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Richtig sparen – so funktioniert’s

Von Sebastian Ebert
© Picture-Alliance, F.A.S.

Viele Menschen nehmen sich vor, im nächsten Jahr mehr Sport zu treiben. Ist das neue Jahr da, verbringt man es allerdings doch wieder hauptsächlich auf der Couch. Mit dem Sparen ist es oft ähnlich. Diesen Monat lässt man es sich noch einmal gutgehen, und nächsten Monat legt man dann richtig los, lautet der Vorsatz. Tatsächlich klappt dies nur selten. Um die eigenen Ziele zu erreichen, ist es ganz wesentlich, die Ursachen für diese sogenannte Prokrastination zu verstehen. Die Wissenschaft der Verhaltensökonomie hat viele Maßnahmen entwickelt, um die Verschieberitis in den Griff zu bekommen. Diese Maßnahmen sind oft so simpel wie wirkungsvoll.

Zwischenzeitlich wurde deren Wirksamkeit auch in Finanzfragen untersucht und belegt. Findige Fintech-Start-ups haben einige der Ideen bereits umgesetzt und bieten ihren Nutzern automatisierte Sparregeln. So kann man beispielsweise mit Hilfe einer App verfügen, dass von jeder monatlichen Gehaltsüberweisung zwei Prozent automatisch auf ein Sparkonto weiterüberwiesen werden. Oder man kann bei jeder größeren Kartenzahlung den Betrag aufrunden lassen. Wenn man beispielsweise Schuhe für 67 Euro kauft, kann man die Zahlung auf 70 Euro aufrunden lassen und die Differenz von 3 Euro auf ein Sparkonto überweisen lassen.

Was sind die psychologischen Mechanismen hinter solchen automatisierten Sparregeln? Die grundlegenden Ideen hinter nachhaltigem und erfolgreichem Sparverhalten wurden bereits 2004 von den Ökonomen Shlomo Benartzi und Richard Thaler im sogenannten „Save More Tomorrow“-Programm zusammengefasst. Die Wissenschaftler kooperierten mit mehreren Firmen und konnten zeigen, dass sich die Beiträge der Mitarbeiter zur Altersvorsorge wesentlich steigern lassen, wenn verhaltensökonomische Erkenntnisse im Design des Sparplans berücksichtigt werden.

Die drei wichtigsten psychologischen Tricks

Die drei wichtigsten psychologischen Tricks, die uns das Sparen im Alltag leichter machen (und denen auch die oben genannten Sparregeln genügen), sind die folgenden. Erstens: Das Sparen wird automatisiert. Hierbei macht man sich den sogenannten Default- oder Voreinstellungseffekt zunutze. Das heißt: Wenn man „nichts tut“, wird gespart. Um nicht zu sparen, müsste man die automatische Sparregel dagegen aktiv abschalten. Zahlreiche Studien zeigen, dass wir Menschen ziemlich träge sind und Voreinstellungen folgen.

Dem ist selbst dann so, wenn es um wichtige Entscheidungen wie der Wahl eines Investmentfonds oder gar die Bereitschaft zur Organspende geht. In Ländern, in denen Organspendebereitschaft die Voreinstellung ist, spenden die meisten Menschen ihre Organe. In Ländern wie Deutschland, wo man aktiv werden und einen Organspendeausweis ausfüllen muss, spendet nur eine Minderheit. Dass wir zu träge sind, einen Organspendeausweis zu bestellen und auszufüllen, kostet viele Menschenleben. Und dass wir zu träge sind, regelmäßig eine Überweisung aufs Sparkonto zu machen, kostet viel Geld.

Zweiter Trick: Das Sparen sollte erst später beginnen. Hiermit überwindet man den sogenannten Present-Bias, der besagt, dass wir unser Wohlbefinden im Hier und Jetzt massiv höher gewichten als das Wohlbefinden in der Zukunft. Daher wählen wir heute das fettige Schnitzel und nehmen uns den gesunden Salat für morgen vor. Wenn wir morgen neu bestellen können, wählen wir aber wieder das fettige Schnitzel. Bekommen wir jedoch automatisch den Salat serviert, weil wir die Bestellung bereits am Vortag aufgegeben haben, bleibt es beim Salat.

Drittens: Das Sparen wird durch bestimmte Ereignisse ausgelöst. Dieser Punkt ist besonders wichtig. Zum Beispiel fällt uns das Sparen einfacher, wenn man die Einzahlungen aufs Sparkonto mit anderen Zahlungen kombiniert betrachtet, besonders wenn diese betragsmäßig groß sind. Warum ist das so?

Die mentale Buchführung

Der richtige Zeitpunkt für automatische Sparüberweisungen ergibt sich aus gleich drei verhaltensökonomischen Konzepten: der mentalen Buchführung, der abnehmenden Empfindlichkeit gegenüber größer werdenden Geldbeträgen (seien sie positiv oder negativ) und der Verlustaversion. Alle drei Ideen sind in der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Prospekttheorie von Daniel Kahneman und Amos Tversky vereint.

