Die Vermögensfrage

Riester-Verträge zu Ende gedacht

Von Barbara Brandstetter
 - 13:34

Die Anleger haben Jahr für Jahr ihre Beiträge überwiesen, Zulagenanträge ausgefüllt, angepasst und in der Steuererklärung die Einzahlungen in die Riester-Rente als Sonderausgaben verrechnet. In den vergangenen Jahren hat sich so zwar kein Vermögen, doch ein ganz ansehnliches Sümmchen angesammelt. Viele Riester-Sparer der ersten Stunde haben ihren Sparplan beim Abschluss jedoch nicht bis zum Ende geplant. Schließlich wussten damals in den ersten Jahren nach Einführung des Produktes auch etliche Anbieter von Bank- und Fondssparplänen nicht, wie und mit welchem Partner sie die Auszahlungsphase konkret gestalten wollen. Dabei ist für Anleger nicht nur relevant, in der Sparphase einen guten Vertrag abzuschließen – auch vor der Auszahlungsphase des Sparplans lohnt ein Vergleich.

Wenn kurz vor dem wohlverdienten Ruhestand das Schreiben des Riester-Sparplan-Anbieters im Briefkasten liegt, ist die Ernüchterung bei einigen Anlegern groß. Denn von dem Ersparten zieht der Anbieter zunächst einen Betrag ab, der in eine Leibrente fließt. Diese garantiert eine lebenslange Rente ab dem 85. Lebensjahr. So sieht es das Alterszertifizierungsgesetz vor. In diesem ist auch festgehalten, dass die Auszahlungen über die gesamte Rentendauer stets in gleicher Höhe erfolgen oder steigen müssen. Nach Abzug des Beitrags für die Leibrente wird die verbliebene Summe bis zum 85. Geburtstag an den Riester-Sparer ausgezahlt. Je höher der Betrag, der in die Rentenversicherung fließt, desto geringer fällt in der Regel die monatliche Zahlung bis zum 85. Geburtstag aus. Alternativ bieten Banken eine Sofortrente an. Doch dazu später mehr.

„Irgendwann gerät jeder Riester-Sparer in die Fänge der Versicherungswirtschaft“, sagt Finanzmathematiker Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten. Ausnahmen gibt es lediglich bei Wohn-Riester. Das sei vielen Anlegern, die in den ersten Jahren einen Riester-Sparplan abgeschlossen haben, nicht bewusst. Haben sie sich doch für einen Fondssparplan entschieden, um sich eine möglichst hohe Rendite in der Ansparphase zu sichern, oder wegen der großen Flexibilität einen Banksparplan unterschrieben. Von Versicherung sei oft keine Rede gewesen. Auch nicht von der Absicherung biometrischer Risiken in der Auszahlungsphase.

Staatlich geförderte kapitalgedeckte Altersvorsorge

„Riester-Sparer sollten nicht nur beachten, was in der Ansparphase am Ende herauskommt. Relevant ist auch, was im Alter Monat für Monat garantiert ausgezahlt wird und ob der Anbieter im Bedingungswerk Möglichkeiten eingebaut hat, diese Garantiezusagen zum Nachteil des Kunden abändern zu können“, sagt Joachim Haid, Versicherungsmakler und Geschäftsführer der Softfin UG, der in seiner Datenbank viele hundert Riester-Bedingungen eingespeist hat. Nur so könnten einzelne Riester-Produkte miteinander verglichen werden. Ein komplexes Unterfangen. Denn bei Riester-Sparplänen gibt es in der Regel überhaupt keine Rentengarantien.

Zu Rentenbeginn muss – wie bei allen Riester-Verträgen – lediglich sichergestellt sein, dass mindestens die eingezahlten Beiträge und die staatlichen Zulagen zur Verfügung stehen. In der Vergangenheit hätten Analysten bei der Bewertung einzelner Produkte jedoch oft nur die Ansparphase und somit lediglich eine Hälfte der staatlich geförderten Altersvorsorge berücksichtigt.

Aber der Reihe nach. Zum 1. Januar 2002 führte die damals rot-grüne Regierung die Riester-Rente ein. Eine staatlich geförderte kapitalgedeckte Altersvorsorge, mit der die Absenkung des Nettorentenniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung kompensiert werden sollte. Der ehemalige Bundesarbeitsminister Walter Riester sagte damals in der ARD, die Reform sei das größte Altersvermögensprogramm, das es in Deutschland je gegeben habe. Staatliche Zulagen und Steuerersparnisse sollen die Bundesbürger seitdem animieren, in jungen Jahren Geld für das Alter zurückzulegen.

Die volle staatliche Zulage erhalten direkt oder indirekt riesterberechtigte Anleger, wenn sie mindestens vier Prozent ihres Vorjahresbruttoeinkommens abzüglich der staatlichen Zulagen in den Vertrag einzahlen – mindestens 60, maximal 2100 Euro.

