Sparkassen-Check

Ruin einer Sparkasse

Von Jonathan Sachse
 - 14:22
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Jürgen Stackebrandt hat sein ganzes Berufsleben bei der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe am Niederrhein, im Norden von Duisburg, verbracht. Einst machte er dort eine Lehre als Bankkaufmann, später wurde er in den Vorstand berufen, den er zwei Jahre lang leitete. Sein Gehalt war zuletzt fürstlich. 2013 kassierte er insgesamt 326.600 Euro. Zum Vergleich: Die Bundeskanzlerin bekommt rund ein Drittel weniger.

Im Jahr darauf ging Stackebrandt in Rente. Üblich wäre eine Pension von 55 Prozent der letzten Bezüge gewesen. Stackebrandt aber wollte 65 Prozent. Für den Aufschlag nötig war eine Mehrheit im Verwaltungsrat der Sparkasse. Die bekam Stackebrandt, der nun knapp 18.000 Euro monatlich bekommt. Allein dieser Zuschlag von zehn 10 Prozent wird die Sparkasse in den kommenden 20 Jahren mehr als eine halbe Million Euro kosten.

Das Pikante an der Sache ist die Zusammensetzung des Verwaltungsrats. In diesem sitzen Lokalpolitiker aus den drei Städten Dinslaken, Voerde und Hünxe. Voerde ist auf Jahre hinaus in einem Haushaltssicherungskonzept gefangen und muss jeden Cent sechsmal umdrehen. Dinslaken musste zuletzt mehrfach die Steuern erhöhen, weil der Stadt dasselbe Schicksal droht.

Aber auch die Pension des zweiten Vorstandsmitglieds, Ulrich Schneidewind, erhöhte der Verwaltungsrat auf den Spitzensatz von 65 Prozent des Grundgehalts. Die hohe Betriebsrente für Schneidewind wird nur deswegen nicht fällig, weil dieser Ende 2011 in den Vorstand der Sparkasse Duisburg wechselte.

Mehr als ein Jahrzehnt lang leiteten Stackebrandt und Schneidewind gemeinsam die Geschäfte der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe und waren zufrieden mit den Geschäften, wie Stackebrandt noch 2014 schrieb.

Ein Neubau mit viel Platz

Diese Meinung dürften nicht alle teilen. Denn tatsächlich geriet die Sparkasse unter der Ägide Stackebrandt-Schneidewind in zunehmende Schieflage. Mehr als 13 Millionen Euro Verlust machte sie 2014, dem Jahr, in dem sich Stackebrandt in den goldenen Ruhestand verabschiedete.

Heute sind tausende Kredite der Sparkasse mit einem Volumen von insgesamt rund 150 Millionen Euro notleidend. Rund jeder zehnte Privat- oder Unternehmenskredit ist also faul und droht zu platzen. Eine Katastrophe für ein Kreditinstitut.

Seit 1997 bis zu seinem Ausscheiden habe Schneidewind schwerpunktmäßig das Privatkundengeschäft der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe betreut, schreibt er CORRECT!V auf Anfrage, ob er eine Mitverantwortung für die Kreditprobleme trage. ”Das Firmenkundengeschäft wurde seit 2001 ausschließlich vom Vorstandsmitglied und dem stellvertretenden Vorstandsmitglied direkt verantwortet.“ Mit dieser Äußerung rückt er seinen ehemaligen Vorstandskollegen Stackebrandt in den Fokus. Dieser antwortet auf die gleiche Anfrage: „Bereits schon seit einem Jahr befinde ich mich im Ruhestand und bin somit nicht mehr berechtigt, mich zu Fragen über die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zu äußern.“

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Deutlicher fällt die Antwort der Sparkasse selbst aus, mittlerweile mit einem neuen Chef an der Spitze. Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden Rolf Wagner habe die Sparkasse „in der Vergangenheit eine expansive Kreditpolitik verfolgt, die – im Nachhinein betrachtet – deutliche Auswirkungen auf die Risikolage der Sparkasse mit sich brachte.“

Die hohe Anzahl der notleidenden Kredite ist nicht nur für die Sparkasse, sondern auch für die Gemeinden Dinslaken, Voerde und Hünxe eine Katastrophe. Denn sie sind Träger der Sparkasse und haften in diesem Fall mit Steuergeldern für Verluste.

Wer den pompösen Neubau der Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse in Dinslaken, unweit des Bahnhofs betritt, hat viel Raum zum Atmen. Es sind aber hauptsächlich die Angestellten, die den Sauerstoff nutzen. Warteschlangen gibt es hier nicht. Die Mitarbeiter laufen dem Kunden gleich entgegen, nähert man sich einem der sieben Beratungsschalter. An zwei weiteren Schaltern erhält man ausschließlich Bargeld.

Auf einem drei Meter breiten Bildschirm lassen sich die Börsenkurse aus aller Welt abrufen. Daneben Uhrzeiten aus Tokio, Sydney und New York. Der Flair der großen, weiten Finanzwelt in einem 67.000 Einwohner-Städtchen, die von insgesamt 334 Sparkassen-Mitarbeitern in sieben Filialen umsorgt werden. Voerde hat 37.000 Einwohner und 30 Sparkassenangestellte in vier Filialen. Eine Autoviertelstunde weiter, die Weseler Straße hinunter und an den Feuchtwiesen des Buchholter Bruchs vorbei, liegt Hünxe mit 14.000 Einwohnern, 17 Sparkassenangestellte und drei Filialen. Zum Vergleich: Die Sparkasse Soest schafft den gleichen Umsatz wie Dinslaken-Voerde-Hünxe mit 303 Angestellten – anstatt 381.

