Sparkassen-Check

Viele Sparkassen-Vorstände verdienen mehr als Merkel

Von Jonathan Sachse, Simon Wörpel und Hanno Mußler
 - 12:29

Von 88.000 Euro bis 850.000 Euro: In einer neuen Datenbank von correctiv.org und der F.A.Z. sind erstmals die Vorstandsgehälter von gut zwei Drittel aller Sparkassen ausgewertet. Die Analyse zeigt zudem, ob die Gehälter angemessen sind.

Da viele Sparkassenvorstände nicht ihr konkretes Gehalt veröffentlichen, ist in der Analyse das durchschnittliche Gehalt der häufig drei Vorstände einer jeden Sparkasse aus dem Jahr 2014 errechnet. Dadurch lassen sich die Gehälter von 287 der damals noch 417 Sparkassen benennen.

Das Gehalt der Vorstände der öffentlich-rechtlichen Sparkassen war in der Vergangenheit immer wieder Thema. Bislang konzentrierte sich die Diskussion aber meist auf Nordrhein-Westfalen, da dort härtere Transparenzpflichten gelten als in anderen Bundesländern. Peer Steinbrück, ehemaliger SPD-Kanzlerkandidat, machte die Gehälter sogar im Wahlkampf zum Thema. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, sagte Steinbrück schon vor Jahren.

Die Auswertung zeigt: Steinbrück hat sogar untertrieben. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen verdienen die Vorstände mehr als die Bundeskanzlerin. Tatsächlich zahlen knapp 60 Prozent der ausgewerteten Sparkassen ihren Vorständen mehr als die etwa 282.000 Euro, die Merkel als Kanzlerin inklusive ihrer Bezüge als Abgeordnete erhält.

Die größten Sparkassen zahlen am meisten

Wenig überraschend verdienen die Vorstände am meisten, die bei den Sparkassen mit der höchsten Bilanzsumme arbeiten. Vorne liegen die Chefs der Hamburger Sparkasse, die durchschnittlich 853.000 Euro im Jahr bekamen. Harald Vogelsang, Chef dieser freien, also privatrechtlich geführten Sparkasse an der Elbe, dürfte sogar Einkommensmillionär sein. Dahinter folgten die Vorstände der Kreissparkasse Köln mit durchschnittlich 704.280 Euro, wobei Vorstandschef Alexander Wüerst stolze 867.900 Euro erhielt. Das ist das höchste bekannte Gehalt unter den öffentlich-rechtlichen Sparkassen. „Ich empfinde das als angemessen“, sagt Wüerst. Die Berliner Sparkasse zahlte ihren fünf Vorständen im Schnitt 651.833 Euro und die Manager in Hannover wurden mit 613.661 Euro entlohnt.

Sind hunderttausende Euro für Vorstände in kommunalen Kreditinstituten angemessen? Wie werden die Vorstände in anderen Banken entlohnt?

Nur wenige genossenschaftliche Volks- und Raiffeisenbanken veröffentlichen die Chefgehälter. Die wenigen öffentlichen Zahlen bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau wie die der Sparkassen. So bezahlt die Volksbank Donau-Mindel ihren Chefs im Schnitt 295.684 Euro, nicht weit entfernt erhalten die Vorstände der etwa gleichgroßen Sparkasse Günzburg-Krumbach durchschnittlich 296.500 Euro. Der zentrale Unterschied: Bei den Genossenschaftsbanken sitzen in der Regel mehr Personen im Vorstand, wodurch die Gesamtausgaben höher liegen dürften als bei den Sparkassen. Außerdem sind die Genossenschaften quasi ein privater Club, der sich eine Vereinsführung bezahlt – somit Privatsache der Mitglieder.

Die Gehälter der großen Privatbanken sind noch deutlich höher. Die Vorstände der Commerzbank verdienten 2014 durchschnittlich 1,3 Millionen Euro und bei der Deutschen Bank stolze 5 Millionen Euro. Dazu kommen bei der Deutschen Bank allerhand Investmentbanker, die ähnlich oder sogar mehr verdienen als der Vorstand: Der Geschäftsbericht von 2014 weist 816 Mitarbeiter mit Bezügen zwischen 1 und 9 Millionen Euro aus.

Aber Sparkassen erheben den Anspruch, anders zu sein. Kunden- und gemeinwohlorientiert, gelebte soziale Marktwirtschaft, wie es oft vollmundig heißt. Und nicht nur intern kann es daher als ungerecht und unangemessen empfunden werden, wenn Chefs von kleinen Sparkassen mehr Geld verdienen als die Vorstände von großen kommunalen Kreditinstituten.

