Sicherer Onlinehandel

Amazon-Bewertungen im Check

Von Thomas Klemm
© Reuters, F.A.S.

Die Welt wird immer argwöhnischer. Tatsachen werden nicht mehr als gegeben hingenommen, sondern in Frage gestellt. Institutionen werden misstrauischer beäugt als früher. Fake News werden verbreitet und untergraben das Vertrauen der Öffentlichkeit. Was richtig ist und falsch, wem zu trauen ist und wem nicht, solche Fragen stellen sich nicht nur einer Gesellschaft im Allgemeinen, sondern auch jedem einzelnen Verbraucher. Allen voran jenen, die Waren im Internet bestellen und sich vor einem Kauf darüber informieren, wie andere Kunden das ausgewählte Produkt bewertet haben. Fällt das Urteil vorheriger Käufer positiv aus, greift man schneller zu als bei mäßigen bis schlechten Bewertungen. Doch wer garantiert dafür, dass die Produktbewertungen und die vergebenen Sterne ehrlich gemeint sind und nicht verfälscht, verlogen oder gar gekauft?

Online-Händler wie Amazon wissen, wie abhängig sie von der Glaubwürdigkeit ihrer Kunden und deren Bewertungen sind. Schließlich lassen sich mit einem gut beurteilten Produkt bis zu 30 Prozent mehr Umsatz machen, wie Studien gezeigt haben. Umfragen haben zudem ergeben, dass viele Online-Shopper allein aufgrund positiver Kundenbewertungen schon einmal etwas gekauft haben, das sie eigentlich gar nicht haben wollten.

Amazon muss also daran gelegen sein, dass die Bewertungen verlässlich sind. Das Unternehmen geht deshalb immer strenger gegen Missbrauch vor. Erst kürzlich sind die Amazon-Richtlinien verschärft worden. Wie zuvor in Amerika sind nun auch in Deutschland gesponserte Bewertungen verboten. Hierbei vereinbarten Hersteller und Tester einen Deal: Der Hersteller stellt sein Produkt kostenlos oder vergünstigt zur Verfügung, im Gegenzug bittet er um die Meinung des Rezensenten. Die von Amazon geforderte Unvoreingenommenheit bei der Produktbewertung ist dabei nicht garantiert, neigen Testpersonen doch dazu, ein geschenktes Produkt besser zu bewerten. Dadurch werden aber andere Kunden in die Irre geführt.

Kritik an „Kundenmeinung“

Amazon hat jüngst Abertausende solch gesponserter Bewertungen gelöscht. Von der Maßnahme unberührt blieben Bewertungen der Mitglieder von Amazon Vine, einer ausgewählten Gruppe von Testpersonen, die von dem Online-Händler mit noch nicht erschienenen Produkten versorgt werden. Deren Bewertungen werden aber kenntlich gemacht durch die Aufschrift „Kundenmeinung“. Kunden, die einen Artikel nachweislich gekauft und anschließend bewertet haben, blieben von Amazons Löschaktion ausgenommen. Allerdings dürfen sie jetzt nur noch höchstens fünf Produkte pro Woche bewerten.

Unabhängig von Amazons Bemühungen trägt die Internetseite „Review Meta“ dazu bei, dass Kundenbewertungen mehr zu trauen ist. Über einen Algorithmus werden Bewertungen, die aus Gefälligkeit geschrieben wurden oder aus anderen Gründen unglaubwürdig erscheinen, aussortiert. Das kann schnell dazu führen, dass ein Produkt deutlich schlechter abschneidet als auf der Amazon-Seite. Aktuell gehört ein Ladekabel für Samsung-Smartphones zu den am meisten überbewerteten Artikeln. Statt 4,1 Sternen erhält es von Review Meta nur noch 2,6 Sterne, nachdem von den 253 Amazon-Bewertungen lediglich 35 für unverdächtig befunden wurden. Alle anderen sind anhand von zwölf verschiedenen Kriterien getilgt oder untergewichtet worden: beispielsweise, wenn der Bewerter den Artikel gar nicht gekauft hat, wenn er einseitig bewertet (entweder immer alles gut findet oder alles schlecht), wenn er ausschließlich die Produkte eines einzigen Herstellers beurteilt oder wenn er in kurzer Zeit sehr viele Rezensionen verfasst, und das auch noch mit den gleichen Formulierungen. Review Meta scheut sich, die ausgesonderten Bewertungen als „Fake“ zu bezeichnen, nennt sie aber „unnatürlich“.

Hilfreiche Checkliste

Für den Amazon-Kunden ist die Checkliste hilfreich. Das Verfahren ist einfach: Wer ein bestimmtes Produkt kaufen möchte, der muss einfach nur die Internetseite reviewmeta.com aufrufen und den Amazon-Link des Produkts in die Kopfleiste kopieren. Binnen Sekunden erhält er eine bereinigte Sterne-Bewertung. Wobei eine Herabstufung nicht zwingend ist. Selbst wenn viele verdächtige Bewertungen ausgeschlossen wurden, kann das Rating erhalten bleiben. Sogar Aufwertungen sind möglich. Review Meta hat bisher nur deutschsprachige Bewertungen von 41000 Produkten durchforstet. Sucht ein Kunde ergebnislos, empfiehlt es sich, das Produkt über die amerikanische Amazon-Seite aufzurufen. Dort sind die Bewertungen von mehr als einer halben Million Artikel überprüft.

Das Analysetool versteht sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Amazons Glaubwürdigkeitstests. Der Online-Händler zeigt sich durchaus dankbar für jeden Hinweis. „Sollten wir über einen Manipulationsverdacht in Kenntnis gesetzt werden, reagieren wir umgehend und entfernen die betroffene Rezension nach Prüfung sofort, sofern ein Verstoß gegen unsere Richtlinien vorliegt“, sagt ein Amazon-Sprecher. Auch die Kunden selbst können aktiv werden. Entdecken sie verlogene Rezensionen, können sie Amazon in Kenntnis setzen über den Link „Missbrauch melden“.

Quelle: F.A.S.
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