Mentale Buchführung bedeutet, dass Menschen gedanklich verschiedene Konten führen und das Geld auf diesen Konten separat behandeln und bewerten. Zum Beispiel verwenden Menschen „geschenktes Geld“ oft anders als „verdientes Geld“. Geschenktes Geld darf ihrem Gefühl nach für außergewöhnliche Ausgaben wie Ausflüge oder teure Kleidung verwendet werden, während das Gehalt eher für Alltagsausgaben und Ansparungen gedacht ist. Daher freuen sich Menschen mehr über einen geschenkten 50-Euro-Schein als über die erwartete 50-Euro-Rückzahlung der Versicherung. Der 50-Euro-Schein wird mental als Geschenk verbucht, mit dem man schöne Sachen machen kann. Die 50-Euro-Zahlung der Versicherung landet dagegen auf dem Girokonto und geht in den übrigen dort aufgeführten Alltagsausgaben und Alltagseinnahmen unter. Wegen der mentalen Buchführung sind fünfzig Euro also nicht gleich fünfzig Euro.

Im Kontext des Sparens bedeutet mentale Buchführung, dass die ein- und ausgehenden Zahlungen auf dem Girokonto und dem Sparkonto nicht integriert, sondern isoliert betrachtet werden. In unserem Schuhkaufbeispiel vom Beginn des Textes stellt sich das so dar: Betrachtet man zunächst die aus dem Schuhkauf resultierende Auszahlung isoliert, so macht der Verlust der 67 Euro unglücklich. Folgt man der voreingestellten Sparregel und erhöht die Auszahlung von 67 Euro auf 70 Euro, so ist der aus den 3 Euro resultierende zusätzliche Verlustschmerz sehr klein. Gegenüber dem Grundbetrag von 67 Euro sind 3 Euro fast vernachlässigbar.

Der Gedanke hinter der Sparregel

Betrachten wir nun jedoch den aus der Sparregel resultierenden Kontoeingang auf dem Sparkonto, so wirkt dieser relativ groß. Der natürliche Vergleichspunkt für die gesparten 3 Euro auf dem Sparkonto ist nämlich der Kontoeingang, wenn man gar nicht gespart hätte – also null Euro. Der Kontoeingang von 3 Euro auf dem Sparkonto erfreut darum ungleich mehr, als der Kontoausgang von zusätzlichen 3 Euro auf dem Girokonto schmerzt. Dass es sich nach dem Gefühl der Menschen um zusätzliche 3 Euro handelt, ist ganz entscheidend. Einfach so 3 Euro zu sparen (ohne den Betrag mit einer anderen Zahlung mental zu verrechnen), schmerzt mehr: Einem Verlust von 3 Euro auf dem Girokonto stünde dann ein Gewinn von 3 Euro auf dem Sparkonto gegenüber. Da Menschen Verluste etwa doppelt so sehr schmerzen, wie sie Gewinne gleicher Höhe erfreuen (dieses Phänomen bezeichnet man als Verlustaversion), ginge diese Sparerfahrung mit einem Unglücksgefühl einher.

Der Gedanke hinter der Sparregel, die stets zwei Prozent des monatlichen Gehaltes auf das Sparkonto abzweigt, ist ähnlich. Bei einem Gehalt von beispielsweise 4250 Euro betragen zwei Prozent 85 Euro. Der verbleibende Zahlungseingang von 4165 Euro auf dem Girokonto erfreut kaum weniger als 4250 Euro. Der Zahlungseingang von 85 Euro, dessen natürlicher Vergleichspunkt null Euro ist, erfreut dagegen sehr.

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Landet das durch die Sparregeln angesparte Geld auf einem einfachen Sparkonto, erhält man dafür derzeit kaum Zinsen. Für langfristige und große Ansparungen wie die Altersvorsorge ist das ein Problem. Idealerweise sollte daher die durch die Sparregeln erreichte Sparsumme in regelmäßigen Abständen in einen Investmentfonds übertragen werden – natürlich automatisch. Das entspräche dann einem Fondssparplan mit variabler monatlicher Sparsumme. Alternativ könnte der Übertrag in den Fonds auch dann stattfinden, wenn die durch die Sparregeln angesammelten Euro einen Schwellenwert überschreiten.

Ein weiterer Vorteil, der aus dem automatischen Übertrag in einen Investmentfonds entstünde, ist der folgende: Man ist dann weniger versucht, angespartes Geld vom Sparkonto auf das Girokonto zurückzuüberweisen und eben doch auszugeben. Aus psychologischer Sicht kann Liquidität daher ein echter Nachteil sein. Kinder benutzen Sparschweine, um ihre Versuchung in den Griff zu bekommen. Schon mal Süßigkeiten gegessen und die Schale etwas weggeschoben, um nicht immer weiterzunaschen? Und dann doch wieder zugegriffen? Besser, man bringt Süßigkeiten genauso wie angesparte Euro einmal richtig außer Reichweite. Denn halbherzige Selbstkontrollversuche gehen bei uns Menschen oft nach hinten los.

Sebastian Ebert ist Professor für Mikroökonomie an der Frankfurt School of Finance and Management und Associate Professor of Finance an der Universität Tilburg.

Quelle: F.A.S.
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