Auffällige Ausreißer

Zum Beispiel im Saarland: Dort gibt es teilweise ein klares Land-Stadt-Gefälle – anders, als man es üblicherweise kennt. Die beiden Vorstände der Kreissparkasse Saarpfalz in Homburg erhielten 2014 im Schnitt 305.000 Euro. Rund 450 Mitarbeiter werden dort beschäftigt. Nebenan, in der Landeshauptstadt, bei der Sparkasse Saarbrücken haben die vier Vorstände die dreifache Zahl an Mitarbeitern zu verantworten und erhalten dafür trotzdem nur fast das gleiche Geld. Im Schnitt bekamen sie knapp 300.000 Euro überwiesen.

Die hohen Vorstandsgehälter aus dem Jahr 2014 bestätigt Stefan Gessner, Sprecher der Kreissparkasse Saarpfalz. Er verweist auf das Folgejahr, in dem die Gehälter „deutlich nach unten angepasst“ angepasst worden seien. Tatsächlich: 2015 wurden 60.000 Euro weniger an die Vorstände verteilt. Sie kamen nur noch auf einen Schnitt von 270.500 Euro. Das zeigt ein Blick in den aktuellen Jahresbericht. Woran das lag? „Neue Verträge, neue Konditionen“, schreibt Gessner. Der alte Chef, Gunar Feth, trat im Oktober 2014 ab. Er hatte die Jahre zuvor offenbar ein vergleichsweise hohes Gehalt von seiner Sparkasse gezahlt bekommen.

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Auch in Hessen gibt es auffällige Sprünge. Die vier Vorstände der Kasseler Sparkasse erhielten durchschnittlich 310.000 Euro. Sie verantworten fast 1.200 Mitarbeiter. Rund 200 Kilometer südlich beschäftigt die Sparkasse Langen-Seligenstadt etwa 400 Mitarbeiter weniger. Dennoch werden die beiden Vorstände deutlich besser entlohnt und erhalten im Schnitt 100.000 Euro mehr als in Kassel, also 408.500 Euro. „Das Gehalt ist angemessen“, sagt Markus Post, der das Vorstandssekretariat der Sparkasse Langen-Seligenstadt leitet. Zwei Vorstände würden eine andere Aufgabendichte haben als drei oder mehr Vorstände. Das sei eine „Strategiefrage“.

Größe und Gehälter vergleichen

Um die Vorstandsgehälter untereinander vergleichbar zu machen, hat das Recherchebüro Correctiv eine Formel definiert, um die Größe einer Sparkasse darzustellen. Diese beinhaltet Kernwerte einer jeden Sparkasse: Die Bilanzsumme, das Volumen der vergebenen Kredite und das Eigenkapital. So kann erstmals verglichen werden, ob die Vorstandsgehälter verglichen mit der Größe der Sparkasse auch angemessen sind. Jeder Punkt stellt eine Sparkasse dar. Je weiter oben der Punkt liegt, desto höher ist das durchschnittliche Vorstandsgehalt. Liegt der Punkt weiter rechts, ist die Sparkasse größer.

Die vier Vorstände der Sparkasse Münsterland Ost verantworteten im Jahr 2014 gut 1.400 Mitarbeiter und erhielten dafür durchschnittlich 556.000 Euro. In Düsseldorf gab es im selben Jahr zwei Personalwechsel im Vorstand. Die Chefs der Stadtsparkasse Düsseldorf bekamen im Schnitt 487.000 Euro, obwohl die Sparkasse der Landeshauptstadt zu den größten Sparkassen in Deutschland zählt. Der Vorstand in Düsseldorf verantwortete mehr als 2.000 Mitarbeiter, trotzdem wurden die Chefs in Münster deutlicher besser bezahlt.

Drei Vorstände der Sparkasse Leverkusen, die rund 600 Mitarbeiter im Jahr 2014 beschäftigten, erhielten im Schnitt fast 430.000 Euro. Bei der Sparkasse Neuss waren doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigt. Dennoch wurden auf der anderen Seite des Rheins an jeden der vier Vorstände rund 50.000 Euro weniger verteilt.

Wie werden die Gehälter ermittelt?

