„Robo-Advice“

Der Roboter als Anlageberater

Von Gerald Braunberger
 - 13:07

Hat es Sinn, den Anlageberater aus Fleisch und Blut gegen ein Computerprogramm zu tauschen? Aber sicher, antworten die Vertreter eines gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika entstehenden Trends, der sich „Robo-Advice“ nennt. Nach Schätzungen verwalten Anbieter dieser Strategie derzeit zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar. Das ist im Vergleich zu den von traditionellen Finanzhäusern verwalteten Mitteln noch nicht viel, und Marktbeobachter vermuten, dass sich „Robo-Advice“ auch nur langsam entwickeln wird. Die Anhänger dieses Modells zielen auch weniger auf die älteren „Babyboomer“, die seit einigen Jahren in den Ruhestand treten, sondern auf eine junge, internetaffine Kundschaft, die überwiegend erst noch Interesse an Finanzfragen entwickeln muss.

Der Ausgangspunkt sind hohe Kosten für die traditionelle Anlageberatung. Für eine individuelle Verwaltung bei einem spezialisierten Anbieter sind viele Vermögen zu klein, und in der traditionellen Bank- oder Sparkassenfiliale bekommen Kunden nicht selten Produkte mit hohen Gebühren verkauft. Das gilt nicht zuletzt für aktiv gemanagte Investmentfonds, die oft teuer sind, deren Manager aber keine herausragenden Ergebnisse erzielen. Außerdem werden in Depots nicht selten zu viele Umschichtungen von Wertpapieren vorgenommen, die der Finanzbranche zwar Gebühreneinnahmen bescheren, aber gerade bei einer sehr langfristigen Anlage nicht notwendig erscheinen.

„Robo-Advice“ versteht sich als eine Strategie, bei der kein Mensch aktiv in die Vermögensverwaltung eingreift. Stattdessen haben sich in den Vereinigten Staaten mittlerweile eine zweistellige Zahl von Unternehmen wie Assetbuilder oder Betterment etabliert, die im Internet eine Anlageberatung anbieten, die billige Standardisierung mit einem Mindestmaß an Individualisierung verbinden will. In einem ersten Schritt wird die Risikoneigung des Anlegers mit Hilfe von Computerprogrammen ermittelt, indem der Kunde Fragen zu seiner finanziellen Situation und zu seinen Anlagewünschen und -vorstellungen beantwortet. In einem zweiten Teil entwickelt das Programm einen konkreten Vorschlag für die Kapitalanlage, der oft auf der Kombination billiger börsengehandelter Indexfonds (ETF) beruht. Grundlage dieser Anlagestrategien sind üblicherweise Erkenntnisse aus der modernen Finanztheorie. Daraus folgt nicht, dass solche Strategien nicht auch Verluste bescheren können. Ihre Vertreter sind lediglich der Ansicht, dass sie, wenn man die niedrigen Kosten bedenkt, im Vergleich zur aktiven Verwaltung von Vermögen wettbewerbsfähig - und nicht selten besser sind.

In der langfristigen Vermögensplanung ist ein kompetenter Finanzberater unersetzlich

Die Musterportfolios unterscheiden sich bei einigen Anbietern sehr stark. So hat Assetbuilder für Anleger, die es sehr einfach haben wollen, ein „Couch Potato“ genanntes Portfolio, das je zur Hälfte aus einem ETF auf amerikanische Aktien und einem ETF auf inflationsgeschützte amerikanische Anleihen besteht. Demgegenüber enthält ein „10 Speed“ genanntes Portfolio gleich zehn börsengehandelte Indexfonds, mit denen der Anleger nicht nur in Aktien und Anleihen, sondern auch in Immobilien und Rohstoffe investiert.

Bisher mögen die neuen Marktteilnehmer noch bescheiden sein, aber mit Vanguard hat ein Riese unter den amerikanischen Vermögensverwaltern kürzlich ein Angebot unterbreitet, das den Kunden deutlich geringere Gebühren in Rechnung stellt als die bisherigen. Und es mag durchaus sein, dass sich eine jüngere Generation für Finanzangebote im Internet öffnet, gegenüber denen viele Ältere misstrauisch bleiben werden.

Das heißt aber nicht, dass der Mensch in der Vermögensverwaltung komplett von Computern ersetzt werden könnte. Wenn die langfristige Vermögensplanung über Jahrzehnte ins Spiel kommt, die Frage nach einer optimalen Versorgung mit Versicherungen eine Rolle spielt oder Entscheidungen über den Erwerb von Wohneigentum getroffen werden müssen, kann zumindest auf eine absehbare Zeit kein Computer einen kompetenten Finanzberater ersetzen.

Ebenso wenig wird der ideenreiche Fondsmanager, der seinen eigenen Kopf hat und ein unverwechselbares Profil aufbaut, überflüssig. Es wird immer Anleger geben, die auf der Suche nach überdurchschnittlichen Renditen bereit sind, höhere Gebühren zu zahlen. Weniger Zukunft dürften dagegen Fondsmanager haben, die de facto Indizes nachbilden und dafür hohe Gebühren in Rechnung stellen. Und auch Berater in Banken und Sparkassen, deren Handeln durch aggressive Verkaufsvorgaben ihrer Vorgesetzten bestimmt wird, dürften ihre beste Zeit hinter sich haben.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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