Regeln ärgern Bankkunden

Der Beratungswahnsinn

Von Dennis Kremer
 - 09:41

Der Bankvorstand, der Name tut hier nichts zur Sache, war eben noch in aufgeräumter Stimmung. Ein angenehmer Gesprächspartner, wortgewandt und witzig. Ganz plötzlich aber bekommt er schlechte Laune. Eine einzige, vermeintlich harmlose Frage reicht dafür aus: „Wie läuft es denn eigentlich mit der Mifid-II-Umstellung?“ Die Miene verdüstert sich, die Antwort ist deutlich: „Die Kunden hassen Mifid II – und wir hassen es auch.“

Mifid II ist der abschreckende Name einer neuen EU-Richtlinie, die seit Januar dieses Jahres in Kraft ist und die eigentlich ein löbliches Ziel verfolgt: Sie soll Sparer und Anleger vor schlechter Beratung in der Bank schützen. Hass hervorzurufen war selbstverständlich nicht ihr Ziel. Spricht man Bankvorstände im Vertrauen auf die Richtlinie an, erlebt man jedoch fast immer die gleiche Reaktion – einhellige Ablehnung. „Am liebsten würde ich unseren Kunden sagen: Lest den ganzen mit Mifid II verbundenen Papierkram nicht, das bringt sowieso nichts“, sagt einer.

„Mifid II schießt weit über das Ziel hinaus“

Öffentlich wagt natürlich niemand, dies so deutlich zu formulieren. Banken haben derzeit in Deutschland einen schweren Stand. Dafür muss man sie nicht bedauern, sie haben sich das selbst eingebrockt: Noch immer ist nicht vergeben und vergessen, dass vor der Finanzkrise 2008 viele Banken nach Lust und Laune vermeintliche Wertpapiere verkauften, die für bestimmte Kunden überhaupt nicht geeignet waren.

In Erinnerung geblieben ist die „Lehman-Oma“. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine reale Person, sondern um einen bestimmten Anlegertypus: älter, mit wenig Erfahrung an der Börse und doch im Besitz jener unheilbringenden Zertifikate der Investmentbank Lehman Brothers, die nach der Pleite der Bank im September 2008 ausfielen. Verkauft hatten diese Zertifikate nicht selten die Bankberater der örtlichen Sparkassen.

Es hat auch mit diesem selbstverschuldeten Vertrauensverlust zu tun, dass die Banken ihre Kritik an Mifid II bislang nur sehr vorsichtig nach außen tragen. Allein Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken und im Hauptberuf Chef der Privatbank Berenberg, spricht Klartext. Er sagt: „Mifid II schießt weit über das Ziel hinaus. Manche unserer Kunden fühlen sich durch die Richtlinie bevormundet, dabei sollte sie doch eigentlich dem Anlegerschutz dienen.“

Geldanlage ausgetrieben

Nun könnten einen solche Worte misstrauisch machen. Natürlich beschweren sich Banken über Eingriffe in ihr Geschäft, wie sollte es auch anders sein. Die vermeintlich kostenlose Beratung in der Bank ist schließlich in Wahrheit schon immer ein Verkaufsgespräch gewesen, bei dem die Bank ihre Produkte (zum Beispiel ein Wertpapierdepot) anpreist.

Aber es sind eben nicht nur die Banken, denen die neuen Regeln übel aufstoßen. Sondern im mindestens gleichen Maße gilt das für die Kunden. Spöttisch könnte man sagen: Wenn es das Ziel der neuen Richtlinie gewesen sein sollte, den Deutschen – ohnehin kein sehr börsenafines Volk – auch noch die letzte Freude an der Geldanlage zu nehmen, dann ist das wohl geglückt.

Ernster formuliert, muss man es so ausdrücken: Aus der guten Absicht der EU ist ein Programm zur Gängelung der Sparer geworden, das es in sich hat. Was sich derzeit in Deutschlands Bankfilialen oder am Telefon mit dem Berater abspielt, sind haarsträubende Eingriffe in die Entscheidungsfreiheit der Kunden. Und das liegt, anders als in früheren Zeiten, nur in den seltensten Fällen an den Banken.

Kein freies Gespräch möglich

Um mit dem größten Ärgernis zu beginnen: Im Telefongespräch zwischen Kunde und Berater ereignen sich regelrecht absurde Situationen. Manche Kunden werfen ihren Beratern mitunter Ausdrücke an den Kopf, die man in der Zeitung so nicht wiederholen kann. Grund für den Ärger ist aber nicht etwa ein schlechter Anlagetipp, sondern ein Kernelement von Mifid II: Die Banken sind verpflichtet, jedes Telefongespräch zwischen Berater und Kunde aufzuzeichnen, wenn das Gespräch dazu führen könnte, dass der Kunde ein bestimmtes Wertpapier wie Aktien, Anleihen oder Fonds kauft oder verkauft.

