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Antike Sagen und Geldanlage

Macht es wie Odysseus!

Von Hartmut Walz
© www.bridgemanimages.com, F.A.S.

Fast jeder kennt die Geschichte, wie Odysseus, der Held der griechischen Mythologie, der Versuchung der Sirenen widerstand und unversehrt nach Hause kam. Er wusste um deren verführerische Lockrufe, die schon viele tapfere Seeleute das Leben gekostet hatten. Und so verstopfte er die Ohren seiner Matrosen vor der Vorbeifahrt an den Sirenen mit Wachs und ließ sich selbst mit Tauen an den Schiffsmast binden, damit er nicht schwach werden und ins Wasser springen konnte. Eine kluge „Vorratsentscheidung“ beziehungsweise Regelbindung, die sich im übertragenen Sinne manch privater Anleger auch heute zum Vorbild nehmen kann.

Neben überhöhten Kosten und Gebühren sowie ungeeigneten und risikobeladenen Anlagevehikeln steht nämlich vor allem eines zwischen dem Privatanleger und seinem Investitionserfolg: seine eigene Psyche. Viele bekannte Anlage-Gurus werden daher mit Sprüchen zitiert, die sinngemäß auf die folgende Aussage hinauslaufen: Wenn man den größten Feind des eigenen Anlageerfolges sehen will, dann sollte man einfach in den Spiegel schauen.

Nachfolgend sollen daher einige Möglichkeiten beschrieben werden, wie Privatanleger sich selbst Regeln auferlegen können, die sie davor schützen, Opfer ihrer eigenen Emotionen (insbesondere von Angst oder Gier) zu werden. Und die damit verhindern, dass vor allem in extremen Situationen an den Finanzmärkten das Ersparte aufgrund gefühlsbedingter Kurzschlussentscheidungen in Windeseile wieder zerrinnt.

Die amerikanische Fondsgesellschaft Vanguard publizierte im September 2016 eine in Fachkreisen vielbeachtete Studie. Sie kommt zu dem unangenehmen Ergebnis, dass Privatanleger durchschnittlich von der langjährig durch Aktienanlagen realisierbaren Marktrendite von acht bis neun Prozent im Jahr vor Kosten durch schädliche Aktivitäten (wie Umschichtungen ) circa drei Prozentpunkte pro Jahr verspielen. Das heißt: Vor Kosten erzielen sie lediglich ein Durchschnittsergebnis von fünf bis sechs Prozent pro Jahr. Überwiegend emotional gesteuerte Fehlentscheidungen sind also beträchtliche Renditekiller.

Anleger soll sich wie Odysseus im voraus binden

Nur scheinbar bewahren ETF (also börsengehandelte Indexfonds) den Anleger davor, einen beträchtlichen Teil der Marktrendite durch eigene Aktivität aufs Spiel zu setzen. Zwar erwirbt der Anleger mit ETF statt eines Einzelwertes einen ganzen Index (also ein Bündel an Aktien) und gerät so nicht in Versuchung, klassisches Stock-Picking (Aktie heißt im Englischen Stock) zu betreiben. Vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Indizes für unterschiedliche Regionen, Länder, Branchen und Themen bleibt aber noch immer die Möglichkeit der spekulativen Umschichtung zwischen den verschiedenen Indizes – nennen wir es hier einmal „Index-Picking“.

Auch die zweite Dimension spekulativen Handels, der Erwerb des ETF vor vermeintlichen Aufschwungphasen und der Verkauf vor erwarteten Abschwungphasen (das sogenannte Market Timing), ist mit Indexfonds weiter möglich. Der Anleger wird also keineswegs vor diesem Fehler bewahrt. Denn das richtige Market Timing funktioniert in der Praxis so gut wie nie. Oft übersehen wird zudem, dass die Suche nach dem besten Einstiegszeitpunkt zwangsläufig mit der Haltung von Liquidität einhergeht. Da diese keine Rendite erbringt, kommt es zu Opportunitätsverlusten, wie die Ökonomen das nennen, durch entgangene Kurschancen sowie entgangene Dividendenzahlungen. Kurzum: Der Einsatz von ETF schützt den Anleger keineswegs vor der eigenen Psyche.

An diesem Punkt kommen die Vorteile des regelgebundenen Investierens zum Tragen: Der Anleger unterbindet eigene künftige Fehler dadurch, dass er sich ganz wie Odysseus im Voraus bindet. Dies tut er durch die Vorabdefinition klarer Spielregeln für Erwerb und Auflösung seiner Anlagen. In ruhiger Zeit bestimmt er wohlüberlegt, bei welchen Voraussetzungen welche Aktivitäten zu ergreifen sind. Damit ist auch festgelegt, wann eben gerade nichts zu tun ist, man also besser die Füße still hält.

