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Bergsteigen

Hans Kammerlanders scharfer Grat

Von Andreas Lesti
 - 07:48

Es herrschte klirrende Kälte in der Antarktis. Hans Kammerlander stieg am 3. Januar 2012 die letzten Meter hinauf zum Gipfel des Mount Tyree. Auf 4852 Meter streckte der Südtiroler Bergsteiger die Arme in die eisige Luft. Er war sich sicher, als erster Mensch die zweithöchsten Berge aller sieben Kontinente bestiegen zu haben. Damit hätte er das Rennen um die „Seven Second Summits“ für sich entschieden und „einmal mehr Alpingeschichte geschrieben“, wie er bald darauf verkündete. Doch Kammerlander war 2010 und 2011 zweimal nicht auf dem richtigen Gipfel - sein Erfolg der sieben Gipfel kann nicht gewertet werden.

Für Profi-Bergsteiger wie den 55 Jahre alten Kammerlander ist es immer schwieriger geworden, sich mit spektakulären Gipfelstürmen zu vermarkten: Die bekanntesten Berge der Welt sind längst bestiegen. So kam man auf die absurd anmutende Besteigungsserie der zweithöchsten Gipfel, die schwieriger zu besteigen sind als die sieben Höchsten. Während der Amerikaner Dick Bass das Projekt „Seven Summits“ bereits im April 1985 vollenden konnte, beißen sich Bergsteiger an den sieben zweithöchsten Gipfeln seit vielen Jahren die Zähne aus. In dem alpinen Wettrennen werden nun die Grenzen der Wahrheit überschritten - ausgerechnet im Alpinismus, wo die Glaubwürdigkeit der Bergsteiger über allem steht. So musste vor zwei Jahren Christian Stangl, ebenfalls ein Anwärter auf die „Seven Second Summits“, eingestehen, dass er, anders als behauptet, nicht auf dem K2 war, dass er sich den Gipfelerfolg „nur eingebildet“ hatte.

Ein Foto im Zentrum des Zweifels

Nun ergeben sich nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch bei Hans Kammerlander, der in seiner Karriere zwölf Achttausender und viele weitere schwierige Gipfel bestiegen hat, erhebliche Zweifel. War Kammerlander wirklich auf dem Gipfel des Mount Logan, eines Bergs im Nordwesten Kanadas? Im Mai 2010 versuchte er gemeinsam mit seinem Südtiroler Bergführerkollegen Konrad Auer, den mit 5959 Meter zweithöchsten Gipfel Nordamerikas zu erklimmen. Sie stiegen bei gutem Wetter auf, erreichten eine Schneekuppe, und Auer machte von Kammerlander ein Foto. Dieses Foto steht nun im Zentrum des Zweifels. Der norwegische Bergsteiger Petter Bjørstad stand am 3. Juni 2009 auf dem Gipfel des Mount Logan und hat das auf seiner Homepage dokumentiert: „Der Hauptgipfel ist ein sehr scharfer Grat. Auf dem Gipfel steht eine Eisaxt, die jemand vor vielen Jahren dort oben gelassen hat. Ein Markierungspunkt, der trotz Wind und Wetter noch lange präsent und sichtbar sein wird.“ All das ist auf Bjørstads Bildern zu sehen. Und all das ist nicht mit Kammerlanders Gipfelbild vereinbar. (siehe Bilder auf der Homepage von Hans Kammerlander)

„Dieses Foto kann nicht auf dem Gipfel des Mount Logan entstanden sein“, sagt auch Eberhard Jurgalski, ein Bergchronist, der seit über 30 Jahren alle wichtigen Bergbesteigungen verzeichnet und fragliche Fälle prüft. Der Alpinismusexperte verglich das Kammerlander-Foto mit Gipfelbildern anderer Bergsteiger und fand keine Übereinstimmung. „Alle anderen Bilder zeigen einen scharfen Gipfelgrat. Bei Kammerlander ist dagegen ein plateauartiger Abschnitt zu sehen.“ Hinzu käme die alte Eisaxt, die im Schnee steckt und etwa 30 Zentimeter herausragt, mit rotem Schaft, einem Aufkleber und Panzertape umwickelt - ein Wiedererkennungssymbol, das auf fast allen anderen Fotos zu sehen ist. „Ich habe keine Eisaxt gesehen“, sagt Kammerlander, mit den Fragen konfrontiert. „Wenn da eine Eisaxt sein soll, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.“

Die Eisaxt am Gipfel wurde von vielen Bergsteigern vor und nach Kammerlanders Gipfelgang fotografiert. Der Brite Sean James und der Österreicher Christian Stangl waren am 10. Mai 2010 und am 22. Mai 2010 auf dem Gipfel und haben Fotos von der Eisaxt gemacht. Kammerlanders Gipfelgang war am 20. Mai 2010. Christian Stangl, der sich wenige Monate später die K2-Besteigung einbildete, war dann mit Kammerlander in der Antarktis und bezwang mit ihm den Mount Tyree. Jurgalski meint: „Stangl hat am K2 gemogelt, aber am Mount Logan hat er seinen Gipfelgang außergewöhnlich gut dokumentiert.“ Der kanadische Bergführer Rich Prohaska, der den Mount Logan bestens kennt, bestätigt die Präsenz des Eispickels: Auf einem Video aus dem Jahr 2009, das er auf dem Gipfel des Berges drehte, ist er zu sehen. Der amerikanische Bergsteiger Joe Stock fotografierte die Axt im Sommer 2011.

