Christina Ricci

Hier sitzt sie, die Kaiserin

Von Daniel Haas
 - 19:24
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Sie trippelt durch den Raum. Darf man das so schreiben? Klingt das nicht ungemein inkorrekt, herablassend? „Ziemlich kühl hier“, erklärt Christina Ricci, steht auf und - man muss es einfach so sagen - sie trippelt. Kleine, regelrecht winzige Schritte auf hohen Pumps, hin zur Klimaanlage.

Ihr ist kalt, klar, sie hat Jetlag. New York, Paris, London, jetzt Berlin. Die Promotion-Tour für ihren neuen Film „Bel Ami“, der am Donnerstag in Deutschland startet. Und sie bewegt sich, wie sich zierliche Menschen eben bewegen, wenn sie hochhackige Schuhe tragen. 1,55 Meter ist sie groß. Man könnte sie im Flugzeug im Kofferfach verstauen.

„Ich sah aus wie ein Mordopfer. Was für ein Spaß!“

Genau das ist auch passiert: Bei den Dreharbeiten zur Fernsehserie „Pan Am“, in der sie eine Stewardess spielt, hat sie ein Fotoprojekt begonnen, einfach aus Langeweile. In ihren Drehpausen posierte sie als Leiche, legte sich ins Cockpit oder zwischen die Sitze und ließ sich von einer Kollegin ablichten. Schließlich durfte sie sogar in die Ablage klettern. „Ich sah aus wie ein Mordopfer, das man nachlässig entsorgt hat. Was für ein Spaß!“

Ein Spaß und genau das, was man von Ricci erst mal erwartet: Sie ist die Kleine mit dem großen Faible fürs Absurde. Um mit acht der Star des Schultheaters zu werden, soll sie den Jungen, der für eine Hauptrolle vorgesehen war, so lange gepiesackt haben, bis der ihr eine knallte. „Danach musste er den Part an mich abtreten!“ Auch so ein Spaß, ein früher, aber bereits stilprägender.

Und dann die Filme: In der „Addams Family“ war sie das morbide Töchterchen, das den jüngeren Bruder auf einen elektrischen Stuhl schnallte und sagte: „Wir spielen jetzt ,Gibt es einen Gott?’“ In „The Opposite of Sex“ verführte sie den Freund ihres schwulen Halbbruders und stürzte die ganze Familie ins Chaos. In „Monster“ gab sie die lesbische Geliebte einer Serienkillerin, und das auf so abgründige Weise, dass man am Ende nicht wusste, wer deformierter ist: die Schwerverbrecherin oder ihre hintertriebene Lolita.

Ricci hat jetzt Platz genommen, hebelt die Beine in den Schneidersitz und verwandelt den Hotelstuhl in einen Miniaturthron. Dunkelblaues Top, rote Jacke, ihr Outfit wirkt auf sehr schicke, sehr betonte Weise offiziell. Das Gesicht blass mit rotglühenden Lippen, gerahmt von kohledunklem Haar. Der Pony muss frisch geschnitten sein, eine scharfe schwarze Kante über der legendären Kuppelstirn. Dass Angelina Jolie demnächst Kleopatra spielen soll, erscheint in diesem Moment vollkommen abwegig. Hier sitzt sie doch, die Kaiserin einer sagenumwobenen Epoche. Was denken sich diese HollywoodTypen mit ihrer Besetzungspolitik eigentlich?

„Nymphomaninnen gibt es nicht.“

Ricci schaut streng, als ob sie die Gedanken ihres Gegenübers erraten hätte. Sie weiß selbst, wie man an gute Rollen kommt. Deshalb spricht man sie auf „Blake Snake Moan“ an, ihre bislang vielleicht größte Leistung. An der Seite von Samuel L. Jackson spielte sie eine White-Trash-Göre, die sich mit Alkohol und Sex an den Abgrund manövriert. Das hat Ihr Image stark geprägt, nicht wahr? Diese nymphomanen Charaktere, siehe auch „The Opposite of Sex“?

“Nymphomaninnen gibt es nicht“, unterbricht sie scharf. „Nur traumatisierte Opfer von sexueller Gewalt.“ Ricci schaut jetzt noch strenger, richtet sich auf, strafft die Schultern. Ganz klar ein Fehler: Man soll einer Künstlerin, auch wenn sie offen mit ihrem Image als Fachkraft fürs Dysfunktionale umgeht, keine ironische Haltung zu brisanten Themen unterstellen. Andererseits: War sie nicht als satirische Jungfrau Maria in einem Moby-Video aufgetreten? Hatte sie nicht eine Produktionsfirma namens „Blaspheme“ gegründet? Und war sie nicht das Mädchen, das im Filmdrama „Der Eissturm“ beim Sex eine Richard-Nixon-Maske trug?

