<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Video des Weißen Hauses

Ein Filmchen für den Diktator

Von Maria Wiesner
 - 14:05

Als dieses Video der Weltpresse in Singapur gezeigt wird, denken die meisten Reporter, sie sehen nordkoreanische Propaganda. Dann erscheint Donald Trump und verkündet stolz, das Weiße Haus habe den vierminütigen Clip, Trailer eines fiktiven Spielfilms über das Treffen zwischen Trump und Kim, produzieren lassen. Auf einem Ipad habe er ihn vor dem Beginn der Gespräche Kim Jong-un gezeigt. Die Nordkoreaner seien begeistert gewesen.

Kein Wunder, man ist astreine Propagandastreifen ja aus heimischer Produktion gewohnt. Was Trump hier zeigte, könnte sich an den Schriften des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il orientieren. „Das Kino nimmt einen wichtigen Platz in der Gesamtentwicklung von Kunst und Literatur ein“, schrieb dieser 1987 in seinem Essay „Das Kino und die Regie“ und unterstrich darin die Rolle des Films als mächtige ideologische Waffen für die Revolution und den Aufbau der Nation. Kim Jong-il liebte das Kino, besaß eine große Sammlung Videokassetten, die von Hollywood-Streifen bis zu asiatischen Genrefilmen reichten. Sein Sohn Kim Jong-un hat zwar nicht die Film-Leidenschaft des Vaters geerbt, dürfte über die Techniken des Propagandafilms jedoch hinreichend unterrichtet sein.

Video starten

Video für KimSchicksalsbilder für den Diktator

„Ein Film mit einer unordentlichen Handlung kann das Publikum nicht erreichen und seine emotionale Reaktion beeinflussen“, schrieb Kim Jong-il. Das Filmchen des Weißen Hauses hat das berücksichtigt. Der Narrativ ist so einfach wie nur möglich gehalten. Über Archivaufnahmen gibt eine sonore Erzählerstimme Weisheiten wie folgende von sich: „Geschichte scheint sich zu wiederholen, doch das muss nicht sein“ oder „Die Vergangenheit muss nicht die Zukunft sein. Aus der Dunkelheit kann Licht entstehen und das Licht der Hoffnung scheint hell“ sowie „Es kommt eine Zeit, in der nur einige Auserwählte etwas ändern können.“ Zur letzten Aussage werden Bilder von Trump und Kim gezeigt. Man muss froh sein, dass man in Amerika wohl den Anschein des Seriösen wahren wollte und Kims Kopf nicht in eine Matrix-Szene auf Neos Körper montiert hat. Doch auch so ist jedem klar, wer hier die Auserwählten sein sollen.

Und in dem Ton geht es weiter: „Eine neue Geschichte, ein neuer Anfang.“ Dazu zwei Nachrichtenbilder im Splitscreen: Trump mit erhobenem Daumen, Kim winkend vor hunderten klatschenden Soldaten. Dass der Präsident Amerikas hier mit dem Diktator eines oppressiven Regimes auf Augenhöhe gezeigt wird, geschenkt. Der Erzähler setzt zum vorläufigen Höhepunkt an: „Zwei Männer, zwei Führer, ein Schicksal.“ Dazu gibt es Archivmaterial der Erde aus dem All mit aufgehender Sonne.

Zu viel Klischee? Noch lange nicht. Denn nun malt der Erzähler die beiden Varianten einer Zukunft. Die erste als Rückschritt in die Vergangenheit. In schwarzweißen Bildern fliegen Raketen, starten Kampfflugzeuge von Flugzeugträgern und dümpeln öde Felder vor sich hin. Ein Supermarkt mit leeren Regalen schließt das triste Szenario ab, dass die Schilder darüber in Spanisch sind, muss dem Cutter bei der Bearbeitung der Archivaufnahmen entgangen sein. Dafür legt man sich mit der positiven Zukunftsvariante – nun wieder in strahlender Farbe – richtig ins Zeug und schreckt auch vor weißen Pferden, die bei Sonnenaufgang durchs Wassers laufen, nicht zurück. Das Video sei für ein „Ein-Mann-Publikum“ gedreht worden, heißt es später vor der Presse. Und weil man weiß, dass Kim Jong-un Basketball mag, darf eine Aufnahme eines schwarzen Spielers, der einen Ball im Flug in den Korb taucht, nicht fehlen. Einen Sinn im Narrativ muss das nicht haben, Hauptsache dem Ein-Mann-Publikum gefällt's.

Mit simpelsten Mitteln und dicker vorwärtsdrängender Musik wird hier Pathos erzeugt. In Bild und Ton erinnert das Werk mitunter an eine Immobilienkampagne, soweit liegen die Mittel von Werbe- und Propagandavideo nicht auseinander. Im Teil mit der positiven Zukunft sind sogar einmal Hotels in Miami Beach zu sehen. Und tatsächlich schwärmt Trump bei der Pressekonferenz auch von den tollen Stränden Nordkoreas, die sehe man ja immer, wenn sie dort ihre Kanonen abschießen, an denen könne man doch ganz hervorragend Hotels bauen.

Für das Video hatte man sich im Weißen Haus ein eigenes Produktionslabel einfallen lassen. „A Destiny Pictures Production“ steht in großen Buchstaben ganz Hollywood-like zu Beginn des Films. Schicksalsbilder zu produzieren war ja auch die Aufgabe des Clips. Nur hatte man vergessen, vorab zu prüfen, ob es eine Firma gleichen Namens bereits gibt. „Destiny Pictures“ sitzt in Los Angeles und produziert Independentfilme. Produzent Mark Castaldo muss nun seit der Pressekonferenz in Singapur klarstellen, dass er nichts mit diesem Film zu tun hat: „Propaganda und all das Zeug, daran würden wir uns nie beteiligen.“

Die amerikanischen Medien reagierten zunächst mit Unglauben auf die Aktion des Weißen Hauses. Dem folgte der Spott. Die „New York Times“ schnitt aus dem Archivmaterial des Trump-Filmchens eine eigene Variante zusammen, in der sie Trumps Aussagen während der Pressekonferenz mit dem Bildmaterial des Clips unterlegt und die Archiv-Aufnahmen mit ironischem Ton hinterfragt.

Eine Reaktion des Präsidenten gab es auf die Neubearbeitung der „New York Times“ noch nicht. Sein eigener Clip habe ihm gefallen, sagte Trump in Singapur. Kein Wunder, wer auch immer ihn produziert hat, gab sich Mühe das wichtigste Element nicht zu vergessen: Am liebsten sieht Donald Trump sich selbst. Wer seinen eigenen Namen in meterhohen goldenen Buchstaben an ein Hochhaus schrauben lässt, will auch bei Atomverhandlungen nicht zu kurz kommen. Die Bilder zeigen ihn selbstsicher wie er sich wohl noch aus seiner Reality-Show „The Apprentice“ sieht, mehr Geschäftsmann als Präsident, mehr Fernseh-Star als Diplomat. Und Kim ist Co-Star dieser Reality-Show, das zeigt der Clip. In einer Szene überblicken beide Männer auf den Bildschirmen der Häuserfassaden am Times Square New York. Trump links, Kim rechts, er winkt und schaut auf die Amerikaner herab. Dass der Diktator von dieser Bildsprache begeistert gewesen sein soll, glaubt man leicht. Das Video zeigt aber auch, welches Bild Trump von seiner Politik hat: Der Auftritt in Singapur war nur eine weitere Episode seiner neuen Reality-Show.

Quelle: FAZ.NET
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDonald TrumpKim Jong-unSingapurWeißes HausNordkorea