In Nordrhein-Westfalen existieren zwei Sparkassenverbände parallel. Beide geben ihren Sparkassen nur Empfehlungen für eine angemessene Vergütung, keine feste Regeln. Diese Empfehlungen unterscheiden sich bei den beiden NRW-Verbänden. Das sorgte zuletzt für Diskussionen. Die rot-grüne Landesregierung fordert von den Verbänden ein einheitliches Dokument. Demnächst soll es ein Treffen zwischen der Regierung und Verbandsvertretern geben.

Anders ist das in Bayern. Dort hat der bayerische Sparkassenverband verbindliche Richtlinien vorgegeben. Unsere Auswertung zeigt, dass die Gehälter von gleichgroßen Sparkassen in Bayern deutlich näher beieinander liegen als in Nordrhein-Westfalen. In Bayern verdienen die Vorstände im Schnitt auch weniger.

„Von außen hat das den Anschein, dass es nach Selbstbedienung aussieht“, sagt Martin-Sebastian Abel, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Nordrhein-Westfälischen Landtag. Die Höhe der Gehälter sei teilweise willkürlich. Eine freie Verteilung sei nach außen nicht vermittelbar. Die Auswertung zeige, dass Verbände klare Regeln für Sparkassen aufstellen müssten. „Wenn sie das nicht tun, wären wir bereit, das gesetzlich zu machen“, sagt Abel.

In der Praxis läuft es in Nordrhein-Westfalen so: Die Gehälter für die Vorstände müssen vom Verwaltungsrat einer Sparkasse abgesegnet werden. Darin sitzen neben wenigen Mitarbeitervertretern vor allem die Lokalpolitiker aus der Region. Diese sollen sich an die Empfehlungen der Verbände halten. Die Empfehlungen sind jedoch zum einen nicht verbindlich und definieren zum anderen lediglich grobe Gehaltsklassen – mit großen Spielräumen. Die beiden Sparkassenverbände in NRW bestätigen das. „Es kann aus unterschiedlichen Erwägungen und Gründen von den Verbandsempfehlungen abgewichen werden“, sagt Andreas Löbbe, Sprecher des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe. Die Entscheidung liege in der Verantwortung des Verwaltungsrats der Sparkassen.

Freiere Gehaltsverhandlungen - gut oder schlecht?

Am Ende hängt das konkrete Gehalt vom Verhandlungsgeschick des Managers ab. Möchte ein Vorstand die Empfehlungen überschreiten, braucht er die Zustimmung der Politiker im Verwaltungsrat. Können die Politiker immer unabhängig darüber entscheiden? Schließlich erhalten die Verein in der Region regelmäßig Spenden von der Sparkasse und für lokale Bauprojekte kommt der Kredit nicht selten von der Sparkasse vor Ort.

In Bayern hat das politische Aufsichtsgremium weniger Entscheidungsmöglichkeiten. „Der Verwaltungsrat einer Sparkasse kann die maximalen Grenzen nicht überschreiten“, schreibt Eva Mang, Sprecherin des Sparkassenverbandes Bayern.

„Gehaltsverhandlungen sollten keine Pokerturniere sein“, sagt Ralf Witzel, finanzpolitischer Sprecher der FDP im NRW-Landtag. Mit öffentlichen Trägern brauche man eine gewisse Vereinheitlichung – und klare Grenzen für die Gehälter. „Manche Entscheidungen, die bei der Vergütung getroffen wurde, sind aus politischer Perspektive nicht nachvollziehbar.”

Knapp ein Drittel aller Sparkassen veröffentlicht bis heute keinerlei Angaben zu den Gehältern ihrer Vorstände. Diese Sparkassen folgen damit dem Präsident des Sparkassen-Dachverbandes, Georg Fahrenschon. Der appellierte bei seiner Grundsatzrede auf dem Sparkassentag im April an die vor ihm versammelten Vorstände: „Ich halte es nicht für richtig, Gehälter und Pensionen Einzelner auf dem offenen Markt zu handeln.“

In Nordrhein-Westfalen müssen die Gehälter bereits seit 2011 veröffentlicht werden. In diesem Jahr hat auch Schleswig-Holstein mit einem neuen Transparenzgesetz für öffentlich-rechtliche Unternehmen nachgezogen.

Der Sparkassen-Check ist eine Kooperation mit dem Recherchezentrum Correctiv.org. Die Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: In monatelanger Recherche Missstände aufdecken und unvoreingenommen darüber berichten. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org

Quelle: FAZ.NET
Hanno  Mußler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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