Sparkassen-Check

Die neun Probleme des Systems

Von Jonathan Sachse
 - 11:16
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Im Fall der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe lief besonders viel schief. Aber auch, wo Bürgermeister und Vorstände besser gewirtschaftet haben, steht das System Sparkasse vor dem Kollaps. Weil es neun Probleme gibt, auf die die deutschen Sparkassen bislang keine Antwort gefunden haben.

Niedrige Zinsen, weniger Gewinn

Seit 2009 sank der Zinsüberschuss der gesamten Sparkassen-Finanzgruppe um elf Prozent auf 32 Milliarden Euro. Grund ist, dass die Zinsen auf einem historischen Tief angelangt sind und dass immer weniger Menschen einen Kredit bei der Sparkasse aufnehmen. Zum Zeitpunkt der Bankenkrise 2008 vergab etwa das Institut in Dinslaken noch Kredite in Höhe von 3,4 Milliarden Euro. Fünf Jahre später war es weniger als die Hälfte. Das Kerngeschäft der Sparkassen ist damit rückläufig.

Nicht krisenfest

Jede Bank muss für schwierige Zeiten Rücklagen bilden, die nicht abhängig sind vom Tagesgeschäft oder den Launen der Märkte. Banken müssen ihre Finanzierung aus eigenen Mitteln, ihr Eigenkapital, erhöhen. Wenn eine Bank genügend Eigenkapital hat, können unerwartete Verluste durch die Eigentümer der Bank getragen werden, und der Steuerzahler muss nicht wie im Falle etwa der Hypo Real Estate einspringen.

Der Basler Ausschuss für Bankenregulierung hat unter dem Namen Basel III geregelt, dass Banken mehr Kapital für ihre Risiken zurücklegen müssen. Bis 2019 müssen die Banken ihr Eigenkapital schrittweise erhöhen. Die genauen Regeln sind sehr komplex. Eine einfache Vergleichsmöglichkeit ist zu ermitteln, wie viel Eigenkapital die Bilanz enthält, das heißt, wie hoch die Eigenkapitalquote ist.

Deutschlands drei größte Privatbanken hatten im Jahr 2014 bilanziell Eigenkapitalquoten von 4 Prozent (Deutsche Bank), 4,8 Prozent (Commerzbank) und 5,9 Prozent (Unicredit). Die sogenannten harten Kernkapitalquoten betrugen 11,7 bzw. 10,4 Prozent für die Unicredit.

Die Stadtsparkasse Oberhausen kam auf eine bilanzielle Eigenkapitalquote von 4,6 Prozent, die Ostsächsische Sparkasse Dresden auf 3,4 und die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze auf 3,2 Prozent, Die sogenannten harten Kernkapitalquoten lagen für die beiden ersten bei 5,1 und für die Verbandssparkasse bei 7,1 Prozent.

Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe hat bisher noch keinen Jahres- und Offenlegungsbericht für 2014 veröffentlicht. 2013 lag die Eigenkapitalquote bei 5,4 und die harte Kernkapitalquote bei 2 Prozent.

Die öffentlich-rechtlichen Sparkassen setzen wie die große Banken hauptsächlich auf fremdes Kapital, was immer Risiken ausgesetzt ist. Sie sehen Basel III als Angriff auf das System der lokalen Kleinbanken. Sie wollen nicht die gleichen Regeln erfüllen, wie es Deutsche Bank oder HSBC tun müssen. So schimpfen Vorstände und Politiker wahlweise auf „Amerikaner“, „Briten“ oder „Finnen“, die selber keine öffentlichen Banken haben und deswegen den deutschen Sparkassen das Leben schwer machen würden.

Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, sieht das anders. „Ich sehe keinen akzeptablen Grund, Sparkassen anders zu regulieren als Großbanken. Auch das gewöhnliche Kreditgeschäft ist riskant.” Es sei richtig, Eigenkapital der Banken staatlich zu kontrollieren. Hellwig: „Die Risiken betreffen uns alle - und können uns teuer zu stehen kommen.”

Sparkassen können ihr Eigenkapital erhöhen, indem sie einen Teil ihrer Gewinne als Sicherheit behalten. Das braucht viel Zeit. Wenn kaum noch Gewinn da ist, weil weniger Menschen Kredite aufnehmen, bricht das System zusammen. In Dinslaken ist längst die deutsche Bankenaufsicht Bafin auf das Problem aufmerksam geworden. Anfang 2015 forderte sie die Sparkasse auf, dringend ihr Eigenkapital zu erhöhen. Eine Eigenkapitalquote von 5,4 Prozent war also noch zu niedrig. Von da an sprach die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auch öffentlich über eine Fusion.