Nicht die erste Krise

Schon als der Bau des Finanzpalastes im Sommer 2009, wenige Monate nach Beginn der bisher letzten globalen Bankenkrise, beschlossen wurde, knarzte es im Maschinenraum der Sparkasse. Jeder konnte in den Offenlegungsberichten die wachsende Zahl der faulen Kredite einsehen. Als das zehn Millionen Euro teure Gebäude – das „Weichen für die Zukunft“ stellen sollte– im März 2012 eröffnet wurde, sah es für die Sparkasse gar nicht gut aus. Aber unverdrossen sprach Jürgen Stackebrandt wenige Tage vor Eröffnung des Neubaus, er sei mit dem Geschäftsergebnis seiner Bank „noch zufrieden.”

Die aktuelle Krise ist nicht die erste. Seit langem laufen die Geschäfte nicht so, wie sie sollen. 1975 schlossen sich Dinslaken und Voerde zusammen, 1991 fusionierten sie mit Hünxe. Und das wird nicht die letzte Fusion gewesen sein. Weil es der Sparkasse so schlecht geht, will, nein, sie muss abermals fusionieren.

Durch die Fusionen von einst sollte die Kasse effizienter werden. Sie wurde es nicht. Der Verwaltungsapparat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe gehört zu den aufgeblähtesten der Branche. Von einem Euro mehr Ertrag gehen 84 Cent auf die Kosten drauf. Ein Spitzenwert. Ein maßloser Vorstand, eine aufgeblähte Verwaltung – kein Wunder, dass die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ihren Kunden immer schlechtere Konditionen anbietet.

Kaum Habenzinsen, aber happig beim Dispo

Lange galt für Sparkassen, was in den Vereinigten Staaten als „3-6-3-Regel“ bezeichnet wird: Sparer bekommen drei Prozent Zinsen für ihr Geld, die Bank verleiht es zu sechs Prozent weiter, und nachmittags um drei Uhr gehen die Banker Golf spielen.

Heute gilt eher die „0,05-16-4-Regel“. Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zahlt ihren Kunden kaum nachweisbare 0,05 Prozent Zinsen, verlangt für den nicht im Vorhinein eingeräumten Dispokredit happige 16 Prozent Überziehungszinsen. Dafür gehen die Banker, bildlich gesprochen, immer noch nachmittags Golf spielen, wenn auch die Filialen in Dinslaken in der Regel erst um 16 Uhr schließen.

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„Die Angebote der Sparkasse sind mau”, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Verbraucher-Zeitschrift „Finanztip”, die regelmäßig die Leistungen von Deutschlands Banken vergleicht. „0,05 Prozent Zinsen, das ist ein Zwanzigstel von dem, was die besten Banken am Markt anbieten.”

Seit Jahren können sich die Sparkassen Geld fast umsonst von der Europäischen Zentralbank leihen. Dennoch verlangen sie ein Vielfaches an Dispo-Zinsen. Bis zu 11 Prozent, in Dinslaken. „Die Margen sind extrem hoch”, kritisiert Verbraucherschützer Tenhagen. „Bei den Sparkassen werden die Leute regelrecht geplündert.”

Bei Autokrediten tun Dreiviertel der deutschen Sparkassen inzwischen nur noch so, als vergäben sie einen Kredit. Tatsächlich haben sie dieses Geschäft an die Berliner Kreditfabrik S-Kreditpartner GmbH ausgelagert. Ein Viertel der Sparkassen vergibt auch Verbraucherkredite über diese Bank. Geht ein Kunde also zu „seiner“ Sparkasse, und hofft vielleicht auf eine persönliche Beratung und gute Konditionen – dann gibt sein Berater die Daten tatsächlich nur noch in eine Eingabemaske ein und der Algorithmus von S-Kreditpartner entscheidet über die Zusage. Die Formulare sind gehalten in Sparkassen-Rot, viele Kunden merken gar nicht, dass sie den Kredit nicht bei der Sparkasse abschließen. Kundennähe wird in diesem Fall nur noch simuliert. Die Sparkasse ist hier nur noch ein Makler, der eine Provision kassiert.

Derartige Katastrophen spielen sich ähnlich in vielen deutschen Städten ab. Denn es liegt nicht nur an der Gier oder Unfähigkeit einiger Vorstände. Der Fehler liegt im System - nicht zuletzt in der unglücklichen Verquickung von Kommunalpolitik und Sparkassenaufsicht. Darüber mehr im zweiten Teil der Geschichte an diesem Donnerstag.

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Wir bitten Sie, unsere Leser, um Mithilfe! Wir wollen zusammen mit unserem Kooperationspartner, dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv, herausfinden, wie es den Sparkassen ganz konkret geht. Welcher Kasse es gut geht und welcher nicht. Dafür hat Correctiv die Plattform Crowdnewsroom.org entwickelt. Hier können Sie selbst Informationen eingeben und schreiben, was Sie über Ihre Sparkasse vor Ort wissen.

Jonathan Sachse ist Reporter bei CORRECT!V.

Quelle: CORRECT!V
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