Wohin mit dem Bargeld?

Wenn die Sparkasse dicht macht

Von Christian Siedenbiedel
 - 12:32

Nicht nur die brexitgeplagten Banken der Britischen Inseln sorgen dieser Tage für Aufmerksamkeit. Auch ein Eiland vor der deutschen Nordseeküste lenkt den Blick auf die Besonderheiten jedweden Bankgeschäftes, wenn Gebiete rundum von Wasser umgeben sind. Auf Baltrum, der kleinsten bewohnten Ostfriesischen Insel, schließt zum 1. Dezember die Sparkasse. Der Grund: Der Betrieb ist seit Jahren defizitär. Nun teilt die 500-Seelen-Gemeinde damit zwar das Schicksal vieler kleiner Orte, die in der Niedrigzinsphase ein Kreditinstitut verlieren. Gleichwohl ist es nachvollziehbarerweise für Kunden durchaus ein Unterschied, ob einem eine Sparkasse auf dem Land für die Zukunft den Besuch einer Filiale im Nachbarort nahelegt – oder ob zwischen beiden Geschäftsstellen einige Kilometer norddeutschen Küstengewässers liegen.

Immerhin ist die Aufregung auf Baltrum so groß, dass dort schon kleine Demonstrationen mit Bannern „Wohin mit dem Bargeld“ stattfinden. Ein Gespräch zwischen Sparkassenvertretern und Kommunalpolitikern ist für kommenden Mittwoch angesetzt. Der Bürgermeister der Insel äußert vor allem kein Verständnis dafür, dass die Sparkasse nicht wenigstens einen Automaten zurücklässt, an dem nicht nur die Auszahlung, sondern auch das Einzahlen von Bargeld vorgesehen ist. Das bewegt die Insulaner offenbar sehr.

Nun argumentiert die Sparkasse, solcherlei komplexe Automaten seien zu aufwendig in der Wartung. Dann müsste sich ständig ein Sparkassenmitarbeiter vom Festland ins Boot setzen, zur Insel fahren und sich um den Automaten kümmern. Deshalb soll auf Baltrum nur ein ganz normaler Geldautomat aufgestellt werden. Dann aber hätten den Aufwand die Leute von Baltrum. Wenn in der Hochsaison die Kasse klingelt, müssten sie sich ins Boot setzen, zum Festland fahren und das Geld aufs Konto einzahlen. In der Zwischenzeit verpassten sie Geschäft.

Es ist offenkundig nicht ganz einfach mit dem Bargeld und der Insel. Auch der Vorschlag der Sparkasse, die Geschäftsleute von Baltrum dann halt dabei zu unterstützen, ihre Kassen auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr umzurüsten, hat offenbar nicht nur Begeisterung ausgelöst.

Raiffeisen-Volksbank mit einem einzigen Mitarbeiter

Menschen aus Orten, in denen es seit Jahren überhaupt kein Kreditinstitut mehr gibt, werden die ganze Aufregung nicht verstehen. Schließlich gibt es auf Baltrum außer der Sparkasse auch noch eine Minifiliale der Raiffeisen-Volksbank aus Norden. Der einzige Mitarbeiter kommt an einigen Tagen der Woche vom Festland herüber. Allerdings deutet ein Hinweis im Internet auf damit verbundene Schwierigkeiten hin: „Öffnungszeiten abhängig von den Fährverbindungen“.

Wie viel einfacher hat es da doch Sylt! Die Insel der Schönen und Reichen, die natürlich auch größer ist, hat diverse Dorfbanken-Fusionen hinter sich. Aus denen ist die Sylter Bank hervorgegangen. Das genossenschaftliche Institut zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Es ist jetzt die einzige Genossenschaftsbank in Deutschland, die nicht zum Bankcard-Servicenetz gehört, das allen Volksbank-Kunden unentgeltliches Bargeldabheben ermöglicht. Wer vom Festland kommt, zahlt 3,50 Euro. Aber hatte der Sylter nicht schon immer Geschäftssinn?

Die Leute von Baltrum hingegen lassen durchblicken, sie würden sich, wenn die Sparkasse nicht nachgeben sollte, an „höhere Stellen“ wenden. Ob sie am Ende die Bundeshauptstadt im Sinn haben – die jetzt ganz im Geist der Insel Jamaika steht?

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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