Aids

Die neue Sorglosigkeit

Von Peter-Philipp Schmitt
© elHITphotography, F.A.Z.
„Ich weiß, wie ich mich schützen kann. Ich hoffe, Du auch.”

Jedes Jahr kurz vor dem Weltaidstag am 1. Dezember geht Lothar in der Frankfurter Innenstadt von Geschäft zu Geschäft. Er versucht die Besitzer dazu zu bewegen, ein „Solidaritätsbärchen“ zugunsten der Aidshilfe auf Kommission hinterlegen zu dürfen. Der Teddy, 15 Zentimeter groß und aus umweltfreundlichem Kuschelmaterial hergestellt, ist seit den Achtzigern ein Sechs-Euro-Symbol der Menschlichkeit. Das Risiko für die Ladeninhaber ist eigentlich gering, doch nur die wenigsten wollen sich beteiligen. „Ich komme mir vor, als würde ich betteln“, sagt Lothar. „In anderen Städten werden bis zu 40.000 Teddys verkauft, hier sind es gerade mal 5000.“ Es frustriert ihn, dass so viele Geschäftsleute nicht mitmachen wollen - offenbar aus Angst vor einer Krankheit, mit der sie lieber nichts zu tun haben wollen.

Lothar - „ich bin ein Vorzeigepositiver“ - hat in den neunziger Jahren Gesicht gezeigt. Er hat bei Hans Meiser und Ilona Christen freimütig seine Lebensgeschichte ausgebreitet. Doch das ist lange her. Ihm macht es zwar noch immer nichts aus, an die Öffentlichkeit zu gehen. Inzwischen aber glaubt er, sein Umfeld schützen zu müssen. Die Situation für einen Aidskranken habe sich verschlechtert. „Selbst die einstige Solidarität unter Schwulen ist nicht mehr vorhanden.“ Seinen richtigen Namen will Lothar nicht in der Zeitung lesen. Sein ehemaliger Freund, ein Friseur, so glaubt Lothar, könnte seine Kunden oder seinen Job verlieren, wenn bekannt würde, dass er mit einem HIV-Positiven im Bett war. „Ängste“, sagt Lothar, „sind irrational.“

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich zu offenbaren?

Dabei passt er auf - anders als viele andere. „Nach Absprache“, das klingt nach etwas, das verhandelbar ist. Lothar aber verhandelt nicht darüber, ob er Sex mit oder ohne Kondom hat: „Ohne geht gar nicht.“ Auch er surft auf der Suche nach einem möglichen Partner durchs Internet. In seinem Profil auf Gayromeo steht aber nicht „Nach Absprache“, sondern dass er kein Problem damit hat, Sex mit einem Mann zu haben, der HIV-positiv ist. „Denn ich weiß, wie ich mich schützen kann. Ich hoffe, Du auch.“ Das klingt für manchen vermutlich uncool - und es verbaut Lothar auf der Kennenlernplattform wohl einige Kontakte. Mehr als die Hälfte der regelmäßigen Nutzer verzichtet - „sehr oft“, „oft“, „manchmal“ oder „selten“ - auf den Schutz vor HIV. Das ergab eine Gayromeo-Umfrage im Jahr 2006 unter mehr als 55.000 Mitgliedern des Chat- und Kontaktportals, das insgesamt an die 600.000 Mitglieder hat.

„Man muss keine Angst vor mir haben”
© elHITphotography, F.A.Z.
„Man muss keine Angst vor mir haben”

Lothar gibt nicht sofort alles von sich preis. In seinem Profil steht zum Beispiel nicht, dass er HIV-positiv ist. Selbst bei einem ersten Treffen von Mann zu Mann spricht er nicht unbedingt über seine Infektion. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich zu offenbaren? Sein Gegenüber, sagt Lothar, könne es ja als Vertrauensbruch verstehen, wenn er erst nach ein paar Tagen, nach etlichen Treffen, womöglich nach dem ersten Sex von dem Virus erfahre. „Andererseits will ich zunächst als Mensch und nicht als Aidskranker wahrgenommen werden.“

Sie ist seit mehr als 20 Jahren tot

Mit 18 Jahren, Ende der Siebziger, war Lothar bereits in der schwulen Szene in Gießen unterwegs. Weil er aus einem katholischen Dorf in der Wetterau stammt, verheimlichte er seine Ausflüge. Der Einzelhandelskaufmann wohnte auch in den achtziger Jahren noch zu Hause und arbeitete im Betrieb der Eltern mit. Damals war er bisexuell. Er hatte mehrere Beziehungen mit Frauen, eine von ihnen infizierte ihn im Jahr 1983. Wie sie sich angesteckt hatte, weiß er, darüber sprechen will er nicht. Warum auch? Sie ist seit mehr als 20 Jahren tot. Wütend auf sie ist er nicht. Natürlich sei die Diagnose ein Schock gewesen, sagt Lothar. „Das Wie und Wo und Wann aber hat keine große Rolle für mich gespielt. Für mich war nur klar: Ich muss jetzt damit umgehen.“

