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Tagebuch aus Wien (3)

Auf schlechte Nachbarschaft

Von Stephan Löwenstein, Wien
 - 19:18

Über die österreichisch-deutsche Freundschaft lassen sich vortreffliche Reden halten. Doch es gibt Zahlen, die können gar nicht lügen. An der Singveranstaltung der Eurovision zum Beispiel haben die Nachbarn mit der trennenden gemeinsamen Sprache 47 Mal im Wettstreit miteinander teilgenommen. 30 Mal davon gab Deutschland dem österreichischen Beitrag null Punkte, 21 Mal war es umgekehrt.

Der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer hat sich am Dienstag den richtigen Moment ausgesucht, um diese vernichtende Statistik vorzutragen, nämlich den Empfang der deutschen Botschaft anlässlich des Song Contests in Wien. Besonders erbittert hat die mit einem langen Gedächtnis ausgestatteten Österreicher, dass der große Udo Jürgens bei den drei Malen, die er sich beim „Grand Prix“ versucht hat, von den Deutschen jedes Mal „zéro points“ erhalten hat, selbst 1966, als er gewann. „Da haben wir noch Luft nach oben“, sagte der Sozialdemokrat.

Eurovision Song Contest
Duett von Ann Sophie und Dominic Muhrer
© F.A.Z., F.A.Z.

Ob es dieser diplomatische Druck war oder eine wirklich empfundene Kongenialität - jedenfalls taten die Musiker, die für die beiden Nationen am Samstag antreten, einiges dafür, den Luftraum oberhalb der nachbarschaftlichen Null-Punkte-Grenze auszufüllen. Da waren die drei Burschen aus Oberösterreich von den „Makemakes“, die ihre innere Unabhängigkeit durch ihr Äußeres dokumentieren. Ein geschichtsbewusster Zuschauer fasste es in die Worte, der eine mit schulterlangem Haar und Jeansjacke sehe aus wie vor einem Vierteljahrhundert der erste über die Grenze gelangte DDR-Flüchtling. Und da war die deutsche Sängerin Ann Sophie, die sich in ihren hochwasserfähigen Schuhen nicht so recht wohl zu fühlen schien, aber auf der Bühne mit einer starken Stimme überraschte.

Beide brachten - wie später der australische Gast-Teilnehmer Guy Sebastian - ihre Beiträge zum Wettbewerb dar. Ann Sophie gab a cappella noch ein da capo, fast hätte man sich dieses Lied als Contest-Beitrag wünschen mögen. Dann aber setzte sie sich entspannt mit dem Sänger der Band, Dominic Muhrer, zusammen, und die beiden brachten noch einmal den Song der „Makemakes“. Am Samstag gehen sie wieder getrennte Wege, und es gilt, was Ostermayer sinngemäß so sagte: Dass die Österreicher letztes Mal Erster waren, kann sich ändern, aber dass sie beim ersten Mal Letzter waren, das behalten sie für immer.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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