16,4 Millionen Bundesbürger mit Riester-Vertrag

Der Staat überweist dann die Grundzulage von 154 Euro, für jedes Kind gibt es 185 Euro, für jeden von 2008 an geborenen Sprössling erhält der Anleger ganze 300 Euro. Die Kinderzulage gibt es, solange Eltern Anspruch auf Kindergeld haben. Alternativ können die emsigen Vorsorgesparer ihre Einzahlungen in die Riester-Rente auch als Sonderausgaben in der Steuererklärung verrechnen. Das Finanzamt prüft dann in einer sogenannten Günstigerprüfung, welche Variante im Einzelfall die günstigere ist. Doch auch wenn sich der Staat gegenüber den Vorsorgesparern in jungen Jahren großzügig zeigt: Im Alter holt er sich einen Teil der Förderung wieder zurück. Die Auszahlungen aus der Riester-Rente müssen Ruheständler in voller Höhe mit ihrem persönlichen Steuersatz versteuern.

Bis zum Ende des 3. Quartals 2015 haben nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 16,4 Millionen Bundesbürger einen Riester-Vertrag unterzeichnet. Mit knapp elf Millionen dominieren die Versicherungsverträge, gefolgt von Investmentfonds (3,1 Millionen) und Wohn-Riester (1,5 Millionen). Das Schlusslicht bilden Banksparpläne mit 806.000 Verträgen. Wer zu den knapp vier Millionen Anlegern gehört, die einen Sparplan abgeschlossen haben, sollte sich nicht nur um Zulagen und Steuerersparnisse, sondern auch um seine Auszahlungsphase kümmern. Anbieter von Fondssparplänen wie Union Investment, DWS und Deka bieten ihren Kunden einen Auszahlplan an. Bei einem Riester-Banksparplan können Anleger in der Regel zwischen einer Sofortrente über eine Versicherung und einem Bankauszahlplan wählen. Im Fall des Auszahlplans fließen je nach Anbieter 20 bis 35 Prozent des Ersparten zu Rentenbeginn in eine Leibrente. Das ergab eine Umfrage bei Deka, Union Investment, DWS und der Mainzer Volksbank.

Rechnungszins von 3,25 auf 1,25 Prozent geschrumpft

Ein Beispiel: Ein Mann geht mit 65 Jahren in Rente. Er hat in den vergangenen 14 Jahren rund 34.500 Euro in seinem Riester-Banksparplan „MVB-Rente Plus“ angespart. Die Mainzer Volksbank unterbreitet ihm folgendes Angebot: Der Sparer kann wählen zwischen einer sofort beginnenden Rentenversicherung bei dem Kooperationspartner R+V Versicherung in Höhe von 126,63 Euro im Monat (ohne Todesfallschutz) und einem Bankauszahlplan mit Verrentung ab dem 85. Lebensjahr. In diesem Fall fließen bei Verzicht auf den Todesfallschutz zu Rentenbeginn rund 30 Prozent des Ersparten, also 10.004,71 Euro, an die Versicherung. Unterm Strich ergibt sich eine monatliche Rente von 127,88 Euro. Der Banksparplan wird derzeit in der Auszahlungsphase mit einem festen Zinssatz von zwei Prozent verzinst. Mit umfassendem Todesfallschutz minimiert sich die monatliche Rente auf 117,59 Euro bei der Sofortrente oder 117,67 Euro beim Bankauszahlplan.

Die Leibrente ab dem 85. Lebensjahr garantiert eine lebenslange monatliche Auszahlung – ganz gleich, welches Alter der Ruheständler auch erreichen mag. Wie hoch der Anteil des Ersparten letztendlich ist, der in die Leibrente fließt, hängt von den zum Zeitpunkt der Verrentung gültigen Konditionen und Rechnungsgrundlagen des Versicherungspartners ab. Maßgeblich sind dies die Sterbewahrscheinlichkeit, die Höhe des Rechnungszinses sowie die Kosten.

Konditionen und Rechnungsgrundlagen haben sich seit der Einführung der Riester-Rente 2002 zuungunsten der Sparer entwickelt. Das gilt auch für Riester-Rentenversicherungen. Die Deutschen werden immer älter. Zudem ist der Rechnungszins von damals 3,25 auf 1,25 Prozent geschrumpft, die Unisex-Tarife wurden eingeführt. Diese Entwicklungen haben auch Auswirkungen auf die Höhe des Sparanteils, der in die Rentenversicherung fließt, um das Langlebigkeitsrisiko abzusichern. „Wie hoch dieser ausfällt, erfährt der Anleger jedoch erst zu Rentenbeginn“, kritisiert Versicherungsmakler Haid.