Man sieht dem Siebenundvierzigjährigen seine Krankheit nicht an: Lothar sieht sportlich aus, unter dem Hemd zeichnen sich Muskeln ab. Die Baseballkappe macht ihn jünger. Lothar hat Erfolg auch bei jüngeren Männern. Sobald er aber auf „safer sex“ beharre, gelte er als „uncool“. Wenn ein Kurzzeitpartner aufs Kondom verzichten will, konfrontiert er ihn mit seiner Krankheit. Die Unverbesserlichen, die er zur Rede stellt, werden mehr. Zwischen 2001 und 2007 ist die Zahl der jährlichen HIV-Erstdiagnosen in Deutschland von 1443 auf 2752 gestiegen, um mehr als 80 Prozent. Hauptanteil daran haben Männer, die Sex mit Männern haben. Dass sich zugleich andere sexuell übertragbare Krankheiten wie die Syphilis unter Schwulen stark ausbreiten, spricht ebenfalls für die „Kondommüdigkeit“.

Seine Mutter wusch seine Wäsche separat

Bei der Aidshilfe in Frankfurt kümmert sich Lothar ehrenamtlich um die Gruppe „20+pos“, einen Zusammenschluss junger HIV-Positiver, den es in mehreren Städten gibt. Für die Aidshilfe geht er auch in Schulen, um dort über seine Krankheit zu sprechen. Gleich am Anfang stellt er den Schülern, die zwischen 16 und 25 Jahre alt sind, die Frage, ob sie schon einmal ungeschützten Sex hatten. „Zunächst sagen alle nein. Doch am Ende wird einigen klar, dass sie zumindest unvorsichtig gewesen sind.“ Offenbar glauben viele junge Leute an die Mär, man könne sehen, wenn jemand HIV-positiv ist.

Nach der Diagnose im Jahr 1984 hatte er zunächst überhaupt keinen Sex mehr. Aus Angst und Unwissenheit. Zu wenig war damals über die Immunschwächekrankheit bekannt. Seine Mutter, die anfangs als Einzige von seiner Ansteckung wusste, wusch seine Wäsche immer separat. Sie achtete auch darauf, dass er nicht aus demselben Glas wie seine Geschwister trank. Und wenn er sich beim Essen ein Stück Brot oder Braten mit seinem Messer abgeschnitten hatte, wanderte die nächste Scheibe in den Müll. Schließlich hielt er das Getuschel im Dorf nicht mehr aus. 1991 nahm er nach einer Operation einige Kilogramm ab. Es hieß, der Lothar sehe aber schlecht aus, der sei doch bestimmt krank und habe womöglich sogar Aids. Da sorgte er dafür, dass alle im Dorf von seiner Infektion erfuhren. Die ersten Reaktionen bestärkten ihn. Eine der jungen Frauen im Faschingsverein legte ihm ihr Baby in den Arm. „Sie wollte allen zeigen, dass man keine Angst vor mir haben muss.“ Und seine Schwester trank aus einer Flasche mit ihm.

Sie verlieren Partner, Freunde, Arbeit

Merkwürdig erscheint ihm heute die neue Sorglosigkeit unter jungen Schwulen, die aufs Kondom verzichten, mit den Kranken aber nichts zu tun haben wollen. Die älteren Aidskranken blieben meist unter sich. „Sie trauen sich oft nicht mehr in die Szene.“ Selbst im Café der Aidshilfe distanzieren sich manche der jüngeren von den älteren Gästen, denen man ihre Krankheit ansieht. Da heißt es dann, sie verdürben einem durch ihre Anwesenheit den Appetit. Als Lothar seine Medikamente beim Sommerfest der Aidshilfe mit einem Schluck Wasser am Tisch hinunterspülen wollte, hielt ihm jemand vor, er wolle sich ja nur profilieren.

Wenn er sich mit jüngeren HIV-positiven Schwulen bei der Aidshilfe trifft, geht es um drei Themen: Wie, wem und wann sage ich, dass ich HIV-positiv bin? Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Kombinationstherapie gekommen? Wie soll es mit mir beruflich weitergehen? „Für viele junge Schwule geht nach der Diagnose ihr ganzes Leben in die Brüche.“ Sie verlieren Partner, Freunde, Arbeit. Lothar kennt gleich mehrere Fälle, in denen ein HIV-Positiver aus dem Job gemobbt wurde oder vom Arbeitgeber gekündigt.

