch Nachbarn.
Was braucht’s? Mindestens eine Schultüte. Am besten noch gutes Wetter und einen Garten. Dort wird dann gegrillt oder ein Buffet verspeist. Viele feiern auch im Restaurant und planen anschließend einen Ausflug, Museums- oder Zoobesuch. Manche buchen auch einen Clown oder Zauberer zur Unterhaltung.
Was kostet’s? Inklusive Schulranzen, Erstklässler-Outfit und Essen sind schnell mehrere hundert Euro einzukalkulieren.
Foto: Peter Rüchel

Wie wenig man den Menschen das Feiern abgewöhnen oder nach festgelegten Regeln vorschreiben kann, ließ sich übrigens auch gut in der ehemaligen DDR beobachten: In der Nachkriegszeit war die Existenznot groß und die Sehnsucht der Bevölkerung nach Feiern entsprechend stark. Man feierte privat mit viel Pathos und Folklore, was der Staatsführung missfiel. Sie versuchte zuerst solche Feste zu verdrängen und kanzelte sie als kleinbürgerlich ab. Rigoros tilgte sie kirchliche Feiertage aus dem Kalender. Später erkannte sie zwar, wie identitätsstiftend gemeinsames Feiern sein kann, und verordnete daher neue Übergangsriten wie die Jugendweihe als Ersatz für die Konfirmation. Außerdem inszenierte man monumentale Staatsakte. Womit man bei der Bevölkerung aber erst recht die Lust aufs eigene Feiern weckte. Vor allem in den 1980er Jahren entwickelte sich eine ausgeprägte Subkultur zwischen öffentlichen Festakten und verordneten Privatfeiern. Eine Feierkultur mit ganz eigener Dynamik gewissermaßen.

Und heute, wo wir alles dürfen und fast alles tun und lassen können? Eigentlich, so drückt es der Soziologe Hitzler aus, ließen gerade die modernen Trends der Säkularisierung, Pluralisierung, Optionalisierung und Individualisierung erwarten, „dass wir alle vielfältige Ideen zur originellen Gestaltung unseres Lebens entwickeln. Dem ist aber nicht so. Vor allem wohl deshalb, weil Individualität und Originalität anstrengende Ambitionen sind.“ Wesentlich einfacher und auch ökonomischer sei es, seine Individualität und Originalität anhand kleinerer oder auch deutlicherer Variationen von Vorhandenem zu beweisen.

Das heißt: Wir feiern wie gehabt, nur ein bisschen anders. Wir zelebrieren eben nicht mehr die kirchliche Taufe, sondern mit „Babyshower“ oder „Babybier“ die nahe oder erfolgte Geburt unserer Kinder. Die oft glanzlose standesamtliche Hochzeit bekommt noch einen möglichst pompösen Junggesellenabschied vorgelagert, zu dem man im Freundeskreis versammelt nach Amsterdam, London oder Mallorca reist und es sich oft mehrere Tage im kollektiven Rausch gutgehen lässt.

Die Baby-Party


Mehr Lesen
Wer kommt? Vor der Geburt: die Freundinnen der werdenden Mutter. Nach der Geburt: die Freunde des Vaters. Gefeiert wird meist daheim oder in einer Kneipe.
Was braucht’s? Girlanden und Einladungskarten sind „ein Muss“, sagen Partyplaner. Natürlich mit Babymotiven in Rosa oder Himmelblau. Häppchen und Getränke sollten vom Gastgeber bezahlt werden. Die Damen schwören eher auf Sekt, das Männer-Event heißt nicht umsonst „Baby-Bier“. Im Gegenzug bringen die Eingeladenen kleine Geschenke fürs Kind mit, den ersten Strampelanzug zum Beispiel. Wer die Gäste zusätzlich animieren will, organisiert kleine Spiele wie „lustiges Baby-Fotoraten“ oder eine Breiverkostung. Ist aber Geschmackssache.
Was kostet’s? Ab 100 bis 200 Euro geht’s los, je nach Verköstigungsaufwand.
Foto: mauritius images

Und mancher feiert nicht nur den Anfang seiner Ehe ganz groß, sondern auch deren Ende, sofern er es als Befreiung empfindet. Inzwischen werden Scheidungspartys ähnlich monströs zelebriert wie die vorherige Hochzeit, inklusive Scheidungstorte, Fotograf und Wahrsager, der ab jetzt eine glänzende Zukunft vorhersagen soll – und möglichst noch an Ort und Stelle darüber hinwegtröstet, dass so eine Fete am Ende mehrere tausend Euro kosten kann. Auch für dieses Event finden sich Planungsprofis, die die „Traumscheidung“ inszenieren, eine Agentur heißt sogar so.

