1,20 Dollar geknackt

Vier Gründe, warum der Euro obenauf ist

Von Alexander Armbruster
 - 12:11

Nun also 1,20 Dollar. Der Euro hat gegenüber der amerikanischen Währung während der zurückliegenden Monate merklich an Wert gewonnen. Im Januar und Februar wurde die Gemeinschaftswährung noch zu Kursen von etwas mehr als 1 Dollar gehandelt, manche berühmte Bank sagte sogar schon voraus, dass sie unter die „Parität“ fallen werde, also auf weniger als 1 Dollar.

Geschehen ist das Gegenteil: Ziemlich kontinuierlich ist der Außenwert des Euro gestiegen, erst über 1,10 Dollar, was schon Schlagzeilen wert war - und nun, an diesem Dienstagmorgen, überwand der Euro die Marke von 1,20 Dollar, was der höchste in Dollar gerechnete Wert seit zwei Jahren ist. An den sensibleren Optionsmärkten, wo sich Anleger gegen Kursveränderungen absichern, wird der Euro derzeit sogar so optimistisch eingeschätzt wie zuletzt vor beinahe zehn Jahren.

Wie kann das eigentlich sein? Heißt es nicht immer wieder, die Europäische Zentralbank drücke den Euro-Kurs durch die vielen Milliarden, für die sie jeden Monat Wertpapiere kauft? Hat nicht andererseits die amerikanische Notenbank Federal Reserve in diesem Jahr schon zwei Mal die Leitzinsen erhöht? Und befassen sich die Währungshüter in Washington nicht damit, wann sie damit beginnen, die Staatsanleihen (die hält die Federal Reserve im Volumen von 2,5 Billionen Dollar) und Hypothekenpapiere (hier geht es wohl um insgesamt 1,8 Billionen Dollar) in ihrem Besitz wieder zu veräußern?

Tatsächlich gibt es mehrere Gründe, die ökonomisch zumindest plausibel machen können, warum der Euro in den vergangenen Monaten gerade gegenüber dem Dollar zugelegt hat. Hier kommen vier:

1. Die Wirtschaft der Eurozone wächst: Nicht nur in Deutschland wächst die Wirtschaft, mittlerweile gilt das für beinahe alle Länder der Währungsunion, beispielsweise auch für Italien, Frankreich und Portugal. Die Erholung von der Finanzkrise gewinnt zunehmend an Fahrt, so sagt das etwa auch EZB-Präsident Mario Draghi derzeit immer wieder. Ja, auch die amerikanische Wirtschaft wächst weiter - im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren aber nicht mehr substantiell schneller als die der Währungsunion, im Gegenteil.

2. Die Eurozone weist einen hohen Leistungsbilanzüberschuss auf: Es gibt mehrere Theorien, die erklären, wie sich der Wechselkurs einer Währung verändert. Der Unterschied zwischen den (kurzfristigen) Zinsen ist ein wichtiger Ansatz. Ein anderer bezieht sich auf den Handel mit Waren und Dienstleistungen, und hier gilt derzeit: Die Währungsunion exportiert Güter in deutlich größerem Umfang als sie Güter importiert. Das ist für sich genommen ein Argument, aus dem der Euro zumal gegenüber dem Dollar aufwerten sollte - denn für die Vereinigten Staaten gilt das Gegenteil: Die größte Ökonomie der Welt weist weiter ein hohes Leistungsbilanzdefizit auf. Ob das eine gut und das andere schlecht ist, ist damit übrigens nicht gesagt; es hat aber einen Einfluss auf die Währungskurs-Entwicklung.

3. Enttäuschung über Trump: Ein Wechselkurs hängt immer von zwei Dingen ab, dem Inland und dem Ausland. Für die Stärke des Euro gegenüber dem Dollar dürften nicht nur die besseren Wirtschaftskennzahlen aus Europa verantwortlich sein, sondern mutmaßlich ebenso die Entwicklungen auf der anderen Seite des Atlantiks. Und da geschieht nicht viel - gemessen an dem, was der amerikanische Präsident Donald Trump einst in Aussicht gestellt hat. Er versprach eine umfangreiche Steuerreform (womit Steuersenkung gemeint ist), eine großes Infrastrukturprogramm und eine massive Deregulierung. Fortschritt hat er bislang ansatzweise nur in der Deregulierung gemacht.

Die Steuerreform steht aus - ob sie kommt, wird immer mehr bezweifelt, vor allem, ob sie so umfangreich ausfällt. Denn eine zumindest vorübergehende Folge werden nach einhelliger Auffassung höhere Haushaltsdefizite und damit mehr Schulden sein. Die Anleger hatten indes mit deutlich mehr gerechnet und sich bereits im Zuge von Trumps Wahlsieg entsprechend positioniert. Mittlerweile haben viele ihre Anlagen umgeschichtet und tun das auch weiterhin. Didier Saint-George vom Vermögensverwalter Carmignac verstieg sich gegenüber dem Finanzsender CNBS sogar zu der Aussage: „Wenn du ein globaler Vermögensverwalter bist, ist der Status des Dollar wirklich infrage gestellt. Ist das notwendigerweise die Währung, die denselben Status rechtfertigt wie in der Vergangenheit?“ Das wäre schon eine sehr weitreichende Folge: Derzeit ist der Dollar tatsächlich die wichtigste Währung der Welt. Danach folgt mit einigem Abstand der Euro, der chinesische Yuan hat (noch?) ein viel geringeres Gewicht.

4. Auch die EZB hat den Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik längst eingeleitet: Es waren zwar nur einige kleine Schritte, aber auch die Euro-Währungshüter fahren ihre umfangreichen Unterstützungsmaßnahmen langsam zurück, selbst wenn sie selbst das nicht so nennen. Seit April erwirbt die EZB gemeinsam mit den nationalen Notenbanken Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro, zuvor waren es 80 Milliarden Euro gewesen. Dann haben die Währungshüter um Draghi in ihrem offiziellen Ausblick eine minimal weniger pessimistische Wortwahl verwendet. Und schließlich gilt als ausgemacht, dass entweder im September oder spätestens im Oktober Draghi konkret ankündigen wird, wie die Anleihekäufe im kommenden Jahr weiter zurückgefahren werden. Das klingt insgesamt womöglich für Nicht-Geldpolitiker nach keinen großen Schritten. In der Welt der Finanzmärkte, wo die Währungskurse entstehen, hat es indes hohes Gewicht und trägt wesentlich zu den Einschätzungen und Entscheidungen der Anleger bei.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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