Anders gesagt: Wenn es nicht gerade um ein harmloses Tagesgeldkonto geht, ist die Aufzeichnung immer Pflicht. Der Gesetzgeber hat sogar bestimmt, dass der Kunde seine Bank nicht einmal auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin von dieser Pflicht befreien kann.

Wie man hört, führt dies oft zu folgender Situation: Ein Kunde ruft an, um mit seinem Berater eine Anlageidee durchzusprechen, sagen wir den Kauf einer bestimmten Aktie. Was dann passiert, hängt ein bisschen von der installierten Technik in der Bank ab, aber häufig läuft es so: Der Berater macht den Kunden darauf aufmerksam, dass er das Gespräch nun aufzeichnen müsse.

Darum ruft er den Kunden zurück und spielt eine automatische Ansage ab, in etwa dergestalt: „Wegen gesetzlicher Anforderungen wird das Gespräch aufgezeichnet. Falls Sie dies nicht möchten, legen Sie bitte auf.“ Viele Kunden legen dann auf, rufen wieder zurück und fragen: „Können wir jetzt frei reden?“ Wenn der Berater dann verneint, auf das Gesetz verweist und den nächsten Rückruf einleiten muss, kann es am anderen Ende der Leitung schon einmal zu einem Wutanfall kommen.

Langes Reden, kurzer Sinn

Nun könnte man einwenden: Es lässt sich auch aufs Telefon verzichten und ein persönlicher Termin mit dem Berater vereinbaren. Dann fällt die gesetzliche Pflicht zum Mitschnitt weg, der Berater muss aber eine Gesprächsnotiz verfassen. Einfacher macht das die Angelegenheit aber leider nicht. „Gerade das Erstgespräch mit einem Kunden dauert viel länger als früher“, sagt Sabine Niemeyer von der Deutschen Bank, die als Leiterin Privatkunden in der Region Bremen/Osnabrück täglich die Reaktionen auf Mifid II mitbekommt. Rund 45 Minuten musste früher einplanen, wer ein Wertpapierdepot bei der Deutschen Bank eröffnen wollte. Heute ist es mehr als doppelt so viel Zeit: Mit 90 bis 120 Minuten müsse man rechnen, sagt Niemeyer.

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Dies hat mit der wohl wichtigsten Neuerung zu tun, die Mifid II mit sich bringt: mit der sogenannten Geeignetheitserklärung. Dieses Unwort ersetzt das bislang verpflichtende Beratungsprotokoll. In dieser Erklärung muss der Berater festhalten, warum ein von ihm empfohlenes Wertpapier wie eine Aktie oder ein Fonds besonders gut zu den Anlagezielen des Kunden passt. Dies klingt nach einer guten Idee, hat aber in der Praxis unangenehme Auswirkungen.

Denn um zu wissen, ob ein bestimmtes Wertpapier wirklich das richtige ist, muss ein guter Berater natürlich herausfinden, ob der neue Kunde es aushalten könnte, wenn der Kurs des Wertpapiers auch mal stärker schwankt. Das wäre beispielsweise bei Aktien der Fall. Früher ließen sich solche Situationen recht einfach lösen, indem der Berater eine simple Frage stellte: „Welchen Verlust sind Sie bereit zu tragen?“ Natürlich weiß jeder erfahrene Geldanleger, dass die Antwort darauf nicht ganz so einfach ist. Aber wozu ist man denn erwachsen?

Mach Dich nackig

Der Gesetzgeber scheint das anders zu sehen. „Heute müssen wir im Gespräch mit dem Kunden ermitteln, welchen Verlust er in seiner aktuellen Lebenssituation tatsächlich finanziell verkraften könnte“, sagt Sabine Niemeyer von der Deutschen Bank. Um das sicherzustellen, sind die Berater angehalten, genau nachzufragen: Wie hoch ist das Einkommen des Kunden? Wie viele Schulden hat er? Besitzt er Immobilien oder anderes Vermögen?

