Deutsche Bahn

Touch mich, ich bin ein Screen!

Von Leonie Feuerbach, Köln
 - 20:35

Diese Oberfläche kann man mit dem Finger oder mit einem Stift berühren“, sagt Heike Krätz vergnügt, „aber bitte nicht mit dem Kugelschreiber, das gibt Kratzer.“ Vier Männer und eine Frau stehen im Halbkreis um einen Fahrkartenautomaten im Bahnhof Köln Messe/Deutz. Frau Krätz, geblümtes Kleid, pedikürte Füße, hochhackige Sandalen, zeigt ihnen eine dreiviertel Stunde lang, wie sie Fahrkarten am Automaten kaufen können. Sie spricht laut und gestikuliert. Wenn sie „das Ticket gilt den ganzen Tag“ sagt, zeichnen ihre Hände einen Kreis.

Im Nahverkehr könne man Tickets nicht im Voraus kaufen, denn die kämen entwertet aus dem Automaten. „Oh ja, da habe ich schon schlimme Erfahrungen gemacht“, sagt Reinhard Zedler, weiße Haare, kariertes Hemd, 73 Jahre alt. Zum Glück hätten sie ihm das Ticket im Reisezentrum umgetauscht. „Als Rentner bin ich in meiner Freizeit öfters mit der Bahn unterwegs und mir unsicher, was den Umgang mit den Automaten betrifft“, sagt er.

Beschwerden über die komplizierten Automaten

„Auch bei den Tarifen, wenn ich etwa mit meinem 60-plus-Ticket mein Fahrrad oder einen ehemaligen Kollegen mitnehmen will.“ Fahrradkarten, Anschlusstickets, Mitnahme von Kindern und Hunden: Die Schulungsteilnehmer treiben spezielle Fragen zum komplexen Tarifsystem um. Und: „Dass man nicht auf Knöpfe drückt, sondern auf den Bildschirm“, sagt Zedler, „da habe ich schon meine Vorbehalte.“

Frau Krätz ermuntert die Teilnehmer: „Einfach mal mutig sein und üben! Möglichst, wenn gerade keine Schlange hinter ihnen ist.“ Der Nahverkehr Rheinland, für den Schienenverkehr in der Region zuständig, hat die Schulung im Zuge eines Vertriebsvertrags mit der Bahn vereinbart, weil es immer wieder Beschwerden über die komplizierten Automaten gab.

„Man muss die Scheu der Leute abbauen, die Angst haben, etwas falsch zu machen“, sagt Holger Klein vom Nahverkehr Rheinland. „Denn das ist unmöglich, weil man den Prozess ja immer abbrechen kann.“ Die Menschen hätten menschliche Ansprechpartner immer noch lieber als Automaten. „Aber das rechnet sich bei kleinen Bahnhöfen nicht.“ Die Schulungen sollten aber nicht die Schließung weiterer Reisenzentren vorbereiten, sagt Klein. Fast 60 Prozent aller Fahrkarten würden inzwischen am Automaten und im Internet gekauft. Das sei leichter, seit die Bedieneroberfläche der Automaten vor einigen Jahren noch mal vereinfacht wurde.

„Man lernt schließlich nie aus“

Früher gab es überall Tickethäuschen, Reinhard Zedler mochte das: „Ich bin froh, dass es in Köln immer noch eins gibt.“ Reginald Konrad sieht das anders: „Im Reisenzentrum zahlt man ja fünf Euro extra fürs Ticket, am Automaten nicht. Und man lernt schließlich nie aus.“ Auch wenn er keinen Computer besitzt und die Technik ihm Respekt einflößt. Er ist 60 Jahre alt, im Vorruhestand und viel mit der Bahn unterwegs, zum Wandern.

Auch wenn es um den Tarifdschungel geht, ist der kleine Mann mit dem forschen rheinischen Singsang lernwillig. „Mein Jobticket geht nur bis Düren. Wenn ich jetzt nach Aachen will, brauche ich ab Düren ein Anschlussticket. Da ist es preiswerter, ein Düren-Tagesticket zu kaufen, als ein NRW-Anschlussticket.“ Das hat er heute herausgefunden. Dafür muss er aber extra in Düren aussteigen. „Ja, das Düren-Ticket können Sie nicht in Köln kaufen.“ Frau Krätz’ Wangen röten sich langsam.

Die Bahn sei nicht verantwortlich für das System

Nicht unbedingt der Automat bereite die Probleme, sagt Holger Klein, sondern das vielschichtige Tarifsystem. „Wir haben schon fünf Tarife und eine Kurzstrecke im Rheinland, dann gibt es noch die NRW-Tickets, den Fernverkehr, die Anschlusstickets – das ist schon kompliziert.“

An den Landesgrenzen wird es noch schwieriger: Fahrräder können etwa in Rheinland-Pfalz kostenlos mitgenommen werden, nicht aber in Nordrhein-Westfalen. Würde man die Tarife und damit die Bedienung der Automaten vereinfachen, fielen Spezialangebote weg, und die Tickets würden teurer, sagt Bahn-Sprecherin Sonja Stötzel. Für die komplizierten Tarife der regionalen Verkehrsverbünde sei die Bahn nicht verantwortlich. Denn seit der Bahnreform von 1994 sind die Länder für den Nahverkehr zuständig.

Eine Dame ist spontan bei der Lerngruppe stehen geblieben. Sie stellt keine Fragen zu den Tarifen, sondern ist ganz auf den Automaten fokussiert. „Wieso muss man auf ,weiter‘ drücken?“ – „Das ist immer für die nächste Seite. Denn der Automat hat viele Fragen an Sie.“ – „Ah.“ – „Noch einmal ,weiter‘, und schon geht es zum Bezahlen.“ – „Ach“, sagt die Dame verblüfft, „das ging aber schnell.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
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