Reisen in ein Krisenland

Wie sicher ist der Türkei-Urlaub?

Von Anna Steiner und Dyrk Scherff
 - 20:18

Müssen sich die Deutschen vor Präsident Erdogan fürchten?

Die Türkei hat das Verhältnis zu Deutschland in den vergangenen Tagen deutlich eskalieren lassen. Vor allem die Verhaftung eines deutschen Menschenrechtsaktivisten hat die Lage verschärft. Zudem wurde Bundestagsabgeordneten abermals der Besuch deutscher Soldaten in der Türkei untersagt. Begleitet wurde das durch verbale Eskalation von beiden Regierungen.

Wie sicher bin ich jetzt als Tourist in der Türkei?

Eigentlich hat sich die Sicherheitslage in der Türkei verbessert. 2016 ereigneten sich drei Terroranschläge in Istanbul, Unbekannte feuerten Raketen auf eine Straße in die Nähe der Touristenhochburg Antalya. In der Stadt selbst gab es eine Explosion. Seitdem kam es nicht mehr zu Anschlägen, die Kontrollen an den Flughäfen und auf den Bosporus-Fähren wurden verstärkt. Unruhig ist es nur noch in der Bürgerkriegsregion im Südosten des Landes. Allerdings hat die kurdische Terrororganisation PKK immer wieder auch Anschläge auf touristische Ziele angekündigt. In den Badegebieten ist es aber bisher sicher gewesen. Neu sind hingegen die Verhaftungen von deutschen Staatsbürgern, die sich allerdings bisher auf Aktivisten und Journalisten beschränkten. Mit Touristen ist dies bisher nicht passiert. Das ist jedoch keine Garantie, dass es so bleibt.

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Was bedeuten die Türkei-Reisehinweise für Urlauber? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten

Was müssen deutsche Manager und Angestellte fürchten, die in der Türkei arbeiten?

Deutsche Unternehmen geraten zunehmend in den Fokus türkischer Ermittler. So sollen Dax-Konzerne wie Daimler und BASF auf einer schwarzen Liste stehen. Ihnen werden Verbindungen zur Gülen-Bewegung vorgeworfen, die Ankara für den Putsch im vergangenen Juli verantwortlich macht. Bereits in der Vergangenheit hatten deutsche Unternehmer unter Repressalien zu leiden: Nach dem Putsch war ein Einkaufszentrum in Istanbul vom Staat beschlagnahmt worden, der deutsche Betreiber zog sich daraufhin zurück. Im Zuge der von Erdogan ausgerufenen „Säuberungswelle“ musste der Oldenburger Energieversorger EWE in der Türkei mehrere Mitarbeiter, meist Führungskräfte, entlassen.

Bin ich im Transitbereich des Flughafens sicher vor einer Verhaftung?

Nein, im Transitbereich gilt das Recht des jeweiligen Staates, auf dessen Hoheitsgebiet sich der Flughafen befindet. Strafverfolgungsbehörden können sich jederzeit Zutritt verschaffen und Verdächtige festnehmen. Selbst nach der Passkontrolle bei der Ausreise aus der Türkei kann man noch rechtlich belangt werden. Offiziell ausgereist – und damit sicher vor einer Festnahme – ist man erst dann, wenn man das Hoheitsgebiet verlassen hat.

Was droht, wenn ich ins Visier der Justiz gerate?

Das Auswärtige Amt spricht von einigen Fällen, in denen Deutsche von „freiheitsentziehenden Maßnahmen“ betroffen waren, „deren Grund oder Dauer nicht nachvollziehbar war“. Als besonders gefährdet gelten Aktivisten und Journalisten. Häufiger wird die Einreise gleich am Flughafen verwehrt – meist ohne Angabe von Gründen. Nach einer Wartezeit im Gewahrsam am Flughafen muss der Betroffene die Heimreise antreten. Zudem kommt es vermehrt zu Durchsuchungen und Personenkontrollen sowie Ausgangssperren, die auch kurzfristig verhängt werden können.

Welche Rechte stehen mir zu, wenn ich festgenommen werde?

Das internationale Völkerrecht sieht vor, dass die Botschaft im Fall einer Festnahme informiert wird. Leider kennt nicht jeder Beamte diese Vorgabe. Bei der Festnahme sollte man daher darauf bestehen, dass die Botschaft kontaktiert wird. Seitdem die Notstandsgesetze in Kraft sind, können Verdächtige 14 Tage lang in Gewahrsam gehalten werden, ohne einem Haftrichter vorgeführt zu werden. 24 Stunden lang darf ihnen der Kontakt zur Außenwelt verwehrt werden. Spätestens dann gilt das Recht auf einen Anwalt, der nicht zwingend aus dem Heimatland kommt. Die Botschaft führt jedoch eine Liste mit Anwälten, die in der Türkei kontaktiert werden können. Botschaftsmitarbeiter können den Betroffenen zudem im Gefängnis besuchen, sich nach den Haftbedingungen erkundigen und nach Wunsch die Angehörigen informieren. Sollte dem Angeklagten der Prozess gemacht werden, gilt das türkische Recht.

Gibt es eine Reisewarnung der Bundesregierung?

Nein, nur wenn für jeden Reisenden eine Gefahr für Leib und Leben besteht, spricht das Auswärtige Amt eine Reisewarnung aus. Es passte allerdings am Donnerstag seine Reisehinweise an. Urlaubern und Geschäftsreisenden empfiehlt das Auswärtige Amt nun zur besseren Rechtsversorgung im Notfall den Eintrag in die Krisenvorsorgeliste der Botschaft (elefand.diplo.de). Eine konsularische Unterstützung ist dann einfacher möglich.