“Nymphomaninnen. Vergessen Sie das Wort“, setzt sie nach, und jetzt müsste man eigentlich über R.A.I.N.N. sprechen, das „Rape Abuse & Incest National Network“. Ricci ist offizielle Sprecherin dieser Hilfsorganisation, die mehr als tausend Einrichtungen für weibliche Opfer sexueller Gewalt unterhält. Aber die Zeit saust davon, und es soll ja auch um „Bel Ami“ gehen, den Film über einen mittellosen Schönling, der im Paris der Belle Epoque einflussreiche Frauen erobert. „Twilight“-Star Robert Pattinson spielt diesen Parvenü, und Ricci ist Clotilde, eine seiner drei Geliebten. Die anderen werden von Uma Thurman und Kristin Scott Thomas verkörpert.

„Er ist ein großer Verführer.“

Warum verfällt Clotilde einem Aufschneider wie Duroy? „Sie ist wie ein Teenager, der zum ersten Mal Liebeskummer erlebt.“ Ricci sitzt nach wie vor aufrecht, aber ihr Ton ist milder geworden. „Sie war eigentlich recht glücklich, und auf einmal empfindet sie enormen Schmerz. Es ist spannend, eine Figur zu gestalten, die plötzlich Gefühle hat, die sie noch nicht einmal richtig identifizieren kann.“

Das klingt wie eine Umkehrung ihrer eigenen Vita mit den Mitteln des Kinos. Die Wirrungen der Adoleszenz, damit kennt sie sich aus: Jugend im Haus eines Urschreitherapeuten, der ausgerechnet neben dem Kinderzimmer seine Klientel empfing. Frühe Eskapaden inklusive Koketterie mit allem, was weh tut: exzentrische Tattoos (Fledermaus auf dem Bauch), Selbstverletzung, Essstörungen, Phobien (angeblich vor Pflanzen).

“Kein Wunder, dass es für mich so viel schwerer ist, eine Durchschnittsfrau zu spielen“, sagt sie, als sei ihr gerade ein dramaturgisches Muster aufgegangen. Tatsächlich ist der Darsteller nicht von seinem Material, also seiner Lebenserfahrung und seiner Erscheinung, zu trennen. Und selbst im Wechsel der Rollen wird ein vorherrschender Typus deutlich: Uma Thurman - die Emanzipierte. Kristin Scott Thomas - die Elegante. Christina Ricci - die Schräge? Oder die extrem Wandelbare? Sie hat ein Tattoo, das lautet „Move or bleed“, beweg dich oder blute. Die Kulissenschieber am Set rufen das, damit man Platz macht. Vielleicht ist es ja das: sich weiter bewegen oder Schaden nehmen. Wegkommen mithin vom Image des neurotischen Indie-Girls, das Hipster im Kinodunkel anhimmeln können.

„Das passiert doch heute mit Frauen und Männern.“

Also Clotilde. Ist sie eine Durchschnittsfrau? „Ja“, sagt Ricci. „In dem Sinne, dass sie nicht akzeptiert, dass dieser Mann wirklich so korrupt ist, so gehässig. Sie denkt, wenn ich ihn liebe, wird er sich bessern.“ Aber Duroy bessert sich nicht. Er umgarnt neben Clotide auch die Frau eines mächtigen Chefredakteurs, dann die Gattin des Verlegers und am Ende sogar dessen Tochter. „Er ist ein großer Verführer.“ Ricci benutzt das englische Wort „seductress“ für Verführerin. Man weiß nicht, ob es Absicht ist, aber es passt: Bel Ami ist tatsächlich ein neuer Typus Mann, einer, der seine feminine Seite brutal instrumentalisiert und damit perfekt in die Gesellschaft des aufziehenden Kapitalismus passt, wo Gefühle zu Waren verkommen.

Schafft das eine gewisse Genugtuung: dass ein Mann auf sein Aussehen reduziert wird?

“Das passiert doch heute Frauen und Männern!“ Ricci winkt ab, als habe man sie vom Sinn einer Männerquote in Hollywood überzeugen wollen. „Entscheidend ist: Duroy ist gerissen genug, das auszunutzen. Er gibt allen, was sie brauchen oder glauben zu brauchen.“

Zeichnet diese Fähigkeit nicht auch den Schauspieler aus? Unsere Projektionen zu bestätigen? Im Fall von Christina Ricci war das lange die Idee der postmodernen Nymphe, die mal schutzbedürftig, mal gewalttätig, aber immer unangepasst und aufmüpfig war.

Doch es gibt kein Recht auf ein Charakter-Abo bei einer Darstellerin. Bewegen oder bluten, das gilt für Schauspieler - und es gilt fürs Publikum. Wir müssen uns verabschieden vom neurotischen Biest und uns an die neue Christina Ricci gewöhnen.

In „Bel Ami“ spielt sie eine ihrem Alter vollkommen gemäße Frau mit einer sehr bürgerlichen, das heißt hier: zwiespältigen Moral. „Die Figur muss von Empfindungen bestimmt sein, die ich selten oder gar nicht habe“, erklärt die Künstlerin. Es klingt gar nicht nach exzentrischer Selbststilisierung, sondern nüchtern, professionell. Mehr ist nicht zu sagen.

Die Interviewzeit ist vorbei. Im Raum ist es angenehm frisch.

Quelle: F.A.S.
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