Ein Bild, das überhaupt nichts zeigt

Seit Hans Kammerlander aus der Antarktis zurückgekommen ist, hält er in Deutschland, Österreich und der Schweiz Vorträge mit dem Titel „Seven Second Summits“. Nun beginnt er selbst an seinen Angaben zu zweifeln. „In Nordamerika ist eine kleine Unklarheit entstanden“, sagt er. „Aber wenn das so ist, dann handelt es sich lediglich um eine Verwechslung, nicht um eine Lüge mit böser Absicht.“ Wenn er das bewusst gemacht hätte, so Kammerlander, dann hätte er ein Bild gemacht, das überhaupt nichts zeigt. „Aber in diesem Moment war ich mir hundertprozentig sicher, dass das der richtige Punkt ist.“ Dennoch sind seine eigenen Zweifel so groß, dass er nun, „um alle Fragen zu klären“, zum Mount Logan zurückkehren und dort einen Flug über den Berg unternehmen wird. „Wenn ich dann sehe, dass ich den Gipfel verwechselt habe, dann möchte ich das sofort richtigstellen und werde den richtigen Gipfel besteigen“, sagt er und erzählt das nun auch in seinen Vorträgen. Tatsächlich sollten die Anforderungen des Mount Logan kein Problem darstellen. Der Südtiroler hat immer wieder mit spektakulären Projekten von sich reden gemacht: So bezwang er vor 20 Jahren in 24 Stunden viermal das Matterhorn über alle Grate.

Ist es also möglich, dass Kammerlander sich einfach nur getäuscht hat und unwissentlich auf dem falschen Gipfel stand? Der Mount Logan hat ein flächiges, vergletschertes Gipfelplateau. Im Westen erhebt sich daraus der Westgipfel, 5925 Meter hoch, etwa zwei Kilometer weiter östlich, der Hauptgipfel, nur 34 Meter höher. „Der Mount Logan hat eine Reihe von Gipfeln mit deutlichen Satteln dazwischen“, erklärt Bjørstad. „Von der Normalroute aus ist der Westgipfel einfacher zu erreichen als der Hauptgipfel. Daher gehen einige Expeditionen nicht auf den Haupt-, sondern auf den Westgipfel.“ Jurgalski schlussfolgert daraus: „Kammerlander hat wohl einfach geglaubt, dass er auf dem Hauptgipfel war.“ Doch für gewöhnlich wird eine solche Expedition genau geplant, es gibt Karten, Routen, Foren im Netz. Kammerlander gilt zwar als etwas nachlässig, als Lebemensch, der nicht zu viel Zeit mit großen Vorbereitungen verschwendet. Doch auch sein Seilpartner Konrad Auer, ein ausgebildeter Bergführer, müsste sich getäuscht haben. „Wir hatten keine topographische Karte dabei, nur eine grobe Skizze“, sagt Auer nun. „Das ist schon komisch. Da soll wirklich eine Eisaxt sein? Wir haben nichts gesehen.“

Theoretisch den höchsten Punkt verpasst

Weitere Fragen ergeben sich bei einem zweiten von Kammerlanders „Seven Second Summits“. Der Puncak Trikora, ein Berg in Indonesien, den Kammerlander im April 2011 bestiegen hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der zweithöchste Berg Ozeaniens. Im englischen Wikipedia wird der Puncak Mandala seit Jahren als zweithöchster Berg Ozeaniens gelistet. Und Eberhard Jurgalski kann mit SRTM-Messungen (Shuttle Radar Topography Mission) belegen, dass dieser Berg etwa 30 Meter höher ist. Bereits im Jahr 2000 hatte die Nasa vom Spaceshuttle „Endeavour“ neue Höheninformationen geliefert - bis dahin lagen bei einigen Bergen in Ozeanien nur ungenaue Höhenangaben vor. Tom Farr, bei der Nasa in der „Earth and Space Sciences Division“ tätig, schickt die entsprechenden Höhendaten: Mandala: 4737 Meter, Trikora: 4711 Meter. Farr schränkt jedoch ein: „Durch die Feldmessung könnte der höchste Punkt in beiden Fällen theoretisch auch verpasst worden sein.“ Jurgalski ist sich sicher, dass die Puncak Mandala der „Second Summit“ Ozeaniens ist. „Wenn Kammerlander eine offizielle Besteigungsserie beenden will, dann sollte er sich vorher genau über die Höhendaten informieren“, sagt Jurgalski.

Kammerlander bezieht sich dagegen auf das indonesische Tourismusministerium, bei dem er seine Informationen angefordert habe. Er wirkt tatsächlich so, als hätte er nie von einem Berg namens Puncak Mandala gehört. Leicht resigniert sagt er: „Dann war ich da also auch auf dem falschen Gipfel. Aber mit so lächerlichen Sachen spiele ich nicht rum. Deswegen fahre ich da nicht auch noch mal hin.“

Extremwanderung
36 Stunden Hans Kammerlander
Quelle: F.A.Z.
Andreas Lesti
Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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