„Entsprechend niedriger fällt die Rente bis 85 aus“

Er illustriert dies an einem Beispiel: Ein Mann hat im Jahr 2002 einen Fondssparplan abgeschlossen. Damals galt die Sterbetafel DAV1994R, der Rechnungszins lag bei 3,25 Prozent. „Die statistische Restlebenserwartung eines 65-jährigen Mannes lag damals bei 86 Jahren“, sagt Haid. Daher wären bei Vertragsabschluss zehn Prozent des angesparten Kapitals für den Abschluss der Leibrente zu Rentenbeginn ausreichend gewesen. So war es ursprünglich von Walter Riester auch einmal vorgesehen.

13 Jahre später, kurz vor Rentenbeginn, haben sich die Parameter verändert. Seit 2004 gilt die Sterbetafel DAV2004R, die den Bundesbürgern eine statistisch deutlich höhere Lebenserwartung bescheinigt. Unser Mann, der 2015 seinen 65. Geburtstag feiert, wird nach aktueller Sterbetafel nun statistisch gesehen vier Jahre älter, also 90 Jahre alt. Zudem ist der Rechnungszins in den vergangenen Jahren von 3,25 Prozent auf 1,25 gesunken. Daher werden dem Mann zu Rentenbeginn nun 20 bis 30 Prozent des Ersparten für die Leibrente abgezogen. Und dieser Anteil könnte laut Haid in den kommenden Jahren weiter steigen. „Entsprechend niedriger fällt die Rente bis 85 aus“, sagt Haid.

Wer vor Jahren einen Riester-Sparplan abgeschlossen hat, sollte vor der Auszahlungsphase verschiedene Angebote einholen. Schließlich ist im Gesetz über die Zertifizierung von Altersvorsorgevermögen ausdrücklich geregelt, dass jeder Riester-Sparer zu Beginn der Auszahlungsphase kündigen und die angesparte Summe auf einen anderen Riester-Anbieter übertragen kann. „Und abschätzen, ob das Angebot des eigenen Anbieters für die Auszahlungsphase nun gut oder schlecht ist, kann der Anleger nur dann beurteilen, wenn andere Angebote vorliegen“, sagt Martin Schulz, Projektleiter Altersvorsorge bei Finanztest. Die Konditionen in der Auszahlungsphase seien schließlich sehr unterschiedlich. So unterscheiden sich die einzelnen Angebote beispielsweise bei den Verwaltungskosten, der Verzinsung sowie dem Todesfallschutz.

Keine Steuerersparnisse bei Auszahlung

Doch ganz so einfach ist das mit den Alternativen im Alter bei Riester dann doch nicht. „Es ist schwer, auf dem Markt ein Angebot zu finden“, sagt Schulz. Eine Umfrage der Experten von Finanztest ergab zu Beginn des Jahres, dass von 44 befragten Assekuranzen lediglich zwei das Guthaben älterer Riester-Sparer direkt zur Auszahlphase akzeptieren: die Debeka und die HanseMerkur24. Die Allianz nimmt laut Finanztest Kunden mit einer vorherigen Sparphase von zwei Jahren auf. Bei vielen anderen Gesellschaften ist ein Wechsel jedoch lediglich bis Anfang, Mitte 50 möglich.

Keinen Handlungsbedarf sieht Schulz für die Riester-Sparer der ersten Stunde, die ihre Unterschrift unter einen Versicherungsvertrag gesetzt haben. Sie profitieren auch in der Auszahlungsphase von dem aus heutiger Sicht ansehnlichen Garantiezins. Bei Abschluss vor 2004 lag dieser bei bis zu 3,25 Prozent, bis 2007 noch bei bis zu 2,75 Prozent. Aktuell liegt dieser bei 1,25 Prozent. „Daher wäre es nicht sinnvoll, jetzt einen neuen Vertrag abzuschließen“, sagt Schulz.

Ohnehin lohnt sich jede Leibrente aufgrund der sehr vorsichtig kalkulierten Sterbetafeln erst, wenn jemand ein hohes Alter erreicht. „Daher rechnen sich viele Rentenversicherungen erst, wenn jemand 95 Jahre oder älter wird“, sagt Niels Nauhauser, Altersvorsorge-Experte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Bis dahin erhielten Sparer lediglich das Geld zurück, das sie ohnehin eingezahlt haben.

Wer nicht so recht an ein biblisches Alter glaubt und seine Eigentumswohnung oder sein Häuschen noch nicht abgezahlt hat, kann sein komplettes Riester-Vermögen nutzen, um den Kredit zu tilgen. Das ist unterm Strich oft profitabler als so mancher Auszahlplan oder so manche Sofortrente. Die schlechteste aller Varianten ist jedoch oft, den Riester-Vertrag zu kündigen und sich das Geld auszahlen zu lassen. In diesem Fall verlangt der Staat sämtliche Zulagen und Steuerersparnisse zurück. Besser ist, den Vertrag beitragsfrei zu stellen. So erhält der Anleger zu Rentenbeginn auf jeden Fall die eingezahlten Beiträge plus Zulagen zurück.

Quelle: F.A.Z.
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