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Rußland in Deutschland

„Wir sind tipptopp vorbereitet“

Von Tim Niendorf, Russland
 - 07:23
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Rußland und Amerika sind nur 2000 Meter voneinander entfernt, Luftlinie. Dazwischen liegt Einöde. Weide, grasende Kühe in der sengenden Hitze. Und der Mickenbarger Weg, die Pufferzone mit der Zollschranke. Eine Art neutrale Zone, wie ein Bewohner sagt. Doch eins nach dem anderen.

Russland und Amerika – auf der Weltkarte sind das zwei Weltmächte, die sich vor allem im Kalten Krieg bedrohlich nahe kamen. Es sind aber auch die Namen zweier Ortsteile in der beschaulichen Gemeinde Friedeburg in Ostfriesland. Da wäre also Rußland, ein Quadratkilometer groß, 250 Einwohner, drei Straßen: Hermannslust, Industriestraße, Rußlandweg. Eine Handvoll mittelständischer Unternehmen hat sich hier angesiedelt, darunter ein Spirituosenhersteller, der Wodka von Rußland aus bis nach Russland vertreibt.

Früher gab es hier auch einen Kiosk, einen Gasthof gar, doch beides ist längst passé. Von Zeit zu Zeit radelt ein Einwohner den Rußlandweg entlang, an Klinkerbauten vorbei. „Moin“, grüßt er dann kopfnickend. Freundlich sind sie ja, die Russen. Sonst passiert hier wenig. Um 15 Uhr knattert ein Traktor die Straße entlang, um 15.13 Uhr fällt ein Blatt vom Baum, um 18.23 Uhr kräht ein Hahn, gleich zwei Mal kräftig. So sind sie hier, die Tage.

Nimmt man Moskau als Fixpunkt, trennen Rußland und Russland 1922 Kilometer – und seit der Rechtschreibreform von 1996 kommt auch noch ein Eszett dazu. Wie ist der Name entstanden? Wir fragen Renke Siefken, 75 Jahre alt, heisere Stimme, Matrosen-Schlupfjacke und eine vom Alter gezeichnete Elbsegler-Mütze auf dem Kopf. Seit 20 Jahren ist er als Gästeführer unterwegs, führt Touristen von Rußland nach Amerika. Seit kurzem steht am Ortsschild eine brusthohe Matrjoschka aus Holz, geschnitzt von einem Bildhauer aus Friedeburg. Das erste Zeichen, dass die Fußball-Weltmeisterschaft bald losgeht. In Rußland wie in Russland.

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So viel Rummel gab es in Rußland noch nie

Es gebe drei Theorien für die Namensgebung, sagt Siefken. Die eine besagt, dass hier vor 100 Jahren ein armer Bauer lebte, der einem Russen glich. Die zweite, dass es hier so aussah, wie sich die Siedler Russland damals vorstellten – wie eine Einöde eben. Die dritte Theorie, und die hält Siefken für am wahrscheinlichsten, lautet: Im 19. Jahrhundert wurde aus gerodeten Eichen-Buchen-Mischwäldern Kohle gewonnen. Ein örtlicher Köhler, auch Rußer genannt, bewohnte hier eine Köhlerhütte. Er könnte dem Ort seinen Namen gegeben haben.

Wegen der Fußball-WM steht der Friedeburger Ortsteil Rußland nun ein paar Wochen lang im öffentlichen Fokus. Das ARD-„Morgenmagazin“ sendet während des Turniers von hier, genauer gesagt von einem kleinen See, der einem Privatmann gehört und hinter einem Zaun versteckt liegt. Die Band Madsen und die Höhner werden kommen. Olaf Thon, Fußball-Weltmeister von 1990, und Mike Büskens, ehemaliger Bundesliga-Profi für Schalke 04, sind als Experten eingeladen. So viel Rummel ist Rußland noch nie zuteilgeworden. Das soll auch mehr Touristen in den Ort locken. In den kommenden Wochen wird die Welt nicht nur in Russland zu Gast sein – sondern auch in Rußland.

