Dokumentarfilmerin Bettina Renner

Ein Sioux in Sachsen

Von Stefan Locke, Dresden
 - 17:13
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Nein, Karl May hat mit dieser Geschichte ausnahmsweise einmal nichts zu tun, obwohl sie ihren Ursprung vor gut 100 Jahren hat. Doch geht es hier um einen „echten“ Indianer: Sioux-Häuptling Edward Two Two lebte von 1851 bis 1914, so jedenfalls steht es auf seinem Grabstein mitten auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden und darunter in Lakota-Sprache die Inschrift „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“. Es ist ein schlichtes, in Sandstein eingefasstes und mit Grün überwuchertes Grab, in dem - mit Sondergenehmigung des Friedhofs - eine kleine amerikanische Flagge steckt.

Auf diese wurde die Regisseurin Bettina Renner aufmerksam, als sie 2007 auf dem Friedhof einen Film drehte. Die Siebenunddreißigjährige, die in Dresden und Ohio Amerikanistik studiert und einst ihre Magisterarbeit über das Rollenbild der Indianer in indianischen Filmen schrieb, war elektrisiert. Die Frage, warum ein Indianer-Häuptling hier fernab der Heimat und Tradition seines Volks seine letzte Ruhe fand, hielt mehr Antworten bereit, als sie zunächst dachte.

Die Suche führte sie fünf Jahre lang über Akten und Archive bis nach Amerika, ins Pine Ridge Reservat in Süd-Dakota, wo Nachfahren Edward Two Twos leben. Diese wussten, dass es der Wunsch ihres berühmten Urahns war, in Dresden begraben zu werden, aber einfach mal darüber reden wollten sie nicht. „Sie sagten: ‚Es ist unsere Geschichte, und wir entscheiden, wem wir sie erzählen‘“, berichtet Bettina Renner, die erst verdutzt war, aber heute dafür Verständnis hat. „Mir wurde dadurch erst bewusst, wie selbstverständlich wir Autoren uns oft an den Geschichten anderer bedienen.“

Zeit des beginnenden Umbruchs

Mit Bedenkzeit erwärmten sich Two Twos Nachfahren dann doch für die Idee. Gut sechs Wochen lang lebten Bettina Renner und ihr Team schließlich mit in einem Trailer im Reservat, und sie erfuhren dabei nicht nur Two Twos Geschichte, sondern auch, wie sehr das Leben der Indianer in Pine Ridge heute noch dem gleicht, zu dem weiße Siedler ihre Vorfahren, die Ureinwohner Nordamerikas, vor gut 100 Jahren zwangen: In eine vom Staat abhängige Existenz und einen ständigen Kampf um Land.

Edward Two Two wurde in der Zeit des beginnenden Umbruchs in der Prärie geboren. Er gehörte zu den Oglala, einem Stamm der Lakota Sioux, die in den Weiten des mittleren Westens zu Hause war. Die Männer, Krieger, beschützten und ernährten ihr Volk, das nicht sesshaft in Tipis und von Büffeln lebte. Der Zug der weißen Siedler nach Westen und erste Goldfunde aber schränkten das Stammesgebiet der Indianer so sehr ein, dass sie kämpften, unterlagen und verfolgt wurden. Diese Zeit prägte auch Two Two, dessen Familienname ursprünglich Nupalla lautete, was in der Sprache der Lakota soviel wie „Einer von zwei“ bedeutet, und den die Weißen bei der Registrierung, als sie die Indianer in Reservate zwangen, profan ins Englische übertrugen.

Two Two, dem seine Vorfahren den Stolz als Krieger und Ernährer vermittelt hatten, versuchte das ihm verordnete sesshafte Leben anzunehmen; er wurde Soldat und diente in der Reservatspolizei, aber glücklich machte ihn das nicht. Einmal in der Woche, am „Ration Day“ ließ die Regierung Lebensmittel ausgeben, die Indianer mussten nun in Hütten statt Zelten leben und Englisch sprechen. Lakota, ihre Sprache, war verboten. Die Folgen der radikalen und rapiden Umstellung und Umerziehung ertränkten viele Sioux in Alkohol, der auch heute trotz oder gerade wegen des strikten Verbots durch die indianische Selbstverwaltung noch immer zu den Hauptproblemen im Reservat zählt. Wer alkoholisiert erwischt wird, muss für acht Stunden in Arrest; im vergangenen Jahr etwa traf das rund die Hälfte der knapp 30.000 Einwohner.

Die Chance, der zu sein, der er war

Two Two aber versuchte, seine Würde zu wahren, und das brachte ihm unverhofft eine Reise nach Europa ein. Im Gegensatz zu Amerika hatten jenseits des Atlantiks Ende des vorletzten Jahrhunderts idealisierte und romantische Vorstellungen vom freien und wilden indianischen Leben Konjunktur. Da jedoch die wenigsten selbst reisen konnten, brachten pfiffige Geschäftsleute kurzerhand auch Indianer nach Europa. Legendär waren die Völkerschauen des Hamburger Zoos Hagenbeck, der eines Tages auch einen Abgesandten nach Pine Ridge schickte, um Lakota Sioux für eine Schau zu requirieren. Das katastrophale Lager-Leben aber entsprach nicht seinem Bild vom Indianertum, nur wenige Bewohner kamen für ihn überhaupt in Frage, unter ihnen auch Two Two, der so mit Frau und Enkelin 1910 erstmals nach Deutschland gelangte, wo sie aus einem extra angelegten Fundus mit Indianerkleidung und Federschmuck ausgestattet wurden.