40 Tabletten täglich

Im August musste die Frankfurter Aidshilfe für eine Woche wegen Geldmangels schließen. Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen hatten weniger Geld gegeben, die Tarife im öffentlichen Dienst wurden erhöht. In diesem Jahr fehlen der Aidshilfe schon 95.000 Euro, 2009 werden es 160.000 Euro sein. Vergessen werde oft, sagt Lothar, dass auch heute noch Menschen in Deutschland an dem HI-Virus stürben. Allein in Frankfurt sind 2007 nach Angaben der Aidshilfe 82 Patienten an der Immunschwächekrankheit gestorben. Lothar hat gerade erst eine Lungenentzündung überstanden. Dank der Medikamente, die er seit bald zwölf Jahren einnimmt, liegt seine Viruslast unter der Nachweisgrenze, der Erreger kann in seinem Blut also kaum noch festgestellt werden. Da er keine anderen sexuell übertragbaren Krankheiten hat, kann man ihn sogar als „nicht-infektiös“ bezeichnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das HI-Virus beim Sex überträgt, ist so gut wie null.

Die Therapie mit antiretroviralen Medikamenten kann aber das Kondom nicht ersetzen, meint Lothar, schon deshalb, weil die Virusmenge im Blut ja meist nur alle drei Monate kontrolliert werde. Lothar begann die Behandlung 1997 an der Universitätsklinik in Frankfurt, wohin er wegen der besseren medizinischen Versorgung umzog. Nach drei Jahren wirkten seine Medikamente plötzlich nicht mehr, er magerte stark ab und musste ins Krankenhaus. Er wurde neu eingestellt, bekam andere Medikamente und hatte Glück, die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen: Manchmal fühlt er sich schlapp, oft ist er müde, oder er leidet an Durchfall, aber zum Beispiel nicht unter der gefürchteten Fettverteilungsstörung (Lipodystrophie), bei der sich ein Stiernacken bilden kann, während das Gesicht ausgezehrt wirkt. Im vergangenen Jahr ein weiterer Rückschlag: Das Virus bildete Resistenzen gegen einige Medikamente, wieder musste die Therapie umgestellt werden. Inzwischen hat sich seine Gesundheit stabilisiert. Als er mit der Behandlung begann, schluckte er an die 40 Tabletten täglich, heute sind es noch sechs.

Kaum noch Aufklärung

„Wir Aidskranke sind Versuchskaninchen“, sagt er. „Ohne uns gäbe es die großen Erfolge in der Aidsforschung nicht.“ Und ohne die Aidsforschung wiederum könnten die Patienten nicht überleben. Auch wenn Lothar Frührentner ist: Er ist fast genauso aktiv wie ein gesunder Mensch. Anderen aber geht es nicht so gut. Und es gibt immer mehr Kranke, während über die Krankheit kaum noch aufgeklärt wird. „Was heute an Aidsprävention eingespart wird“, meint Lothar, „muss später doppelt und dreifach bezahlt werden.“

Zur Zeit lebt Lothar allein. Die längste Beziehung zu einem Mann ging nach fünf Jahren in die Brüche, eine andere Beziehung dauerte drei, eine weitere zwei Jahre. „Meine Partner waren auch nach unseren Trennungen HIV-negativ.“ Ihm fällt es leichter, mit einem Mann zusammen zu sein, der nicht an Aids erkrankt ist. Es sei für die Psyche nicht gut, ständig ein krankes Spiegelbild zu haben. Sobald aus einer Beziehung mehr wird, will er ehrlich über seine Erkrankung sprechen, selbst auf die Gefahr hin, dann wieder alleine zu sein. Und er will weiter nicht aufs Kondom verzichten. „Auch der ungeschützte Sex zwischen zwei HIV-Positiven ist nicht ungefährlich. Man kann sich immer auch einen zweiten Virusstamm einfangen.“ Aber er will auch nicht ausschließen, dass sich irgendwann einmal jemand bei ihm anstecken könnte: „Wir sind doch alle nur Menschen.“

Größere Lebenserwartung
Die Zahl der Aids-Toten in Deutschland ist weiter rückläufig. Das Statistische Bundesamt teilte am Freitag anlässlich des Welt-Aids-Tages am kommenden Montag mit, dass im Jahr 2007 insgesamt 461 Menschen an der Immunschwächekrankheit starben - im Jahr 2006 waren es noch 504. Wegen neuer Wirkstoffe und Kombinationstherapien steigt die Lebenserwartung der HIV-Infizierten weiter. Das Sterbealter lag 2007 bei 50,0 Jahren (Frauen 49,4, Männer 50,1 Jahre), zehn Jahre zuvor noch bei 42 Jahren. Seit dem ersten dokumentierten Fall in Deutschland 1982 sind bisher etwa 27 000 Menschen an Aids gestorben. Die Zahl der Neuerkrankungen ist im Vergleich zum Vorjahr um 100 Fälle auf etwa 2800 HIV-Neuinfektionen im Jahr 2007 gestiegen, wie die jüngsten Daten des Robert-Koch-Instituts zeigten. Im Jahr 2008 sollen es sogar etwa 3000 gewesen sein. (F.A.Z.)

Quelle: F.A.Z.
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