Konkret können solche Vorabregeln zum Beispiel so aussehen: Man kann sich zum einen auf eine prozentuale Aufteilung des Geldes auf verschiedene Anlageklassen wie Aktien und Anleihen festlegen sowie eine weiter gehende Aufteilung innerhalb jeder Anlageklasse nach detaillierteren Kriterien vornehmen (zum Beispiel nach Branchen, Regionen et cetera). Zum anderen kann man sich auch zu Regeln zur Risikotragfähigkeit über die Zeitachse verpflichten, wie die Wissenschaft das nennt. Praktisch ist damit Folgendes gemeint: Viele Privatanleger kennen die Regel, dass der Aktienanteil im Portfolio der Formel „100 Prozent minus Lebensalter = Aktienanteil“ entsprechen soll. Diese Regel ist sicher zu pauschal. Jedoch kann eine bereits individuell vorab geplante schrittweise Reduktion schwankungsintensiver Anlagen wie Aktien über die Jahre eine sehr sinnvolle Regelbindung darstellen.

Regelgebundenes Investieren ist wie Abnehmen

Auch das sogenannte Rebalancing kann sinnvoll sein, also die periodische Anpassung der Portfoliostruktur an die Regelgrenzen, die vorab als zweckmäßig erkannt wurden. Das heißt, dass Anleger, die nicht mehr als 50 Prozent Aktien im Portfolio haben möchten, zum Beispiel zum Jahresende ihren Aktienanteil im Portfolio wieder auf 50 Prozent reduzieren sollten, wenn die Aktien deutlich an Wert zugelegt haben. Rebalancing ist somit ein Paradefall regelgebundenen Investierens, stellt es doch sicher, dass das vorgesehene Risikoprofil auch tatsächlich eingehalten wird.

Wie die Beispiele zeigen, kann ein Privatanleger regelgebundenes Investieren völlig eigenständig vornehmen. Das ist kein Hexenwerk, und die Herausforderungen hierfür liegen weniger im Wissen oder in den erforderlichen Methoden, sondern in der Disziplin zur Erstellung einer sorgfältigen Finanzplanung, der Fähigkeit zur Selbstführung und der Bereitschaft, die selbstgesetzten Grundsätze konsequent einzuhalten.

Mit anderen Worten: Regelgebundenes Investieren ist wie Abnehmen – eigentlich ganz einfach, aber in der Praxis dann doch manchmal etwas schwieriger. Sicher mag es Menschen geben, die wirklich abgenommen haben, nachdem sie Regeln wie „Nach 18 Uhr gibt es nichts Süßes mehr“ für sich festgelegt haben. Für Anleger, die sich so viel Disziplin dann aber doch nicht zutrauen, gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens können sie Experten zu Rate ziehen – zum Beispiel Honorarberater, welche die Umsetzung der zuvor definierten Regeln übernehmen. Ein solcher Finanzcoach übt im Idealfall die Funktion eines „Weightwatchers“ aus und verhindert krasse Fehlentscheidungen wie die komplette Auflösung eines Aktiendepots nach einem Börsencrash. Bezahlt wird der Honorarberater am besten über eine Jahrespauschale, so dass für ihn kein falscher Anreiz zu übertriebener Aktivität besteht.

Zweitens kann der Anleger auch in Anlagevehikel investieren, bei denen die gewünschte Regelbindung bereits installiert ist. Als Beispiel sind bestimmte Arten von Zertifikaten und Investmentfonds zu nennen. Bei dieser Alternative sei jedoch auf zwei Gefahren hingewiesen: Zum einen kann es passieren, dass statt des Anlegers nun der Manager des Fonds die Anlagefehler begeht, zum anderen ist es möglich, dass der Anleger den Kostenvorteil der eigentlichen Anlage (zum Beispiel in einen preiswerten ETF) durch hohe Kosten an anderer Stelle wieder verliert. Viele Finanzdienstleister, denen die Gebühreneinnahmen durch den Trend zu ETF wegbrechen, versuchen derzeit, teurere Anlagevehikel (wie ETF-Dachfonds) zu verkaufen – mit dem Argument, dabei handele es sich um regelgebundenes Investieren. Wird der Privatinvestor hier schwach, gerät er vom Regen in die Traufe.

Hartmut Walz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

Quelle: F.A.S.
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