Dies könnte man ja noch einsehen. Aber das ist längst noch nicht alles. Als nächstes muss eine monatliche Einnahmen- und Ausgabenrechnung mit dem Kunden entwickelt werden, quasi eine Art Haushaltsbuch mit allen Details. Wofür gibt der Kunde jeden Monat sein Geld aus? Was sind Ausgaben des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, was fließt in Freizeitaktivitäten wie Theaterbesuche und Ähnliches? Hat er Reserven für den Fall, dass die Waschmaschine oder das Auto kaputtgeht? Vielen wird das zu indiskret. „Einige Kunden empfinden das als einen Eingriff in ihre Privatsphäre und fragen, ob es wirklich sein müsse, dass man gleich beim ersten Kennenlernen quasi seine ganze Lebensgeschichte erzählt“, berichtet Sabine Niemeyer.

Dumme kriegen gar nichts

Wer bis hierhin durchgehalten hat, hat aber noch eine weitere Hürde vor sich. Nun muss sich der Berater vergewissern, dass die Wertpapiere, die er empfehlen möchte, den Kunden nicht intellektuell überfordern. Von der Anleihe bis zur Aktie, vom Fonds bis zum Zertifikat werden Kenntnisse abgefragt, es geht ein bisschen zu wie in der Volkshochschule. Für alle Neulinge mag das in Ordnung sein, für erfahrene Anleger aber ist es eine Tortur.

Kaufen, was er wirklich möchte, kann der Kunde da schon längst nicht mehr. Denn der Berater darf ihm nur Wertpapiere anbieten, die zur Risikoklasse passen, die zuvor im Gespräch ermittelt wurde. Das war zwar auch schon früher so, aber jetzt gibt es noch mehr Risikoklassen. Findet sich der Kunde beispielsweise in Risikoklasse 4 wieder (moderat risikobereit), sollte er nicht auf die verwegene Idee kommen, riskante Hebel-Zertifikate (nur für Risikoklasse 7 geeignet) kaufen zu wollen. Der Berater muss ihm das verweigern. Nur wer darauf besteht, erhält, was er will, muss aber mit einer Unterschrift bestätigen, dass er auf das Problem hingewiesen wurde.

Endlos-Papier

Wozu all das führt, kann man sich denken: zu unendlich viel Papierkram. Mit weniger als 40 bis 50 Seiten verlässt kaum jemand die Beratung. Das Verrückte an der Sache ist allerdings: Selbst langjährige Kunden müssen all das zumindest einmal über sich ergehen lassen – Mifid II zwingt das Prozedere wirklich jedem auf. Selbstverständlich stimmt es, dass völlig Unbedarfte so vor Betrug durch die Bank geschützt werden. Aber muss der Schutz so weit gehen, dass am Ende nur Hartgesottene den Weg zur Geldanlage finden?

Wenigstens sei nun erstmals offen und verständlich auf Kosteninformationsblättern ausgewiesen, wie viel die Bank am Verkauf der Wertpapiere verdiene, jubeln Verbraucherschützer. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Die Höhe der Provisionen, die die Bank beispielsweise beim Verkauf eines Fonds erhält, wird angezeigt. Trotzdem kann von Verständlichkeit noch immer nicht die Rede sein. Was verbirgt sich beispielsweise hinter einem „Kanalzuschlag“? Damit ist unter anderem die Order per Telefon gemeint.

Besonders bei dieser Art der Order kommt es zu zusätzlichen Irritationen: Auch Kunden, die viel und gerne an der Börse handeln, muss der Berater jedes Mal am Telefon die wesentlichen Kosten einer Transaktion vorlesen. Mit verheerendem Effekt: Es wird von Wutausbrüchen größerer Art berichtet.

Wie entkommt man dem Irrsinn nun? Die schlechte Nachricht lautet: Ein vollständiges Entrinnen ist nicht möglich. Viele Banken bieten ab einer bestimmten Summe (meist zwischen 100.000 Euro und 250.000 Euro) eine sogenannte individuelle Vermögensverwaltung an. Dann erhält die Bank das Recht, wesentliche Anlageentscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal mit dem Kunden Rücksprache nehmen zu müssen. Ohne eine anfängliche Vermögens- und Einkommensanalyse ist das aber auch nicht erlaubt.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich ein reines Online-Depot anzulegen. Dann kann der Kunde sich selbst in eine bestimmte Risikoklasse einstufen, muss aber vor der Depoteröffnung ebenfalls einige Dokumente ausfüllen und durch einen Haken bestätigen, wichtige Hinweise gelesen zu haben.

Rund eine Milliarde Euro hat die Banken die Umstellung auf Mifid II nach Schätzungen gekostet. Fest steht: Mit dem Geld hätte man Sinnvolleres anstellen können.

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Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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