Geldirrtümer

Kleine Beträge, große Wirkung

Von Hanno Beck
 - 12:58

Der Schwede Ingvar Kamprad weiß, wie man Geld spart. Einweggeschirr wäscht er aus, auch wenn es sich schlecht spülen lässt, er fährt Bahn mit Seniorenrabatt, sucht im Internet nach den billigsten Reisen, und einkaufen geht er, so wird berichtet, kurz vor Ladenschluss, weil dann Frischprodukte billiger seien. Dass er die teure Cola in der Minibar des Hotels am nächsten Tag durch billige Cola aus dem Supermarkt ersetzt, bestreitet er allerdings. Nötig hätte er all das eigentlich nicht: Kamprad ist Gründer und Eigentümer des schwedischen Möbelhauses Ikea, das mit Hilfe des legendären Billy-Regals die Welt erobert und Kamprad zum mehrfachen Milliardär gemacht hat.

Geschichten von geizigen Millionären und Superreichen gibt es viele – aber warum befremden sie uns so? Der Grund liegt im groben Missverhältnis zwischen den Millionen, die sie besitzen, und den winzigen Beträgen, die sie sparen. Muss man als Millionär auf den Sparpreis achten?

Als Millionär vielleicht nicht. Aber für Normalverdiener können sich Kleingeldbeträge rasch auf Einkommen und Ersparnisse auswirken – das ist das berühmte Kleinvieh, das auch Mist macht. Aber will man deswegen zum Geizkragen werden und jeden Cent zweimal umdrehen? Muss man sich nicht auch mal etwas gönnen? Natürlich. Aber mit ein wenig Aufmerksamkeit kann man eine solide Summe sparen, ohne dabei wie ein Geizkragen zu wirken. Dazu muss man nur wissen, wo man das meiste Geld verliert: Viele Fallen lauern nämlich in unserem Kopf.

Ein interessantes Experiment

Ein Experiment zeigt, wie wir in Kleingelddingen ticken. Angenommen, Sie stehen im Geschäft und wollen eine Jacke für 125 Euro und einen Taschenrechner für 15 Euro kaufen. Sie wissen aber, dass es den Taschenrechner in einer anderen Filiale im Sonderangebot für zehn Euro gibt. Die Fahrtzeit dorthin beträgt 20 Minuten. Was machen Sie? Die meisten Menschen, die man befragt, entschließen sich, in die andere Filiale zu fahren, um fünf Euro zu sparen. So weit, so gut.

Doch was passiert, wenn man die Frage ändert? Beispielsweise so: Sie wollen eine Jacke für 15 Euro und einen Taschenrechner für 125 Euro kaufen. Sie wissen, dass es den Taschenrechner in einer anderen Filiale im Sonderangebot für 120 Euro gibt. Die Fahrtzeit dorthin beträgt 20 Minuten. Fahren Sie in das andere Geschäft? Die meisten Personen, denen man diese Frage stellt, beschließen in diesem Fall, nicht in das andere Geschäft zu fahren.

Vergleicht man die Ergebnisse beider Fragen, ergibt sich ein verstörender Befund: Geht es um einen Taschenrechner im Wert von zehn Euro, ist man bereit, sich für eine Ersparnis von fünf Euro ins Auto zu setzen. Kostet der Taschenrechner 125 Euro, scheinen die fünf Euro Ersparnis den Weg nicht wert zu sein. Was ist hier los? Vermutlich schlägt ein psychologisches Gesetz zu, das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz. Es besagt, dass unsere Wahrnehmung von Reizen auch von der Ausgangsstärke eines Reizes abhängt. Zündet man in einem Raum mit zehn Kerzen eine weitere Kerze an, so wird es in unserer Empfindung heller. Aber die zusätzliche Kerze bringt nur wenig zusätzliche Helligkeit, wenn in diesem Raum bereits 100 Kerzen brennen. Wie stark wir einen Reiz wahrnehmen, hängt also nicht nur von dessen absoluter Stärke ab, sondern auch von der Ausgangsstärke des Reizes.

Übertragen auf den Taschenrechner, bedeutet das, dass eine Ersparnis von fünf Euro viel zu sein scheint, wenn der Rechner 15 Euro kostet – man kann ein Drittel des Preises sparen. Kostet der Rechner aber 125 Euro, so wirkt die Ersparnis von fünf Euro gering. Warum sollte man sich dafür ins Auto setzen? Bei großen Anschaffungen also geben wir Kleingeld bedenkenloser aus, weil es, verglichen mit dem hohen Preis, die Mühe nicht wert scheint, darauf zu achten. „Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an“ sagt man sich und verschwendet keinen Gedanken mehr an die fünf Euro. Dabei, das muss man sich immer wieder klarmachen, ist die absolute Ersparnis in beiden Fällen die gleiche: Sie beträgt jedes Mal fünf Euro.