Die Gier der Häuptlinge

Jürgen Stackebrandt ist nur einer von vielen. Bis vor wenigen Jahren waren Sparkassen-Angestellte Beamte, die das kommunale Vermögen im Sinne der Bürger verwalteten. Seit ihnen der Beamten-Status genommen wurde, entschwinden Gehalt und Pensionen in ungeahnte Höhen. Alexander Wüerst, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln, verdiente im letzten Jahr 868.000 Euro. Heinz-Dieter Tschuschke, Chef der Klein-Sparkasse Meschede im Sauerland, erhielt im selben Jahr 265.000 Euro.

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Der Landessparkassenverband RSGV empfiehlt eine Pensionshöhe von 55 Prozent des Grundgehalts. Die Vorstandsmitglieder der Sparkassen Neuss und Emmerich-Rees haben sich 75 Prozent genehmigt.

Das ineffiziente System

Bei Deutschlands Sparkassen trägt jeder Mitarbeiter rund 4,7 Millionen Euro zur Bilanzsumme bei. Bei der Commerzbank sind es 14 Millionen Euro pro Mitarbeiter, bei der Deutschen Bank 33 Millionen Euro, bei der Onlinebank ING-Diba 39 Millionen Euro.

Zu hohe Verwaltungskosten

Heute geht ein durchschnittlicher Sparkassenkunde zweimal im Monat zum Bankautomaten, telefoniert zweimal im Jahr mit seinem Bankberater, geht einmal im Jahr zum ausführlichen Gespräch in eine Filiale – doch seine Sparkassen-App ruft er rund 16 Mal pro Monat auf. Wofür brauchen die Sparkassen noch so viele Filialen?

In Nordrhein-Westfalen ist das Filialnetz der Sparkassen besonders dicht. Auf 396 selbständige Städte und Gemeinden kommen 104 eigenständige Sparkassen. Jede vierte Gemeinde hat eine eigene Sparkasse. In den restlichen Bundesländern liegt der Durchschnitt wesentlich höher. Auf jede Sparkasse fallen 34 Gemeinden.

Und noch etwas treibt gerade in Nordrhein-Westfalen die Verwaltungskosten in die Höhe: Es gibt hier zwei Landesverbände. Den Sparkassenverband Westfalen-Lippe und den Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Eine Parallelstruktur, die wenig Sinn macht – aber viel kostet.

Die Sparkassen sind nicht mehr konkurrenzfähig

Online-Banken im Netz sind günstiger, bieten die Möglichkeit, weltweit kostenlos Bargeld abzugeben und müssen kein teures Filialnetz unterhalten.

Keine unabhängige Kontrolle

„In Deutschland ist die Verflechtung von Bankern und Politikern besonders ausgeprägt“, sagt Isabel Schnabel, Wirtschaftsprofessorin in Mainz. Sie hat sich intensiv mit den Sparkassen beschäftigt, sie sagt, es sei ein Problem, dass die Kommunen Träger der Sparkassen sind und von diesen zugleich mitfinanziert werden sollen. Schnabel: „Es besteht die Gefahr, dass Kredite fehlgeleitet werden und dass die Kommunen über die Sparkassen Geld ausgeben – außerhalb der demokratischen Kontrolle.”

Manche Verwaltungsräte bewegen sich hart an der Grenze zur Korruption

Der CSU-Landrat Jakob Kreidl ließ über die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee – deren Verwaltungsrat er vorsteht – jahrelang ein Eisstockschießen für CSU-Politiker und Prominente mitfinanzieren. Eine Bürgermeisterfahrt nach Triest ließ er mit 56.000 Euro, den Tiroler Jägerverband mit über 20.000 Euro unterstützen – Kreidl ging dort regelmäßig selbst zum Schießstand. Beides wertet die Regierung von Oberbayern mittlerweile als „rechtswidrig“. Der Höhepunkt der Verschwendungsorgie: Die Sparkasse bezahlte die 80.000 Euro teure Geburtstagsparty von Landrat Kreidl. Die ja schließlich eine „Repräsentationsaufgabe” war, so sahen es jedenfalls Kreidls Kumpel im Verwaltungsrat.