Der NDR war schon an diesem Morgen da. Siefken ist von den Dreharbeiten erschöpft, er geht deshalb heute nicht zu Fuß, sondern fährt mit dem Bulli nach Amerika. Nach wenigen Minuten dort bricht er schon wieder auf nach Hause. Wird er sich die Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt anschauen, wo Russland doch diesmal Gastgeber ist? Nein, sagt er. „Fußball interessiert mich nicht die Bohne. Ob da Fußball gespielt wird, in China ein Sack Reis umfällt oder in Hamburg auf der Reeperbahn ’ne Bockwurst aufplatzt – dat ist mir schittegal.“

Amerika hat 50 Einwohner, immerhin zwei Quadratkilometer Fläche, dafür aber nur eine Straße. Den Namen bekam der Ort vermutlich, weil einstige Bewohner in die Vereinigten Staaten auswandern wollten, was aber an Geldmangel scheiterte. Anders als in Rußland und Russland rollt in Amerika schon der Ball: Eine Altherrengruppe hat sich auf der Heseler Straße zum Training getroffen. Der KBV Friedeburg, ein Traditionsverein. Der Ball ist allerdings kein Fußball, sondern eine Boßelkugel, welche die Spieler mit ordentlich Schwung und großem Gejohle in die Ferne schleudern. Ziel ist es, die Kugel weiter zu werfen als der Gegner. Adolf Brand, 77 Jahre alt, graue Haare, blaues Shirt, lässige Adidas-Sporthose, nimmt Anlauf. Sieben lange Schritte, zwei kurze, wieder drei lange: Wusch! „Super“, ruft ein Mitspieler. „Ja, besser geht’s nicht“, sagt Brand. „Die läuft sich tot.“ Die Ronaldos und Messis dieser Welt müssten sich da schon sehr anstrengen, um mitzuhalten.

„Hier hält man zusammen“

Ohne Gästeführer geht es dann also auf den Weg zurück nach Rußland, durch das Grenzgebiet, die neutrale Zone, den Mickenbarger Weg. „Barg“, das kommt von Berg, hatte Siefken zuvor noch erklärt. Es handelt sich um eine Anhöhe von etwa sechs Metern. Um das zu erkennen, braucht man aber schon ein geübtes ostfriesisches Auge.

Am Wegesrand kläfft Hobbit, ein kleiner Möchtegern-Wachhund. Mathilde Diekmann steht vor ihrem Haus, dessen Garten mit einer Schnur voller Papierfußbällen dekoriert ist. Auch bei den Nachbarn entlang des Wegs ist Fußball-Schmuck zu sehen, darunter eine Matrjoschka mit Cowboyhut. Auf der Hälfte des Wegs nach Rußland steht ein Schlagbaum, aufgestellt von „Johnny“ Schuster, einem braungebrannten Mann mit Militärhose und grauem Walrossbart. Schuster hat den Schlagbaum selbst angefertigt und händigt Touristen, die den kurzen Wanderweg zwischen Amerika und Rußland meistern, für 1,60 Euro eine Urkunde aus. Diekmanns Fußball-Deko, Schusters Schlagbaum, all das geht zurück auf die Initiative einer Nachbarin, die sich von der Fußballstimmung nebenan in Rußland hat anstecken lassen. „Hier hält man zusammen“, sagt Schuster.

Nachbarschaftliches Gemeinschaftsgefühl ist auch im nur wenige Schritte entfernten Rußland wichtig, sagt Nadine Schmidt, die dort zu Hause ist und den ungewohnten Medientrubel in ihrem Dorf „toll“ findet. „Hier trinken wir gern mal ein Bier über die Hecke“, sagt ihr Mann Jan. „Wir sind tipptopp vorbereitet. Das Bierlager ist voll, wir freuen uns auf die WM.“ Für Russland sind die beiden aber nicht. Auch einer ihrer Nachbarn, Ralf Janßen, winkt ab. „Russland?“, fragt er. „Die scheiden in der Vorrunde aus.“

Auch wenn Janßen nicht so recht an die erfolgreiche Titelverteidigung der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw glauben will, drückt er Deutschland die Daumen. Dafür hat sich der Klempner aus Rohren eigens eine meterlange Deutschland-Vuvuzela gebastelt. Sie klingt wie ein verschnupfter Elefant.

Ein bisschen Lokalpatriotismus steckt aber doch in den Menschen in Rußland. Jedes Jahr im August, sagt Jan Schmidt, treten drei von ihnen gegen Konkurrenten aus Amerika zum Fischerstechen an. Beide Teams versuchen dann, sich mit einem verlängerten Toilettenpümpel auf dem Ems-Jade-Kanal vom Boot zu stoßen. „Unserer Tochter Jule“, sagt Nadine Schmidt, „haben wir auch schon beigebracht zu sagen, dass sie Rußin ist.“ Mit Eszett.

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Quelle: F.A.Z.
Tim Niendorf
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