Die Verträge bestimmten, dass die Indianer auf und abseits der Bühne im Kostüm sich selbst spielten und in Tipis wohnten. Die Schau war eine Sensation. „Für Edward Two Two war das trotz aller Inszenierung fernab seiner Heimat die Chance, der zu sein, der er war: ein Lakota Sioux“, sagt Bettina Renner. „Nach seiner Rückkehr wollte er deshalb schnellstens wieder nach Deutschland.“ Die Chance ergab sich, als der Dresdner Zirkus Sarrasani nach dem Vorbild des weißen Amerikaners William Frederick Cody, genannt Buffalo Bill, Wild-West-Shows ins Programm nahm - rasante Aufführungen und eine Art Vorläufer der späteren Westernfilme, in denen Indianer Postkutschen überfallen und schließlich im Kampf den Weißen unterliegen.

So kam Edward Two Two im Jahr darauf nach Dresden, wo er kurzerhand zum Häuptling ernannt wurde und als Zirkusnummer durch Deutschland zog. Bettina Renner fand bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dieser Zeit, auf denen er erhaben, mit prachtvollem Federschmuck und begleitet von Jubelrufen des Publikums durch das Dresdner Zentrum reitet, und nicht nur das: Im Bundesarchiv entdeckte sie Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Jahr 1913, in dem sich Cowboys und Indianer eine Verfolgungsjagd durch einen Dresdner Birkenwald liefern. Die Szenen wurden während der Umbau-Pause im Zirkus gezeigt; sie sind quasi der erste deutsche Western.

Die Illusion des Publikums

Two Two mit seiner mächtigen Statur und gegerbtem Gesicht avancierte zum der Star der Inszenierung. Als er 1914 ein drittes Mal in Deutschland ist, wieder bei Sarrasani, setzt ihm der Stress des Herumreisens allerdings so zu, dass er schwer erkrankt und Ende Juli auf der Tournee in Essen stirbt. Die Todesanzeige in den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ erscheint am gleichen Tag wie der Aufruf zur Mobilmachung. Seine Frau Helena und seine Tochter fliehen mit einem Zirkus-Mitarbeiter nach England und reisen von dort zurück in die Vereinigten Staaten. Tote Indianer müssen laut Vertrag der Showveranstalter ebenfalls nach Amerika überführt werden, doch der Zinksarg mit Two Twos Leichnam wird drei Tage später mit der Eisenbahn nach Dresden überstellt und beigesetzt.

In Dresden begraben zu werden, war Edward Two Twos ausdrücklicher Wunsch, obwohl die Lakota eine sehr enge Bindung zum Land ihrer Vorfahren haben. Im National-Archiv in Washington D.C. fand Bettina Renner das Original-Dokument mit seinem letzten Willen, beglaubigt von Frau und Tochter gegenüber einem amerikanischen Konsul in Essen. Two Two hatte in Dresden bereitwillig die Illusion des Publikums bedient, und damit auch seine eigene: Hier war er wieder ein anerkannter Indianer, wenn auch nur in einem Zirkus, und wohl deshalb wollte er auch hier begraben werden.

Der Grabstein wurde erst 1926 aufgestellt, vermutlich von Sarrasani, der von jenem Jahr an mit Verweis auf die Ruhestätte des berühmten „Häuptlings“ für eine Neuauflage seiner Indianershows warb, die noch bis 1937 liefen und an denen Witwe und Tochter Two Twos anfangs abermals teilnahmen. Später geriet das Grab in Vergessenheit; im Jahr 2000 übernahm es der Dresdner Hartmut Rietschel und bewahrte es so vor der Einebnung - ebenso wie ein Grab in Emden, wo ein weiterer Sarrasani-Indianer, der 1932 starb, seine letzte Ruhe fand. „So bleibt es im Bewusstsein der Leute, dass es so etwas einmal gab“, sagt Rietschel. In den neunziger Jahren besuchten einige Nachfahren Two Twos Dresden, seine Enkelin aber starb 1990, ohne je wieder am Grab gewesen zu sein.

Eine Reise nach Europa ist für die Familie unerschwinglich; die meisten Indianer in Pine Ridge leben von staatlicher Unterstützung, genauso wie viele Weiße, die um das Reservat herum wohnen. „Fast alle dort sind sehr arm, und der Rassismus in der Gegend ist extrem“, erzählt Bettina Renner. Gut 80 Prozent der Reservats-Bewohner sind arbeitslos, die Suizidrate vor allem bei Jugendlichen ist vier Mal so hoch wie im Rest des Landes und die Lebenserwartung liegt bei kaum 50Jahren. So hat sich seit dem Tod Edward Two Twos an der Lage der Indianer praktisch nichts geändert, jedenfalls genauso wenig wie am noch immer verklärten Bild vom stolzen Indianertum in Deutschland, was dann wohl doch auch mit Karl May zu tun hat.

Bettina Renners Dokumentarfilm „Begrabt mein Herz in Dresden“ hatte soeben im Programmkino Ost in Dresden Premiere. Er ist in ausgewählten Kinos und im Herbst bei Arte zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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