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„Eurovision Song Contest“

Ein Lob-Lied

Von Peter-Philipp Schmitt, Baku
 - 17:15
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In der Kristallhalle in Baku wird Deutsch gesprochen - vor allem hinter den Kulissen. Brainpool, das Fernsehproduktionsunternehmen aus Köln, führt auch in der Hauptstadt von Aserbaidschan Regie. Zumindest wenn es um den „Eurovision Song Contest“ (ESC) geht. Warum auch nicht? Immerhin war Düsseldorf im vergangenen Jahr ein sensationeller Erfolg - für das Finale 2011 wurde Brainpool erst vor wenigen Tagen mit einer Rose D’Or in der Kategorie „Live Event Show“ ausgezeichnet. Und so bekam Brainpool den Auftrag vom aserbaidschanischen Staatsfernsehen Ictimai TV. Rund 800 Mitarbeiter sind vom Rhein ans Kaspische Meer gekommen, zwei Sonderzüge brachten 100 Container Material nach Baku.

Ohne deutsche Unterstützung gäbe es diesen ESC wohl nicht. Für Roman Lob ist das ein kleiner Heimvorteil. Englisch liegt ihm nicht so, und so kann er sich auf ein eingespieltes Team verlassen, auf Bekannte, ja Freunde, die ihm schon seit den ersten Castings im Herbst und besonders seit Januar, als die Suche nach unserem Star für Baku richtig losging, zur Seite stehen. Das genießt er. Der Roman aus Rott, einem Ortsteil von Neustadt (Wied) in Rheinland-Pfalz, ist ein bodenständiger Typ, die Reise ins ferne Baku ein Abenteuer. „So etwas Großes“, sagt er, „erlebt man vielleicht nur einmal.“

„Du unterschreibst, so gesehen, deinen Arsch“

Seinen ersten ESC erlebte er 1998. Damals war er acht, und in Birmingham trat ein anderer Pfälzer an zu zeigen, dass so ein Grand Prix Spaß machen kann. „Guildo Horn“, sagt Lob, „das war schon krass.“ Danach kam lange nichts. Erst Lena faszinierte auch Roman Lob wieder so richtig. „Sie war meine Favoritin.“ 2010, als Lena in Oslo mit „Satellite“ gewann, hatte Lob die Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ schon erfolgreich abgebrochen. Man habe auch ihn verkaufen wollen: „Du unterschreibst, so gesehen, deinen Arsch.“

Lob machte seine Mittlere Reife und wurde lieber Industriemechaniker. Nebenher machte er Musik, lauter Sachen, die sich schwer ausschlachten lassen. Der Normalo vom Land wurde schließlich in diesem Jahr Nachfolger der Abiturientin Lena aus der Großstadt Hannover. Ihr Großvater, Andreas Meyer-Landrut, leitete das Bundespräsidialamt von Richard von Weizsäcker, ihr Onkel zweiten Grades, Nikolaus Meyer-Landrut, ist Angela Merkels engster Europaberater. Das klingt schon interessanter als alles, was man über Roman Lob in Erfahrung bringen kann.

„Knuddelig“ und „knuffig“

Roman Lob, soviel immerhin ist bekannt, sammelt Kappen und Mützen. Rund zwei Dutzend hat er mit nach Baku gebracht. Die könnten, meint er, eine Art Glücksbringer sein. Die Frage, welche er sich wohl am Samstag beim Finale aufsetzen wird, treibt seine Fans noch am meisten um. Lob trägt Piercings, sogenannte Plugs, im Ohr, und auf der Brust eine großflächige Tätowierung: ein Mikrofon und darüber den Schriftzug „Never fearful - always hopeful“. Sein Lebensmotto? Vielleicht.

Roman und Lena, die so wenig gemeinsam zu haben scheinen, werden ständig miteinander verglichen. Beide repräsentieren auf ihre Art eine junge Generation in Deutschland. Lob sammelte beim nationalen Vorentscheid die meisten Sympathiepunkte, noch ehe er überhaupt eine Zeile gesungen hatte. Merkwürdig findet er das. Woran das liegen könnte? „Das kann man ja schlecht selbst sagen.“ Und so muss der knapp Zweiundzwanzigjährige damit leben, dass man ihn in der Presse als „Bambi“ und „Welpe“ bezeichnet, als „knuddelig“ und „knuffig“.

Vor allem aber ist er bescheiden und höflich. Und er wirkt auf den Touren durch die Straßen Bakus, die ihm vom Programm der deutschen Delegation vorgegeben werden, ziemlich schüchtern. Die vielen Menschen, die sich auf ihn stürzen, vor allem junge Frauen, scheinen ihn fast zu überfordern. Distanz ist ihm wichtig, sein Privatleben tabu. Ein offenes Geheimnis allerdings, dass seine Freundin in Baku dabei ist.

Der Botschafter am Keyboard

Doch es gibt Roman Lob auch zum Anfassen. Im „Otto Club“ am Montagabend rockt er die Kneipe, singt live, seine Band begleitet ihn: Keyboarder Tobias Schmitz, Gitarrist Marc Awounou, Bassist Alexander Linster und Schlagzeuger Thomas Fietz. Für die Niederländerin Joan Franka, die nach Lob als Gast beim offiziellen deutschen ESC-Abend in Baku auftritt, kommt die Musik vom Band, nach zwei Songs ist Schluss. Lob, Vollblutmusiker und Rampensau, singt vier Lieder. Bei „Standing Still“, der sanften Popnummer, seinem ESC-Beitrag, muss er sich stets zurücknehmen. Das ist gut so. Denn auf der großen Bühne, wo er sein Publikum in der Arena mit an die 17.000 Zuschauern vor lauter Light-Show nicht mal erahnt, kann er sowieso nicht interagieren.

Zwei Proben hatte Lob schon in der Kristallhalle, eine leichte Heiserkeit hat er wieder überwunden. Die Klimaanlagen im sommerlichen Baku machen ihm zu schaffen. Fünf Konzerte hat er in den vergangenen Tagen gegeben, darunter auch im Garten des deutschen Botschafters Herbert Quelle, der ihn am Keyboard begleitete. Quelle wagt zur Begrüßung sogar einige Worte, die Aserbaidschans Regime schon wieder als Kritik verstehen könnte. Dabei verwies der Botschafter am Dienstag nur darauf, dass genau vor 63 Jahren, am 23. Mai 1949, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft getreten ist und dass er stolz darauf sei, die Freiheitswerte und Grundrechte dieser Verfassung in Aserbaidschan zu vertreten. Roman Lob übrigens hofft, dass die Künstler durch die Aufmerksamkeit, die der ESC bietet, in Sachen Menschenrechtsverletzungen Gutes bewirken können.

Ob er ein mulmiges Gefühl hat, dass er auf ewig auf den ESC in Baku reduziert werden könnte, so wie es Guildo Horn ergeht? Nein, sagt er. Wenn er gewinne, sei es schön, wenn nicht, dann sei das auch okay. Das Gefühl, für die Deutschen ein bisschen Stimmung zu machen, könne ihm keiner nehmen. Von seinem Arbeitgeber hat er das feste Versprechen, als Industriemechaniker in den Betrieb zurückkehren zu können. Das findet er beruhigend. Doch Plan B ist für ihn erst einmal kein Thema. „Jetzt mache ich erst mal Musik, und im Herbst gehen wir auf eine Club-Tour.“

Quelle: F.A.Z.
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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