Warum aber machen wir diese Feiern zunehmend zu professionell organisierten Großereignissen? Der Tag soll sich aus dem immergleichen Alltagstrott herausheben, schon klar. Aber das ist nicht der wahre Grund, weiß Gesellschaftsforscher Hitzler: Gerade weil wir den Konsens über die Bedeutung solcher Rituale verloren haben, brauchen wir den Aufwand, findet er. „Wenn wir das Grundvertrauen in das Kollektive und uns selbst als einzig verlässlichen Bezug ansehen – was sollten wir dann feiern außer uns selbst? Wenn sich allerdings alle nur noch selbst feiern, brauchen wir auch kaum etwas notwendiger als Gäste, die noch mitfeiern. Und Publikum, das dabei zuschaut.“ Je mehr, desto besser. Wir versuchen beim Feiern schlicht die Aufmerksamkeit anderer auf uns zu lenken.

Die Scheidungsfeier


Mehr Lesen
Wer kommt? Freunde, die einem durch schwere Zeiten geholfen haben. Oder alle Singles, die man kennt. In seltenen Fällen auch der Ex-Ehepartner, wenn man noch befreundet ist.
Was braucht's? Eine Scheidungstorte, die Eheringe und das Brautkleid oder den Hochzeitsanzug. Die Kleider werden öffentlich zerschnitten, der Ring zertrümmert oder versenkt. Ein fesches Outfit ist Pflicht, schließlich ist man jetzt wieder auf dem Markt. Und die Gäste wollen verköstigt werden.
Was kostet's? Partyplaner bieten die Feier für daheim ab 1500 Euro an. In der edlen Location kostet es mehr, als Wochenendausflug können es schnell auch 5000 Euro werden.
Foto: WireImage

Das Prinzip, das dabei greift, ist das „Celebrity“-Prinzip: Die Schönen, Reichen und Berühmten machen uns vor, wie man Aufmerksamkeit auf sich fokussiert. Über deren Feste und Exzesse lesen wir ja täglich in der Klatschpresse genug.

Es zählt aber auch das Wir-Gefühl, diagnostiziert Cornelia Kelber vom Zukunftsinstitut. Sie sieht den Trend, dass gerade die Gruppe der „Neo-Hippies“, wie sie sie nennt, wieder mehr Wert darauf legen, die Zeit in vertrauter Gemeinschaft zu verbringen. Deshalb laden sie nicht mehr bloß Großeltern, Eltern und Paten ein, wenn das Kind seinen Schulbeginn feiert. Sondern auch Spielkameraden, Nachbarn und entfernte Bekannte. Die Hauseinweihung findet nicht mehr im Kreis der Umzugshelfer und engsten Freunde statt, sondern mit möglichst vielen treuen Begleitern oder solchen, die es noch werden sollen. Der Trend zu privaten Großveranstaltungen entspringe dem Wunsch, wieder mehr Momente mit anderen Menschen zu erleben statt nur im familiären Nukleus.


„Wenn sich alle nur noch selbst feiern, brauchen wir auch kaum etwas notwendiger als Gäste, die noch mitfeiern. Und Publikum, das dabei zuschaut.“
RONALD HITZLER

Beide Bestrebungen – sowohl die zunehmende Individualisierung und Ich-Bezogenheit als auch die Sehnsucht nach Gemeinschaft – widersprechen sich ganz und gar nicht, finden sowohl Soziologen als auch Trendforscher: Die Individualisierung sei ja erst dadurch möglich, dass wir uns in der Gruppe bewegen, aber in ihr gezielt unsere Einzigartigkeit unter Beweis stellen wollen.

Was man beim Ausrichten von Feiern immer deutlicher merkt, sagen die Eventplaner. Denn gerade in der Art und Weise, wie wir neuerdings unsere Feste inszenieren, offenbaren wir viel von uns selbst. Am besten sieht man das bei den Hochzeitsfeiern, erzählt Eventmanagerin Nikola Stiefelhagen, die Vorsitzende des Bunds deutscher Hochzeitsplaner: „Früher lud man ganz klassisch Familie und Freunde ein. Heute wird nicht nur immer größer gefeiert, sondern auch immer persönlicher. Die Paare wollen sich individuell ausdrücken und zeigen, wer sie sind.“

Dafür suchen sie für ihre Feier „den roten Faden“, so nennen Hochzeitsplaner das. Manche wählen eine auffällige Farbgestaltung, die sich durch Karten, Blumendeko, Tischgestaltung und Hochzeitskleidung zieht. Das ist noch das mindeste. Andere lassen sich eigens Monogramme anfertigen, mit denen dann alles verziert wird, von der Einladung bis zum Weinetikett. Andere setzen sich und ihre Hobbys durch außergewöhnliche Showacts in Szene und lassen Feuerschlucker engagieren oder Schnellzeichner. Wieder andere feiern gleich eine Mottoparty, das Vintage Wedding inklusive Oldtimer oder die Rockabilly-Hochzeit.

