Sparen will gelernt sein

Warum finanzielle Grundbildung wichtig ist

Von Matthias Sutter
 - 08:44

Stellen Sie sich vor, Sie müssten folgende Frage beantworten: „Sie haben 100 Euro auf dem Konto. Das Geld wird mit einem Zinssatz von 2 Prozent pro Jahr verzinst. Welcher Betrag ergibt sich daraus nach 5 Jahren? A) Mehr als 110 Euro. B) Genau 110 Euro. C) Weniger als 110 Euro.“ Natürlich ist AntwortA richtig aufgrund von Zinseszinseffekten. Nehmen wir an, Sie hätten noch eine Folgefrage zu beantworten:

„Wenn im vorigen Beispiel eine Inflationsrate von 3 Prozent pro Jahr für die Dauer von fünf Jahren vorliegt, ist nach fünf Jahren Ihre Kaufkraft dann A) größer als heute, B) gleich groß wie heute oder C) kleiner als heute?“ Hier ist Antwort C) richtig, weil die Inflation größer als die Verzinsung während des Veranlagungszeitraums ist, so dass die Kaufkraft sinkt.

Beide Fragen sind mittlerweile „Klassiker“ bei der Abfrage von finanziellem Grundwissen. Obwohl sie keine höhere Finanzmathematik verlangen, beantworten nur knapp über 60 Prozent der deutschen Bevölkerung beide Fragen richtig.

Deutschland liegt im internationalen Vergleich noch oben

Wenn man noch eine weitere Frage hinzufügt – ob das Anlegen eines bestimmten Betrags in mehreren Aktien weniger riskant ist als die Anlage in einer einzelnen Aktie – dann sinkt der Anteil von Personen, die alle drei Fragen richtig beantworten, schnell auf etwa 50 Prozent. Dabei ist dieser Wert für Deutschland im internationalen Vergleich sogar noch hoch. In den Vereinigten Staaten oder Frankreich liegt er bei 30 Prozent, in Italien nur mehr bei 25 Prozent.

Geben solche Werte Anlass zur Sorge, beziehungsweise ist finanzielle Grundbildung überhaupt wichtig? Die empirischen Befunde sprechen eine deutliche Sprache. Zahlreiche Studien belegen einen klaren Zusammenhang zwischen der finanziellen Grundbildung eines Menschen und seinen finanziellen Entscheidungen.

Sie überziehen häufiger ihre Kreditlinien

Menschen mit geringerer finanzieller Grundbildung schließen eher teure (Konsumenten-)Kredite ab, überziehen häufiger ihre Kreditlinien, sparen weniger für ihr Alter, kündigen Versicherungen eher bei kurzfristigen Liquiditätsengpässen und wissen häufig nicht einmal, welchen effektiven Zinssatz sie für Kredite bezahlen.

Angesichts dieser Befunde ist es nicht überraschend, dass geringe finanzielle Grundbildung die Wahrscheinlichkeit erhöht, in Privatkonkurs zu gehen. Dabei sind es vermeintlich einfache Konzepte, die zumindest helfen würden, nicht in eine Schuldenfalle zu geraten; etwa das Verständnis von Risikostreuung oder von Zinseszinseffekten.

Angesichts der empirischen Befunde zur Bedeutung von finanzieller Grundbildung stellt sich die Frage, wann und wo diese Form von Bildung eigentlich vermittelt wird und wie sie gegebenenfalls verbessert werden könnte. Dabei rückt die Schule in den Fokus. Im Mathematikunterricht werden selbstverständlich Zinseszinseffekte behandelt, üblicherweise aber ohne Bezug zu Fragen der Überschuldung von Jugendlichen durch Kredite für alltägliche Konsumgüter.

Welche Konzepte der Grundbildung kann man vermitteln?

Im Sozial- und Wirtschaftskundeunterricht hören Schülerinnen und Schüler auch häufig etwas von Inflation und Kaufkraft, aber der Bezug zu ihrer Lebensrealität bleibt oft verborgen. Kurzum: Trotz der Bedeutsamkeit finanzieller Grundbildung wird diese in deutschen Schulen viel zu wenig gefördert. Dabei werden sich junge Menschen künftig eher mehr als weniger mit Themen wie Altersvorsorge und vielschichtigen Finanzprodukten auseinandersetzen müssen.

Allerdings stellt sich die Frage, mit welchen Konzepten finanzielle Grundbildung vermittelt werden könnte und welche Auswirkungen das hätte. Um darauf eine Antwort zu finden, hat der Verfasser gemeinsam mit drei Kollegen – dem Wirtschaftsdidaktiker Michael Weyland von der PH Ludwigsburg sowie Manuel Froitzheim und Anna Untertrifaller vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter in Bonn – ein Forschungsprojekt mit zehn Schulen in Nordrhein-Westfalen gestartet, bei dem wir acht Unterrichtseinheiten über finanzielle Grundbildung für die Schulstufen 9 bis 11 entwickelt haben.

In diesen Unterrichtseinheiten ging es beispielsweise darum, wie man eine Lohnabrechnung richtig liest, wie Zinseszinseffekte wirken oder welche Denkfehler bei finanziellen Entscheidungen auftreten können. Die Vermittlung erfolgte im Rahmen des regulären Unterrichts mit Hilfe einer plattformunabhängigen App. Während in den Experimentalklassen solche Inhalte vermittelt wurden, gab es in Vergleichsklassen den üblichen Lehrstoff.

Schüler verbessern ihr Wissen um finanzielle Grundbildung

Vor dem Versuch absolvierten die Schüler einen Test in finanzieller Grundbildung. Da bis heute nicht vollständig klar ist, warum finanzielle Grundbildung das ökonomische Entscheidungsverhalten beeinflusst, haben wir zugleich ökonomisch bedeutsame Präferenzen erfasst. Zur Messung von Risikopräferenzen mussten Schüler entscheiden, ob sie lieber einen sicheren Geldbetrag erhalten oder eine Lotterie spielen wollten, die entweder 10 Euro oder nichts auszahlte.

Der sichere Betrag stieg von 0,50 Euro bis zu 10 Euro an. Wenn jemand den sicheren Betrag schon bei kleineren Beträgen wählte, galt er als risikoscheuer. Zeitpräferenzen wurden gemessen, indem die Schüler zwischen 10,10 Euro sofort oder einem höheren Betrag (bis zu 13,90 Euro) eine Woche später wählen mussten. Wer schon bei kleineren Beträgen eine Woche abzuwarten bereit war, galt als geduldiger.

Der Test zur finanziellen Grundbildung und die Präferenzmessungen wurden unmittelbar nach den 8 Unterrichtseinheiten und nochmals 6 bis 9 Monate später wiederholt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen in finanzieller Grundbildung durch unsere Intervention deutlich verbessern konnten. Bei der Messung der Zeitpräferenzen stellt sich heraus, dass sie geduldiger wurden und demnach langfristiger orientierte Entscheidungen trafen als die Vergleichsgruppe.

Bei Risikopräferenzen beobachten wir, dass der Unterricht zur finanziellen Grundbildung zu einer leichten Zunahme von Risikoaversion führte, das heißt, die Probanden trafen insgesamt weniger risikoreiche Entscheidungen. Insgesamt bestätigt sich demnach unsere Erwartung, dass finanzielle Grundbildung ökonomische Präferenzen verändert. Und genau das, so unsere Vermutung, ist der Grund dafür, warum sich finanzielle Grundbildung vorteilhaft auf das finanzielle Entscheidungsverhalten im Alltag auswirkt.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern Bonn und lehrt an der Universität zu Köln.

Quelle: F.A.Z.
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