Die Kleingeldfallen

Dass wir diese recht simple Erkenntnis gerne ignorieren, kann rasch die Haushaltsfinanzen zerstören, beispielsweise wenn wir größere Anschaffungen tätigen. Man kauft einen neuen Elektroartikel für sagen wir 800 Euro und lässt sich dazu eine – zumeist unnütze – Versicherung andrehen, die fünf Euro pro Monat kostet. Teuer? Keineswegs, sagt der Verkäufer, was seien denn schon fünf Euro im Vergleich zu jenen 800 Euro, die das Gerät kostet? Ob es einem nicht fünf Euro wert sei, ein so teures Gerät zu versichern? Also kauft man die Versicherung, zumal fünf Euro pro Monat ja so billig klingen, obwohl es sich dabei faktisch um 60 Euro pro Jahr handelt.

So funktioniert das bei allen teuren Anschaffungen. Neben dem teuren Hauptpreis wirken ein paar kleinere zusätzliche Ausgaben so gering, dass man nicht weiter darüber nachdenkt – zusätzliche Garantien, ein Pflegeset, Extras und Trinkgelder im teuren Urlaub, teure Accessoires. All die kleinen Extra-Ausgaben summieren sich rasch zu einem ordentlichen Batzen Geld. Richtig teuer kann das beim Hausbau werden, wenn man bei jedem Ausstattungsdetail das Beste aussucht, weil das ja angesichts der ohnehin hohen Bausumme nicht sonderlich ins Gewicht zu fallen scheint.

Neben dem Weber-Fechnerschen Gesetz erklären sich diese Kleingeldfallen auch aus unserer Angewohnheit, für unsere finanziellen Angelegenheiten sogenannte mentale Konten zu bilden. Kein Mensch hat alle seine Finanzen im Kopf, also machen wir für einzelne Vorgänge mentale Konten auf, auf denen wir Ein-und Ausgaben verbuchen. Im Falle des Taschenrechners beispielsweise haben wir ein gedankliches Konto für den Kauf eines Rechners eröffnet und jede Zusatzausgabe, die im Zusammenhang mit dem Rechner steht, wird ebenfalls auf diesem Konto verbucht. Und jetzt schlägt das Weber-Fechner-Gesetz zu: Bei 125 Euro, die bereits auf dem Konto zu Buche schlagen, machen fünf Euro scheinbar wenig aus.

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Das legt eine einfache Lösung nahe, wie man die teuren Zusatzausgaben vermeiden könnte: Man muss sie auf einem anderen gedanklichen Konto verbuchen, dann erscheinen die fünf Euro auch in einem anderen gedanklichen Licht. Diese Umbuchung kann man erreichen, indem man zeitlichen Abstand wahrt, also etwa ein Hauptprodukt – die Waschmaschine, den Laptop, die Schuhe – kauft, aber die Zusatzversicherung zunächst einmal dankend ablehnt mit dem Versprechen, sich die Sache zu Hause noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Man lässt also zwischen dem Kauf des Hauptproduktes und dem Kauf des Zusatzproduktes etwas Zeit verstreichen und verschafft sich so ein wenig mentale Distanz, die dazu führt, dass das Zusatzprodukt nun auf einem anderen mentalen Konto verbucht wird.

Allerdings gibt es noch eine zweite Falle, die bei unserer mentalen Kontenbildung lauert: Kleingeld verbuchen wir gerne auf einem vermischten Konto für sonstige Ausgaben, und dieses Konto überwachen wir kaum. Jeder Betrag, der dort eingeht, wird nicht weiter verfolgt, und rasch haben sich große Summen angehäuft. Würden wir Kassensturz machen und nachrechnen, was sich auf diesem Konto ansammelt, würden wir erschrecken. Damit liegt die Gegenmaßnahme auf der Hand: Wenigstens ein oder zwei Monate lang sollte man alle Kleinausgaben, die man nicht eindeutig zuordnen kann oder will, aufschreiben und am Ende des Monats addieren – das könnte sich als heilsamer Schock erweisen, der zu mehr finanzieller Disziplin führt. Auch wenn die nicht ganz so drastisch sein muss wie bei Ikea-Gründer Ingvar Kamprad.

Hanno Beck ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.

Quelle: F.A.S.
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