Eventmanagerin Stiefelhagen hat alles schon erlebt. Letztlich zeigten die Gastgeber ja auch eine besondere Wertschätzung gegenüber ihren Gästen, wenn sie sich an diesem Tag richtig Mühe geben, findet sie. Das komplette Event lassen sich Brautpaare, die sie betreut, dann auch häufiger 30.000 Euro oder mehr kosten. Im Prinzip muss man unter 10.000 Euro gar nicht mehr anfangen, wenn man mehr als 30 Gäste hat und eine professionell durchgeplante Hochzeit will.

Der Jungesellenabschied


Mehr Lesen
Wer kommt? Enge Freunde. Und am besten nicht mehr als 15 Leute. Alles andere ist unpraktisch, vor allem wenn man am Abend die Location wechselt.
Was braucht's? Eigentlich nur gute Laune, Getränke und ein paar Kneipen. Immer öfter aber gönnen sich die Feiernden Wochenendausflüge in Städte wie London, Amsterdam und Prag oder fliegen nach Mallorca. Die Stretchlimousine und ein paar Stripper/-innen gehören oft dazu. Viele lassen sich spezielle T-Shirts drucken. Auch Bauchläden mit skurrilen Utensilien werden gebastelt, die der Ex-Junggeselle an wildfremde Menschen verkaufen muss.
Was kostet's? Da die Junggesellenbande den Abend selbst bezahlt und Braut oder Bräutigam einlädt, sind 200 Euro pro Person normal.
Foto: Karsten Thielker

Der Hang zum Besonderen resultiert zum einen daraus, dass Paare heute viel später heiraten, sagt die Hochzeitsplanerin. Im Schnitt sind deutsche Männer 34 und Frauen 31 Jahre alt, wenn sie sich das Jawort geben. Zudem arbeiten oft beide und verdienen ihr eigenes Geld. „Deshalb haben sie auch stärker das Gefühl: Das gönnen wir uns jetzt“, sagt sie.

Zum anderen liegt es auch daran, dass alle so viel herumkommen in der Welt und besser vergleichen können, was ihnen gefällt oder welcher Stil ihnen entspricht. „Was das ganze Geschehen antreibt“, so sagt es Soziologe Hitzler, „ist der durchaus neidbesetzte Wunsch, das Event, das der Markierung meines eigenen Lebens gewidmet ist – und damit letztlich mir selbst –, möge aus der ganzen Flut des Sich-wichtig-Machens hervorstechen.“ Daraus erkläre sich auch der Drang, „sich permanent in den sogenannten sozialen Medien zu exhibitionieren“.

Tatsächlich tragen Online-Plattformen wie Instagram und Pinterest mächtig dazu bei, dass jeder Feiernde neuerdings nach dem ultimativ Originellen sucht. In solchen Netzwerken stellen tausende Nutzer Fotos ein, die zeigen, wie sie selbst Festtage begangen haben und welche Utensilien oder Deko sie dafür besorgt haben. Wer sich dort inspirieren lässt, hat oft das Gefühl: So ähnlich hätte ich es gern, aber natürlich so, wie es noch kein anderer vor mir gehabt hat.

Die Hochzeit


Mehr Lesen
Wer kommt? Alle, die man einladen will. Bei manchen sind es 30, 40 Gäste. Viele Paare feiern mit bis zu 100 Freunden und Verwandten - so wie es früher zu Zeiten ihrer Eltern üblich war.
Was braucht's? Einen Party-Ort, Bewirtung, Bekleidung, Stylisten, Fotografen, Blumendekoration, Ringe und Musik - das ist das mindeste. Dazu kommen Einladungs- und Danksagungskarten und mögliche Show-Acts. Nach oben sind dem Ganzen keine Grenzen gesetzt.
Was kostet's? Die Hälfte aller Heiratenden will zwar nicht mehr als 5000 Euro ausgeben, damit kommen aber die wenigsten hin. Im Schnitt sind es 13.000 Euro. Jeder Zehnte gibt sogar 25.000 Euro und mehr aus. Rund 200 Euro pro Gast sollte man einkalkulieren.
Foto: Stephan Vogel

