Nach dem Brexit-Votum

Londons Finanzlobby macht mobil

Von Marcus Theurer, London
 - 14:19

Großbritanniens Finanzbranche erhöht nach dem Volksentscheid für den Austritt aus der EU den Druck auf die Regierung in London. Es sei „von höchster Wichtigkeit“, dass Finanzgeschäfte zwischen Großbritannien und der EU nach dem sogenannten Brexit „unter insgesamt ähnlichen Bedingungen“ abgewickelt werden könnten wie bisher.

So mahnte der Branchenverband The City UK, das führende Sprachrohr der britischen Finanzdienstleister in einem an diesem Mittwoch veröffentlichten Bericht. „Der Zugang zum EU-Binnenmarkt steht für die Finanzbranche ganz oben auf der Prioritätenliste“, sagte der Lobbyist Marcus Scott von The City UK.

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Bisher ist London quasi die Bankfiliale Europas. In Großbritannien, und vor allem in der Hauptstadt, werden mehr als ein Drittel des gesamten Banken-Großkundengeschäfts in der EU abgewickelt. Viele kontinentaleuropäische und amerikanische Institute bedienen von der Themse aus Großkunden in Kontinentaleuropa.

Die Deutsche Bank beispielsweise beschäftigt in London mehr als 8000 Mitarbeiter, Goldman Sachs hat dort rund 6000 Angestellte. Großbritannien ist damit Weltmarktführer beim Export von Finanzdienstleistungen. Einschließlich spezialisierter Dienstleister wie Beratungsunternehmen, Anwälten und Wirtschaftsprüfern beschäftigt die Branche in Großbritannien knapp 2,2 Millionen Mitarbeiter.

Doch das Votum der Briten für den Brexit hat ein Fragezeichen hinter die Zukunft Londons als europäischer Finanzmarktplatz gesetzt. Die Unternehmensberatung PWC warnte, dass bis zu 100.000 Finanz-Arbeitsplätze aus Großbritannien ins Ausland abwandern könnten - wovon nicht zuletzt Frankfurt profitieren will. Denn wenn Großbritannien aus dem europäischen Staatenbund austritt, droht es auch den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt zu verlieren. Konkret geht es für die Geldbranche dabei um das sogenannte „financial passporting“, das reibungslose grenzüberschreitende Geldgeschäfte in ganz Europa ermöglicht.

Der „Finanzpass“ gewährleistet, dass eine Bank, die in einem EU-Mitgliedsstaat ihren Hauptsitz oder eine große Niederlassung hat und dort der Finanzaufsicht unterliegt, ihre Dienste auch in allen anderen Mitgliedsstaaten anbieten darf - ohne dort ebenfalls große Niederlassungen unterhalten zu müssen und Doppelt-Beaufsichtigung durch die dortigen Behörden. Das spart den Instituten viel Geld, doch mit dem Brexit steht auch der Finanzpass auf dem Spiel.

Erwartet wird außerdem, dass die Europäische Zentralbank (EZB) darauf pocht, dass die Abwicklung, das sogenannte Clearing, von Euro-Geschäften nicht mehr in London stattfindet, wenn die Briten nicht mehr in der EU sind. Auch die Europäische Bankenaufsicht EBA, die bisher an der Themse sitzt, hat bereits signalisiert, dass sie nach dem britischen EU-Austritt umziehen werde.

Nach Brexit-Votum
Preissturz auf Londoner Immobilienmarkt
© Getty Images, Deutsche Welle

Internationale Großbanken wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan haben bereits vor dem EU-Referendum im Juni mehr oder weniger offen damit gedroht, Arbeitsplätze aus London in andere europäische Finanzzentren zu verlagern. Davon könnten neben Frankfurt, auch Paris, Dublin und Amsterdam profitieren.

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Londons Finanzlobby macht mobil

Bisher ist unklar, ob die britische Regierung bei den bevorstehenden schwierigen Austrittsverhandlungen mit der EU zu Kompromissen bereit ist, um den freien Zugang zum Binnenmarkt sicherzustellen. Der neue Außenminister Boris Johnson versprach kürzlich während seines Antrittsbesuchs in den Vereinigten Staaten, der Finanzpass sei durch den Austritt nicht gefährdet. Voraussichtlich müssten die Briten dafür aber im Gegenzug akzeptieren, dass ihr Arbeitsmarkt für EU-Arbeitskräfte offen bleibt. Die Zuwanderung zu beschränken war jedoch das wichtigste Wahlkampfversprechen des Brexit-Lagers vor dem EU-Referendum.

Unterdessen wird auf der Insel mit Spannung verfolgt, wie stark die Ungewissheit nach dem Austritts-Votum die britische Wirtschaft treffen wird. Anderthalb Monate nach dem Referendum gibt es noch keine harten Konjunkturdaten für die Zeit seit dem Volksentscheid. Eine Reihe von Frühindikatoren deuten auf einen starken Wirtschaftsabschwung hin und viele Ökonomen prognostizieren, dass Großbritannien in eine Rezession geraten wird. Die britische Denkfabrik NIESR sagte an diesem Mittwoch dagegen voraus, dass die Wirtschaft in Großbritannien eine Rezession knapp vermeiden werde.

Quelle: FAZ.NET
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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