Zahlt die Reiserücktrittversicherung, wenn ich jetzt aus Angst von meiner gebuchten Türkei-Reise zurücktreten will?

Da das Auswärtige Amt nur die Reisehinweise angepasst und keine Reisewarnung ausgesprochen hat, sind die Versicherungen nicht zur Erstattung verpflichtet. Das Recht auf kostenlose Stornierung bei „höherer Gewalt“ haben ohnehin nur Pauschalurlauber. Wer Flug und Unterkunft getrennt gebucht hat, ist auf die Verhandlungsbereitschaft der jeweiligen Anbieter angewiesen. Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen rät: „Die Reisenden können entweder ihren Vertrag kündigen, dann bleiben sie auf bis zu 80 Prozent der Reisekosten sitzen. Oder sie verhandeln mit dem Reiseveranstalter auf Kulanzbasis über die Umbuchung auf ein anderes Reiseziel.“ Selbst besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen wie Aktivisten und Journalisten macht Bitter wenig Hoffnung. Wer allerdings eine erhöhte Gefahrenlage für sich persönlich nachweisen kann, hat vor Gericht die besseren Chancen auf Rückerstattung.

Gibt es freiwillige Rücktrittsangebote der Reiseunternehmen?

Die Sicherheitslage in der Türkei wurde in den Reisehinweisen nicht neu bewertet. Für die Anbieter gibt es daher keinen Anlass, die Geschäftsbedingungen zu ändern. Die Reiseveranstalter Alltours, Tui und Thomas Cook ließen verlauten, dass Urlaubsreisen wie gebucht stattfinden und die regulären Storno- und Umbuchungsgebühren weiterhin gelten. Nach Anschlägen in der Türkei hatten einige Reiseveranstalter in der Vergangenheit den Urlaubern eine kostenlose Umbuchung oder Rückerstattung angeboten. Das ist in der aktuellen Lage bislang nicht der Fall.

Ist der Türkei-Urlaub jetzt sehr günstig?

Nachdem die Buchungszahlen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2015 um gut ein Drittel eingebrochen waren, senkten viele Veranstalter ihre Preise für die laufende Saison. Die Türkei wurde im Gegensatz zu Zielen wie Spanien oder Griechenland billiger. Auch die höheren Buchungen aufgrund der günstigen Angebote wirken sich bislang nicht auf die Preisentwicklung aus. Wer eine Woche Pauschalurlaub in der Türkei einer Woche in Spanien oder Griechenland vorzieht, zahlt auf den gängigen Urlaubsportalen durchschnittlich rund 100 Euro pro Person weniger.

Sollte Deutschland die Türkei sanktionieren?

Die Bundesregierung prüft bereits die Hermesbürgschaften. Dabei handelt es sich um eine Art staatliche Kreditgarantie, mit der deutsche Exporte und Investitionen gegen Ausfälle abgesichert werden. Wenn ein ausländischer Abnehmer nicht zahlt, springt der deutsche Staat ein. Das könnte deutsche Unternehmen noch scheuer machen und damit die türkische Wirtschaft treffen, die stark von ausländischen Investitionen abhängt. Deutschland ist der größte Investor in der Türkei. Schon jetzt zögern die Firmen angesichts des mangelnden Vertrauens in das Rechtswesen. Besonders angesichts der Wahlen im kommenden Jahr wird Erdogan allerdings wenig Interesse an einem Wirtschaftskonflikt mit der Bundesrepublik haben. Jedoch führten Sanktionen in der Geschichte auch oft dazu, dass Volk und Regierung in schwierigen Zeiten enger zusammenrücken.

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Unterstütze ich Erdogan, wenn ich jetzt trotzdem Urlaub in der Türkei mache?

Der Tourismus ist eine der wichtigsten Branchen des Landes. Er macht rund 13 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus, mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze sind davon abhängig. Bleiben noch mehr deutsche Touristen aus und wird das nicht beispielsweise durch eine steigende Zahl russischer Urlauber ausgeglichen, trifft das den Staat zwar nicht direkt. Denn die Tourismus-Unternehmen sind weitgehend in privater Hand, mit Ausnahme der teilstaatlichen Fluglinie Turkish Airlines und einiger Flughäfen (wobei der wichtigste Tourismus-Airport in Antalya ausgerechnet vom Frankfurter Flughafen betrieben wird). Aber der Staat wäre durch sinkende Steuereinnahmen und mehr Arbeitslose betroffen.

Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich in die Türkei reise?

Um Verhaftungen zu vermeiden, sollten Reisende sich mit politischen Äußerungen und Sympathiebekundungen für die von Erdogan gehasste Gülen-Bewegung zurückhalten, gerade im Gespräch mit Einheimischen. Das Auswärtige Amt rät zudem, „Menschenansammlungen und Orte, an denen sich regelmäßig viele Ausländer aufhalten, möglichst zu meiden“. Dort ist die Gefahr von Terroranschlägen größer.

Was wäre eine gute Alternative zu einem Urlaub in der Türkei?

Wer derzeit lieber nicht in die Türkei fliegen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten: die Kanaren, Griechenland oder Kroatien beispielsweise. Die Situation in diesen Ländern gilt als sicher. Allerdings sind viele vergleichbare Reiseziele wie Spanien oder Griechenland bereits ausgebucht. Wer umbuchen möchte, ist also abhängig davon, wo es überhaupt noch freie Flugzeugplätze und Betten gibt und wie teuer das dann angesichts der kurzfristigen Buchung ist.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Steiner, AnnaDyrk Scherff - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Anna Steiner
Dyrk Scherff
Redakteurin in der Wirtschaft.Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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