Es ist das alte Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft. Denn natürlich sind aufwendig inszenierte Feiern auch Statussymbole, gerade weil sie sich an ein immer größer werdendes Publikum richten: Seht her, ich kann mir diesen Aufwand leisten! Davon lebt inzwischen eine ganze Branche prächtig, die Partyplaner und Eventmanager. Sie profitiert in erster Linie davon, von der gegenseitigen Überbietungskultur, findet Hitzler. „Wenn wir unsere Rituale der Selbsthuldigung an den Vorbildern der Celebrities ausrichten, bieten uns nur einschlägige Profis die Chance, in der Aufmerksamkeitskonkurrenz bestehen zu können.“

Wer keinen Fachmann anheuert, hat auch ganz schnell das Gefühl, dass ihm die Planung über den Kopf wächst und dass am Ende doch nicht alles so perfekt wird, wie es uns Hochglanzmagazine oder Freunde bei ihren Feiern bereits vorgeführt haben. Das wäre dann genau das Gegenteil von dem, was man mit so einem Tag bezweckt. So sind die Umsätze der Eventbranche allein in den vergangenen fünf Jahren um satte 31 Prozent gestiegen. Inzwischen gibt die Republik über 5 Milliarden Euro jährlich fürs organisierte Feiern aus. Den Großteil davon bestreiten wohl Firmenfeiern und Großveranstaltungen, also auch städtische Events, Konzerte und Großveranstaltungen. Wie viel wir uns die organisierten Privatfeiern kosten lassen, wird leider nicht gesondert erfasst.

Aus Amerika weiß man, dass rund 70 bis 90 Prozent aller Hochzeiten bereits von Profi-Hochzeitsplanern gemanagt werden. Und von dort schwappen ja viele Trends verspätet zu uns herüber. Einschlägige Verzeichnisse hierzulande listen immerhin 7000 Einträge von Eventfirmen auf, die diesen Markt beackern. Fragt man die Profiausrichter selbst, so berichten zurzeit viele über prall gefüllte Auftragsbücher. Und auch davon, dass die Ausgaben pro Fest immer üppiger werden.

Immerhin 20 Prozent Honorarsatz vom Feierbudget ist den Ausrichtern die Hilfe der Profis wert oder 50 bis 150 Euro Stundensatz. Das rechnet sich trotzdem häufig, weil die Profis meist bessere Preise bei den einzelnen Dienstleistern heraushandeln können, als es die Privatleute schaffen würden, wenn sie auf eigene Faust ihren großen Tag planen. Und so mancher, der seine Hochzeit professionell hat planen lassen, ist dadurch erst auf den Geschmack gekommen und heuert einen Profi auch fürs nächste Gartenfest zum runden Geburtstag an oder eben für die Einschulung, berichtet Hochzeitsplanerin Stiefelhagen.

Aber gehen manche Gastgeber nicht ein bisschen zu weit, wenn sie für die Einschulungsparty einen Eventplaner engagieren, sich nebst Mehrgängemenü am Mittag noch eine Kutschfahrt zum Freizeitpark organisieren lassen und abends noch ein Feuerwerk abfackeln? Das bieten etliche Partyplaner ihren Auftraggebern tatsächlich als Rundumpaket für die Feier eines Sechsjährigen an.


„Wir wissen gar nicht mehr, welche Wertschätzung wir nun eigentlich noch bei wem genießen.“
RONALD HITZLER

Man kann tatsächlich auch zu dick auftragen, warnen Pädagogen und Lehrerverbände. Gerade bei der Einschulung sollten sich Eltern überlegen, ob sie mit überbordenden Festen nicht auch übergroße Erwartungen transportieren. Denn das Kind spürt sehr wohl, wie viel Tamtam um seinen großen Tag veranstaltet wird. Es könne sehr gut sein, dass es sich dadurch auch unter Druck gesetzt fühlt. Weil es meint, es müsse der Vorschussfeierei später unbedingt durch gute Noten auch gerecht werden.

Letztlich setzt der Trend zum Mega-Event alle unter Druck, auch die Erwachsenen, sagt Soziologe Hitzler: „Neben dem Überbietungswettbewerb, der zwischen privaten Festen und Feiern grassiert, treibt uns diese Eventisierung in eine hektische Verunsicherung. Wir wissen gar nicht mehr, welche Wertschätzung wir nun eigentlich noch bei wem genießen.“ Kommen die Gäste wirklich wegen uns? Oder wollen sie nur mal wieder ein großes Feuerwerk sehen und ein reichhaltiges Buffet genießen?

Wem all der Hype suspekt ist, dem sei gesagt: Es geht auch anders. Die Leipziger Volkshochschule bietet zum Beispiel Kurse für angehende Ehepaare an: „Heiraten ohne Stress“. Was sie dort lernen, können sie später sicherlich mühelos auf Taufen, Jubiläen und andere Feiern übertragen.

Quelle: F.A.S.