Die Gefahr einer Kettenreaktion

Zur Sparkassen-Finanzgruppe gehören 414 Sparkassen, neun Landesbausparkassen, sieben Landesbanken. Sie sichern sich gegenseitig ab und haften füreinander. Das stabilisiert – setzt die kleinen Sparkassen aber auch den Risiken der weltweiten Finanzmärkte aus.

Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen sollen seit Jahren eine Sonderrücklage finanzieren, weil sie für die gescheiterten Geschäfte der früheren WestLB mit gerade stehen müssen. 2009 wurden milliardenschwere Schrottpapiere der WestLB in eine Bad Bank ausgelagert. Dafür müssen die Sparkassen innerhalb von 25 Jahren ein Verlustausgleichskonto auffüllen. Die Sparkasse Dortmund muss rund 125 Millionen Euro beiseite legen, die Sparkasse Arnsberg-Sundern knapp 21 Millionen Euro. Das System ist bereits ins Stottern geraten: Die Stadtsparkasse Emmerich-Rees zahlte 2013 nichts in die Vorsorge-Rücklage ein, Dinslaken-Voerde-Hünxe setzte im Geschäftsjahr 2013 die Zahlung ebenfalls aus. Eine Zeitbombe in diesen knappen Zeiten. Müssen die Kommunen einspringen? Müssen dafür Steuern erhöht werden?

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Zudem gibt es am Finanzmarkt Risiken, die alle Sparkassen gleichzeitig treffen können. Sollten zum Beispiel plötzlich die Zinsen ansteigen, könnte das die Sparkassen vor allem bei den Immobilienkrediten treffen. Können sich die Sparkassen bei einem solchen Szenario wirklich noch gegenseitig retten?

Fazit

Sparkassen sollen dem Gemeinwohl dienen, das ist ihr oberster Zweck. Die erste Sparkasse entsteht 1801 in Göttingen. Ab 1831 werden die ersten Kreissparkassen und Landesbanken gegründet. Sie halfen den Menschen, Geld zu sparen, halfen den Unternehmern vor Ort mit Krediten, speisten ihre Einnahmen in den Rathaussäckel ein. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Sparkassen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Wohnungen. Und auch mit der Entwicklung des globalen Finanzsystems sollten die Sparkassen die Bank des kleinen Mannes bleiben.

Doch es ging abwärts: Im Jahr 2002 gab es noch mehr als 500 Sparkassen in Deutschland. Heute sind es nur noch 414. Und das Sterben und das Fusionieren geht weiter. Da sind sich die Ökonomen einig, die den Bankenmarkt in Deutschland analysieren.

Eigentlich sollten die Sparkassen die Spardosen der Kommunen sein. Gut für die Bürger, gut für die Städte. Doch schlechte Geschäfte und Umbrüche in der Finanzwelt machen das ganze System marode. Kunden zahlen hohe Zinsen, wenn sie ihr Konto überziehen und erhalten im Gegenzug nur wenig Sparzinsen für Einlagen. Immer wieder muss der Steuerzahler Sparkassen und Landesbanken vor der Krise retten, mit ungewissem Ausgang und desaströsen Folgen.

Helfen Sie mit!

Wir bitten Sie, unsere Leser, um Mithilfe! Wir wollen zusammen mit unserem Kooperationspartner, dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv, herausfinden, wie es den Sparkassen ganz konkret geht. Welcher Kasse es gut geht und welcher nicht. Dafür hat Correctiv die Plattform Crowdnewsroom.org entwickelt. Hier können Sie selbst Informationen eingeben und schreiben, was Sie über Ihre Sparkasse vor Ort wissen.

Jonathan Sachse ist Reporter bei CORRECT!V.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die Sparkassen den Kommunen „gehörten“. Tatsächlich sind die Kommunen nur Träger der Sparkassen und es ist umstritten, ob damit Eigentumsrechte verbunden sind. Im Endeffekt gehören Sparkassen der Allgemeinheit, die durch die Abgeordneten des Trägers vertreten werden, so dass die Kommunen wesentliche Kontrollfunktionen ausüben. Eine Ausnahme sind die wenigen freien Sparkassen. Zur Klarstellung wurde der Text angepasst.

Quelle: CORRECT!V
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