Anbieter wechseln

Bequem zum Billigstrom

Von Thomas Klemm
 - 12:28

Rechnungen zu bekommen ist ein wiederkehrendes Missvergnügen. Umso mehr, wenn die Rechnungen außerordentlich hoch ausfallen, so wie in diesem Jahr für Strom. Eine Familie mit einem jährlichen Verbrauch von 4.000 Kilowattstunden muss im Durchschnitt rund drei Prozent mehr bezahlen als 2016, als der Strom auch schon sehr teuer war. Als Gründe hierfür nennt das Vergleichsportal Verivox, das die Strompreise jüngst ausgewertet hat, vor allem die stark gestiegenen Abgaben, mit denen die Energiewende gefördert werden soll. Damit einhergehend steigen die Kosten für den Ausbau und den Betrieb der Stromnetze.

Um als Privatkunde die Kosten gleichwohl nicht überbordend werden zu lassen, ist zweierlei möglich: weniger Strom zu verbrauchen, also beispielsweise den Fernseher nicht stundenlang im Standby-Modus laufen zu lassen. Oder sich Jahr für Jahr den günstigsten Stromanbieter zu suchen und dabei auch von einem Neukundenbonus zu profitieren. Am besten ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Doch längst nicht alle Haushalte wollen die Mühe auf sich nehmen, stets aufs Neue Strompreise zu vergleichen, auf die Kündigungsfristen zu achten und den Tarif zu wechseln. Auch fast zwanzig Jahre nachdem der Strommarkt liberalisiert wurde, bleibt fast ein Drittel der Deutschen weiterhin in der teuren Grundversorgung hängen und verzichtet darauf, bestenfalls mehrere hundert Euro im Jahr zu sparen.

Wechselassistenten sorgen für den Überblick

Dabei ist es gar nicht so schwierig, einen besseren Tarif zu finden. Etwas Transparenz in den Tarifdschungel der mehr als 1.000 Stromanbieter hierzulande schaffen Internetportale wie Verivox und Check24. Es kostet allerdings einige Zeit, um selbständig die Liste aller Angebote zu sondieren und sich nicht einfach für die erstbeste „Empfehlung“ zu entscheiden. Schneller geht es, wenn man die Suche nach einem ebenso günstigen wie geeigneten Stromtarif einem anderen überlässt. Solche digitalen Wechselassistenten wie die Start-ups Cheapenergy24 und Switchup locken mit Bequemlichkeit.

„Rundum-Kümmer-Service“ nennt Switchup sein Angebot, Strom- und Gastarife ständig im Blick zu behalten. Sollte sich zeigen, dass der aktuelle Tarif eines Kunden deutlich teurer wird oder sich Vertragsbedingungen ändern, schlägt Switchup den Wechsel in einen anderen, ausgewählten Tarif vor. Nach sieben Tagen Bedenkzeit für den Kunden erfolgt der Wechsel dann automatisch. „Niemand, der den Stromanbieter wechseln will, kann auf die Schnelle zum Experten werden in einem Markt, der mit vielen Stolperfallen ausgelegt ist“, sagt Switchup-Gründer Arik Meyer.

Wie finanzieren sich die Anbieter?

Tatsächlich tummeln sich auf den gängigen Vergleichsportalen eine Reihe von Anbietern, die mit Vorsicht zu genießen sind. Hinweise auf heikle Geschäftsmodelle zeigen sich im Online-Beschwerdeportal Reclabox. Dort mokieren sich Kunden oft über dieselben Firmen, hat Switchup in einer Auswertung von 9.000 Einträgen herausgefunden. Vor allem unter den Stromanbietern, die auf Vergleichsportalen wegen ihrer Billigpreise weit oben angesiedelt sind, finden sich einige, die versteckt die Preise erhöhen oder sich aus fadenscheinigen Gründen weigern, den Neukundenbonus auszuzahlen. „Von den Top-10-Plazierungen ist etwa die Hälfte als fragwürdig anzusehen“, behauptet Meyer.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Switchup und Cheapenergy24 dagegen versprechen, nur faire und transparente Angebote zu berücksichtigen. Bei Switchup ist sogar eine Rechtsschutzversicherung inklusive, falls es trotzdem zu Streitigkeiten mit dem Energieversorger kommt. Geld verdienen die beiden Firmen auf verschiedene Weise: Cheapenergy24 verlangt im ersten Jahr 30 Prozent dessen, was der Kunde jeweils durch einen Tarifwechsel gespart hat, sofern die Einsparung unter 100 Euro liegt, im zweiten Jahr 25 und im dritten Jahr 20 Prozent. Switchup dagegen ist für den Kunden grundsätzlich kostenlos und finanziert sich stattdessen – wie die großen Vergleichsportale Check24 und Verivox – über Provisionen der Stromanbieter. Dies ist zwar weniger transparent, und der Anreiz für Switchup ist hoch, die Kunden zum ständigen Wechseln zu bewegen. Doch hat nach Firmenangaben der Empfehlungsalgorithmus, der 30 Tarifmerkmale des Kunden berücksichtigt, keine Informationen über die Höhe der Provisionen.

Bis vor kurzem hatten Cheapenergy24 und Switchup noch einen mächtigen Konkurrenten. Doch hat Verivox seinen Wechselservice Prime stillgelegt. Für einen Mitgliedsbeitrag von 29,90 Euro im Jahr, so hatte das Vergleichsportal zuvor geworben, könnte jeder Kunde mindestens 250 Euro im ersten Jahr und 100 Euro in den Folgejahren sparen, wenn er zwei Verträge der Bereiche Strom, Gas, DSL und Kfz-Versicherung wechselt. Die Resonanz blieb überschaubar.

In einer ersten Version des Textes hieß es, Cheapenergy24 verlange ab dem zweiten Jahr 30 Prozent dessen, was der Kunde jeweils durch einen Tarifwechsel gespart hat.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCheck24Verivox